Zwei uniformierte Polizisten in jedem Nacht-U-Bahnzug haben Politik und Polizeiführung versprochen. In der Realität ist das kaum durchgehend umzusetzen, zeigt ein Lokalaugenschein.
Wien - Die Mathematik ist ein Hund. Und kann die vollmundigsten Ankündigungen zur Makulatur werden lassen. Wie jene, dass bei der neuen Nacht-U-Bahn in jedem der eingesetzten 22 Züge zwei Polizisten präsent sind, wie noch in der Freitagnacht ausgeteilten Presseunterlage der Wiener Linien zu lesen ist. Das Problem: Es gibt nur 22 Doppelstreifen uniformierter Beamter. Und wenn eine von diesen einen Zug verlässt, beginnt das logistische System zu wanken.
Der Start verläuft in der Nacht auf Samstag, in der 63.000 Menschen die U-Bahn nutzen, noch planmäßig. Die Polizistinnen und Polizisten strömen gegen ein Uhr in den Stationen Karlsplatz und Westbahnhof die Rolltreppen hinunter und verteilen sich in den Zügen. Mit blauen Baretten auf dem Kopf stehen sie meist in der Mitte des Zuges und lassen den Blick schweifen.
Arbeit haben sie zunächst kaum. Einsatzleiter Werner Granig steht am Reumannplatz in Wien-Favoriten an der Oberfläche, als sein Funkgerät aktiv wird. "Die Wiener Linien melden, dass die ÖVP Flugzettel in den Zügen verteilt und wollen, dass wir etwas machen", ist zu hören. Der Oberstleutnant schaut kurz etwas verdutzt und gibt dann die Anweisung an alle: "Wir haben da keinen Grund einzuschreiten", lässt er wissen.
Doch was als einfache Übung beginnt, zerbröselt im Laufe der Nacht. Beispiel U3: Bei sieben Fahrten zwischen den Stationen Volkstheater und Westbahnhof und retour sucht man zwischen drei und 4.20 Uhr in fünf die vier Augen des Gesetzes vergeblich. Das gleiche Bild auf je zwei Fahrten auf der U1 und der U2. Zu der Zeit, in der die meisten Menschen heimwärts rollten, fehlten also in neun von elf Zügen die Beamten.
Wie das passieren kann, zeigt sich in der Nacht auf Sonntag, in der 38. 000 Fahrgäste gezählt werden, als der Standard eine Patrouille begleitet. Am Schwedenplatz fallen den Beamten zwei Glatzköpfe auf, einer davon mit Londsdale-Sweater. Eine Kontrolle bringt ein Säckchen Marihuana zum Vorschein. Die beiden werden auf die nächste Polizeiinspektion gebracht - wo einer der beiden plötzlich mehrere Drogendelikte gesteht. Eineinhalb Stunden vergehen so, Zeit, in denen eine U-Bahn alleine fährt.
"Unser Konzept sieht vor, dass an wichtigen Knotenpunkten vier bis zehn Beamte extra stationiert sind, die solche Fälle übernehmen können", erklärt Einsatzleiter Granig. Allerdings: "Es hat in der Nacht auf Samstag 105 Identitätsfeststellungen gegeben", erklärt Polizeisprecher Mario Hejl, in der Nacht auf Sonntag waren es 108. Nicht alle können an diesen Knotenpunkten durchgeführt werden. Und schließlich können auch Toilettenpausen dazu führen, dass Züge verlassen werden müssen.
Nur: Ist der Zug einmal leer, kann es im schlimmsten Fall bis zu einer Stunde dauern, bis der wieder in der Station eintrifft, in der die Beamten ausgestiegen sind. In der Nacht auf Sonntag funktioniert es zwar besser, perfekt ist es immer noch nicht.
"Wir müssen uns das alles jetzt einmal ansehen", meint Einsatzleiter Granig dazu. Polizeiintern ist zu hören, ob es nicht vernünftiger wäre, die Präsenz auf einen stark genutzten Kernbereich zu konzentrieren und nicht Beamte in fast leeren Zügen in den Randbezirken herumfahren zu lassen.
Eisern geschwiegen wird über die Kosten für die rund 60 uniformierten Polizisten und 20 Kriminalbeamten an zwei Nächten pro Woche. Billig können sie nicht sein. Der im März eingestellte Einsatz von sechs täglichen Nachtstreifen à zwei Kriminalbeamten kam laut der Fachzeitschrift Kriminalpolizei auf rund 1,3 Millionen Euro. Dass ein monetärer Zusammenhang besteht, dass diese Streifen etwa ein Monat nach dem "Ja" der Wiener zur Nacht-U-Bahn beendet wurden, bestreitet Polizeisprecher Johann Gollob heftig. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun." (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2010)