"Piloten": Eine "Talkshow in sechs Folgen, die nie ausgestrahlt wird" - Ein rührend- komisches Gemeinschaftsereignis
"Wie's aussieht, stirbt er." Damals war es noch ein anderer Tod, jener seines Vaters, der Christoph Schlingensief bevorstand, der über ihn hereinbrach, den er auffing in der aktionistischen Medienreflexion seiner Experimental-Talkshow "Piloten", den er in seiner Selbstdarstellungsuntersuchung verwertete, weil er, wie er selbst in der Sendung sagt, seinen "Vater für eine beschissene Talkshow alleine lässt".
Diese Etüde über die "Symbolmaschine Fernsehen", diese laut Untertitel "Talkshow in sechs Folgen, die nie ausgestrahlt wird", die wird ärgerlich sein, erklärt er, und: "Das machen wir." Und heraus kam ein Chaos, das andere als solches wahrnahmen, ein rührend- komisches Gemeinschaftsereignis, in dem er mit allen Metaebenen um sich schlug, in dem er mit Drastik, mit Einbrüchen und Relativierungen von Realität spielte, in dem er sich abrackerte, um irgendwo im medialen Gesellschaftssumpf die Illusionen der feigen Menschen für kurze Zeit zu durchbrechen.
Teilnehmer seines Experiments wurden zu Superstars einer Menscheninstallation: wie Kerstin, die als Running-Gag ihre Mobbing-Show zum Besten gab (Schlägerei bei Suhrkamp, Männer ausgespannt, in den Bauch getreten, Schwangerschaftsabbruch), oder Hermann Nitsch (der dachte, es geht hier um Kriege-Vermeiden ohne Waffen), oder Rapper Sido, dem Schlingensief erklärt, dass er seine Augenkrankheit auf die Gesellschaft projizieren will. (Sido: "Ich höre alles, aber ich verstehe nichts.")
Arte zeigt Montagnacht das filmische Protokoll von Cordula Kablitz-Post, die das Projekt mit der Kamera begleitete. Die posthume Ausstellung entschleunigt den Wirbel, der Christoph Schlingensief war. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 6.9.2010)