Schlingensief-Doku auf Arte

Wirbel, der er war

05. September 2010 19:11

"Piloten": Eine "Talkshow in sechs Folgen, die nie ausgestrahlt wird" - Ein rührend- komisches Gemeinschaftsereignis

"Wie's aussieht, stirbt er." Damals war es noch ein anderer Tod, jener seines Vaters, der Christoph Schlingensief bevorstand, der über ihn hereinbrach, den er auffing in der aktionistischen Medienreflexion seiner Experimental-Talkshow "Piloten", den er in seiner Selbstdarstellungsuntersuchung verwertete, weil er, wie er selbst in der Sendung sagt, seinen "Vater für eine beschissene Talkshow alleine lässt".

Diese Etüde über die "Symbolmaschine Fernsehen", diese laut Untertitel "Talkshow in sechs Folgen, die nie ausgestrahlt wird", die wird ärgerlich sein, erklärt er, und: "Das machen wir." Und heraus kam ein Chaos, das andere als solches wahrnahmen, ein rührend- komisches Gemeinschaftsereignis, in dem er mit allen Metaebenen um sich schlug, in dem er mit Drastik, mit Einbrüchen und Relativierungen von Realität spielte, in dem er sich abrackerte, um irgendwo im medialen Gesellschaftssumpf die Illusionen der feigen Menschen für kurze Zeit zu durchbrechen.

Teilnehmer seines Experiments wurden zu Superstars einer Menscheninstallation: wie Kerstin, die als Running-Gag ihre Mobbing-Show zum Besten gab (Schlägerei bei Suhrkamp, Männer ausgespannt, in den Bauch getreten, Schwangerschaftsabbruch), oder Hermann Nitsch (der dachte, es geht hier um Kriege-Vermeiden ohne Waffen), oder Rapper Sido, dem Schlingensief erklärt, dass er seine Augenkrankheit auf die Gesellschaft projizieren will. (Sido: "Ich höre alles, aber ich verstehe nichts.")

Arte zeigt Montagnacht das filmische Protokoll von Cordula Kablitz-Post, die das Projekt mit der Kamera begleitete. Die posthume Ausstellung entschleunigt den Wirbel, der Christoph Schlingensief war. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 6.9.2010)

Perynt
06.09.2010 12:54
Dass dieser Theater- und Politikclown

... das Kultur-Establishment so faszinierte, liegt wohl eher an den biederen, spießigen und Schnarchsäckigen Kulturelite als an irgendeiner herbeigeredeten "Geniali-" oder Originalität des Windmachers.

Naja, ab nun laufen wieder die endlosen und öden Reminiszenzen auf den gleichen öden und schnarchsäckigen Medien auf einen, der nichts wusste, nichts mitzuteilen hatte und nichts konnte, ausser seine Geldgeber und sein Publikum zu übertölpeln .... aber DAS konnte er gut.

*Gäähn*

Spaceman Spiff
06.09.2010 18:30

"herbeigeredeten"

und wer hat das "herbeigeredet"?

Pastor Schutter
05.09.2010 20:53

War eh schon im ORF, in memoriam.
Und zum Ärgern war's wirklich.

maxxxxx
05.09.2010 22:32

Nein, das war sehr gut und interessant!

roge
 
06.09.2010 10:04
Christoph Schlingensief

Da ich die ehre und das vergnügen hatte unter Christophs regie ein paar mal mit zu wirken, darf ich betonen wie wichtig er war! Er war ein wunderbar netter "boss" am set, ja fast ein Freund!
Ein durch und durch super mensch mit weltklasse! In meinem leben eine bereicherung! Danke Christop!

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