Lisa Nimmervoll

Der innere Schulkummer

05. September 2010 18:01

Über das Leid der "schlechten Schüler" und das Glück eines einzigen guten Lehrers

Schulbeginn - die Zeit, in der allerorts strahlende Kinder mit bunten Schultüten präsentiert werden. Nicht ins Blickfeld aber kommen die, die verdruckst und mutlos in die Schule zurückkehren, die am liebsten unsichtbar wären, um ihr zu entkommen. Die Kinder, für die die Schule eine Qual ist, die sie zu Versagern macht - die "Schulversager".

"Keine Zukunft. Kinder, aus denen nichts werden wird. Kinder, an denen man verzweifelt. Ich war immer, von der ersten bis zur letzten Klasse, felsenfest von einem solchen Leben ohne Zukunft überzeugt. Es ist überhaupt die erste Überzeugung, zu der ein schlechter Schüler gelangt." - Das schreibt der französische Schriftsteller Daniel Pennac in seinem Buch Schulkummer. Er, selbst ein Parade-Schulversager, wurde später leidenschaftlich-beseelter Lehrer und vergaß doch den "Schmerz, nichts zu begreifen und seine Kollateralschäden" nie.

Der Schulbeginn ist ein guter Zeitpunkt, um über diesen Schmerz zu reden. Denn sie kommen in der Schuldebatte nicht vor, die "schlechten Schüler", die "Problemschüler", die "Lernschwachen". Ihr einziger Schutz vor der totalen, öffentlichen Demütigung (neben der erdrückenden inneren) ist das Durchschnittskollektiv in den Statistiken. Es heißt dann, Österreich war bei der Pisa-Studie "mittelmäßig". Die, die sich besser wähnen, schreien laut auf, die, die sich für die Dummen halten, schweigen und bleiben mit ihrer Scham allein.

"Es ging darum, den Menschenfresser Schule zu besänftigen. Alles tun, damit er mich nicht verschlingt", beschreibt es der Schulkummer-Kenner.

Im "Schulversager" bündelt sich eine tiefe gesellschaftliche Angst: Die Angst, dass ein Kind - meines! - nichts wird. Sie ist das Unterfutter der hysterischen Gesamtschuldebatte, die ihre ganze Verachtung für die vermeintlichen "Minderleister" in einer gemeinsamen Schule, die das Versprechen auf eine große Zukunft durch ihre bloße Anwesenheit beschädigen könnten, auskotzt. Es ist die Angst vor dem sozialen Statusverlust, die die Schulpolitik paralysiert. Denn es geht nicht mehr primär darum, dass aus dem eigenen Kind einmal mehr wird als aus den Eltern. Es darf auf keinen Fall weniger werden. Der Preis dieser Zukunftsbesessenheit, die den Wert der Gegenwart zu vergessen scheint, ist hoch: Der Kindheit wird das Kind ausgetrieben. Alles, was das Kind in der Schule tut, tut es für später. Entscheidend ist, was es einmal wird. Wer jetzt ein "Versager" ist, wird immer einer sein. Aber wer mit diesem Selbstbild groß wird, wird immer kleiner bleiben, als er oder sie sein könnte.

Wer kann/soll da helfen? "Ein einziger Lehrer genügt - ein einziger -, um uns vor uns selber zu erretten und uns alle anderen vergessen zu machen."

Wer das Glück hatte, so einen Lehrer zu haben, der - ansprechbar, nahbar - ein Gefährte ins Leben war, kann die Bedeutung der Lehrer/innen für die Zukunft erahnen. Oder wie Pennac sagt: "Ich glaube, dass man den Lehrerberuf nicht anders auffassen darf: All das Schlechte, das über die Schule gesagt wird, verstellt uns den Blick darauf, wie viele Kinder sie vor dem Fatalismus der Familien bewahrt hat, vor Macken, Vorurteilen, einem Ende im Leichenschauhaus, vor Unwissenheit, Dummheit, Gier, Unbeweglichkeit."

Wenn diese Dimension von Schule und jenen, die dort arbeiten - Schüler und Lehrer -, ins Blickfeld gerät, ist die Schuldebatte dort, wo Schule wirklich stattfindet und was sie unendlich Großes für die Gesellschaft leisten kann.

(Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2010)

Kommentar posten
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Shaman141
 
06.09.2010 16:13
.-..

ich hatte so eine lehrerin - engagiert, beliebt bei den schülern, verständnisvoll und respektiert! sie wurde von den anderen lehrern rausgemobbt, da diese ihren eigenen sturen lehrplantrott durch diese höheren maßstäbe bedroht sahen - diese pragmatisierten sesselkleber der alten schule, die immer noch dem rohrstöckchen nachtrauern - und das gros des lehrkörpers stellen! grauslich!!!

Sir Robert von Locksley
06.09.2010 16:05
Noch schöner wäre der Artikel, wenn

nicht unterschwellig impliziert würde, dass diese LehrerInnen so selten sind. In meiner Schule ist es jeden falls nicht so.

Laandaks
06.09.2010 15:37
Das ist ein guter Artikel, der in mehrere Richtungen weiterdiskutiert werden könnte & sollte. Ich krame jetzt einmal in meinen Erinnerungen über die Lehrer …

…Ich war relativ gut, hatte wenig Problem mit Lehrkräften, von denen ich aufgr. meiner Vita relativ viele hatte: Rund 80% solides Mittelmaß, einige ganz schlecht, einige ganz ausgezeichnet, die einem viel (bis heute wirksam) gaben. Im Rückblick muß ich über einige (gewachsene Kritikfähigkeit) frühere Urteile revidieren, weil man bei manchen erst im nachhinein erkennt, was sie wollten und taten, und sich inzwischen vom vorherrschenden Urteil der Kameraden unabhängig gemacht hat. (B. hatte eine Zahnlücke und feuchte Aussprache, war aber engagiert und extrem gut vorbereitet.)

Paradox: O. war ein sehr guter Lehrer, aber leider ungerecht. M. war lustig und sehr unterhaltsam, nur lernte man nichts bei ihm (merkte ich erst im Jahr darauf) usw...

Laandaks
06.09.2010 15:35
Eine gute Lehrkraft ist wohl die, die ihre Schüler „kennt“, sich mit ihnen auseinandersetzt - und auch verhindert, daß in der Klasse Mobbing entsteht…

Und diese Sozialkontrolle müßte sich auch außerhalb der Klasse fortsetzen, ja selbst außerhalb der Schule. Und da krankt es, einerseits an Desinteresse bzw. Angst der Lehrer, andrerseits am fehlenden Rückhalt von Eltern, Direktion und Öffentlichkeit (inkl. Medien!).

Hinzu kommt, daß man zuwenig auf die Qualität der Lehrkräfte schaut(e): Absolventen wurden nach Vit. B und/oder Anciennität angestellt, niemand achtete auf die spezif. didaktische und pädagogische Fähigkeiten der Einzelnen.
Und die sind sehr wichtig: Ich habe nicht vergessen, daß wir Schüler, v.a. in der Pubertät, unleidlich sein konnten und uns auf Kosten der Lehrer profilieren wollten. Und es gab Lehrer, die „konnten“ mit uns, andere, die uns eher hilflos ausgeliefert waren.

Laandaks
06.09.2010 15:34
Noch ein Wort zu den Eltern: Viele sind am Fortschritt und am Weiterkommen der Kinder interessiert - allerdings geht das bis zu Noteninterventionen u.a.m.,

… ein Problem, das auch mit unseren spezifischen Schulzugangsregelungen zusammenhängt: Statt Aufnahmsprüfungen sind eben gute Noten aus der Volksschule gefordert. Logisch..?

Aber – auch wenn das vielfach nicht gern hört wird: Es gibt auch desinteressierte Eltern; das muß nicht unbedingt vernachlässigte Kinder bedeuten, aber sie wollen/können sich nicht um die Schule kümmern.

Und dann gibt es leider auch Eltern, die eben _nicht_ wollen, daß aus ihren Kindern mehr wird: Sowohl Angst vor späterem Herabsehen der Kinder als auch soziale Vorurteile (negativ gewendet) können da hineinspielen: Auch einer der Gründe, warum sog. Unterschichtenkinder weniger oft auf höhere Schulen gehen (dürfen). Da wären eben Lehrer gefragt, die den Eltern zureden.

manto bamminger
06.09.2010 15:22
Super artikel

Und ja die schule versteht es schon extrem begabten menschen die aber halt auch extremere lebensformen lieben zu zerstören.

Dumm darf man ruhig sein in der schule aber wehe man wird laut.

Ich denke auch das es sich um ein menschliches problem handelt.
Nicht die größe eines Menschen wird in der schule gefördert sondern nur die menge an abrufbarem wissen.
Ich kenne viele Maturanten, und viele Hauptschüler
gelehrte gibt es da und dort viele, aber nur die einen werden für wissen bezahlt, intelligenz ist im berufleben nur dann von vorteil wenn man selbstständig ist.
ansonsten lautet die devise, ich werd hier nicht fürs denken bezahlt

Mike 23
06.09.2010 14:37
Das ist nur die halbe Wahrheit

Ich kenne persönlich mehr gute als schlechte Schüler, die sich in der Schule nicht wohlgefühlt haben.

Und von vielen Einser-Schüler weiß ich, dass sie sich ebenso außerhalb der Klassengemeinschaft empfunden haben, wie sogenannte "Schulversager".

Michael

Phillip Decker
06.09.2010 14:19
Schulversagen...

Dass Schulversagen nicht zu Versagen im späteren Leben führt, hat sich offenbar noch nicht bis zur Frau Nimmervoll durchgesprochen. Wie oft hat wohl schon ein Lehrer in Österreich folgenden Spruch-zumindest dem Sinn nach gehört: "Mei Vater hat zwar nur die Hauptschule abgeschlossen, verdient aber fünfmal so viel wie Sie ". Den "richtigen" Schmez kann nur das "richtige" Leben bereiten, die Schule kann nur hilfreich sein, diesen "Schmerz" möglichst gering zu halten...

Mock Turtle
06.09.2010 18:54

"Dass Schulversagen nicht zu Versagen im späteren Leben führt, hat sich offenbar noch nicht bis zur Frau Nimmervoll durchgesprochen." - Ihnen ist aber schon aufgefallen, dass recht ausführlich ein ehemaliger 'Schulversager' zitiert wird, der selbst - offensichtlich engagierter - Lehrer und Buchautor geworden ist?

Phillip Decker
06.09.2010 20:21
Offenbar

können Sie nicht sinnerfassend lesen. Wenn einer nur HS-Abschluss hat, kann er nicht Lehrer werden.
Ich meine Leute-Alterskollegen von mir- die NUR HS-Abschluss haben und erfolgreiche Unternehmer
oder gute (!) Handwerker wurden. Viele verdienen weit mehr als nur das Fünfache von mir als Lehrer !

Sulla
06.09.2010 14:44

Wenn dieser Schulversager wirklich das 5 fache eines Lehrergehaltes verdient, dann sind das ca. 200.000 € brutto/Jahr. Soviel verdienen nicht viele. Allzu oft werden Lehrer diesen Spruch wohl noch nicht gehört haben.

lagos
06.09.2010 13:31
Chapeau!

Lisa Nimmervoll at her best!

randolf
06.09.2010 11:42
Ja ja

Tja meine vor hoch Schulbildung war geprägt von Phrasen seitens der Lehrer wie "Morgen es Hüfshackla" oder "da schau her, sie wissen net das eh um sunst is" und das im Gym. Glücklicherweise, hatte ich dann ab der HTL Lehrer die wenigstens fachlich motiviert waren...

Onkel Hans1
06.09.2010 11:25
Vielleicht wiegt meine persönliche Erfahrung zu stark, aber ich glaube, dass es primär nicht um das Versagen als Schüler sondern als Mensch geht.

Lehrer, die Schüler nach Kategorien abstempeln, statt sie als Menschen wahrzunehmen und zu unterstützen, schaffen ein unfreundliches Umfeld in dem auch der natürliche Drang die Welt zu erkunden ausgelöscht wird.

Wobei das Schulversagen eben nur Aspekt ist. Ich kenne zumindest einen Menschen, der sehr gute Zeugnisse hatte, sich als Schüler nie quälte und heute, 20 Jahre später, noch einen Grol gegenüber einigen seiner Lehrer hegt.

Wobei ich gar kein dezidierter Freund alternativer Schulen bin. Ich glaube, dass ein gewisser Drill und ein bissl Auswendiglernen nicht schaden kann, wenn der Lehrer dem Schüler mit Respekt entgegentritt und sich ihm als Förderer zeigt, nicht als ein ablehnender Zyniker und Machtmensch.

Pe Sa
06.09.2010 13:52

selbsdisziplin ist das zauberwort für erfolg und die selbst-produktion von erfolgserlebnissen.
das muss finde ich das oberste ziel sein.
ob das erreicht wird durch Drill wie sie es auf der einen Seite beschreiben (was durchaus funktioniert) oder durch ausschließlich positive worte (was ja auch funktioniert) ist mir egal. Wie immer liegt die Wahrheit dazwischen (Zuckerbrot und Peitsche funktioniert noch immer am besten. Fehlverhalten sanktionieren, Erreichtes belohnen. Mit nur einem Aspekt geht auch, aber ich glaube bei weitem nicht so gut)

Onkel Hans1
06.09.2010 14:21
Zuerst kommt die Freude am Schaffen (Motivation).

Disziplin ist wichtig, wird aber von der einen Seite über- von der andern unterbewertet.

Außerdem wird auch Erfolg überbewertet.

Sie dürfen nicht vergessen, wofür die Pflichtschule überhaupt "erfunden" wurde. Wir brauchen nicht Unterthanen oder Soldaten. Wir brauchen selbstbestimmte Menschen, die zu solchen gefühlen wie Freude oder Anteilnahme fähig sind.

Da der Mensch nicht nur als Individuum, sondern auch in der Gesellschaft lebt, gebe ich Ihnen teilweise recht.

Wichtiger ist aber: Auch das Kind ist in erster Linie Mensch und will als solcher wahrgenommen werden.

randolf
06.09.2010 11:15
Ja ja

Super Artikel! und dass am Montag und dann auch noch im St. der ja anscheinedn die Blattlinie vertritt- es gibt keine Probleme in der Schule, alle haben die Chance alles zu werden und die Schule ist nicht dazu da Exzellenzen zu bilden und die Lehrer sind faire Beurteiler und nicht Schikanierer...

Zugeteilt und unterstellt
06.09.2010 10:33
Es gibt solche Lehrer!

In diesem Sinne einen herzlichen Gruss in die Stiftgasse an den Herrn Günther!

postfuchs3
06.09.2010 07:50
Da beginnt der Tag gleich viel besser!!!

Ein wunderbarer und wohltuender Artikel!
In meiner Gymnasiumzeit (Ettenreichgasse in den 70 erJahren) hatte ich 2 grauenhafte Lehrerinnen in Mathematik und Deutsch. Sie haben mich runtergemacht und verspottet und vieles in mir kaputtgemacht! Leider konnte ich sie niemals zur Rede stellen und fragen, warum sie damals so unmenschlich agiert haben.
Aber ich hatte in meiner Handelsschulzeit dann gleich geballt vier wunderbare Lehrer, die mir den Glauben an kompetente und menschliche Lehrer wieder zurückgaben.
Bei unserem letzten Klassentreffen immerhin §0 Jahre nach Ende der Schulzeit habe ich mich nochmals bei ihnen bedankt.
Wichtig ist, dass wir unseren Kindern immer wieder sagen, dass sie schon Jemand sind und nicht Jemand werden müssen.

Pe Sa
06.09.2010 13:56

und wenn sie ihnen nur sagen das sie schon jemand sind, wo ist dann die motivation jemand zu werden ?

2 lehrer die mies waren, und was war der rest ? :)
4 lehrer die gut waren, und was war der rest ? :)
indifferent?

wichtiger ist denke ich den kindern klar zu machen das sie etwas werden können, und nicht schon etwas zu sein. sie müssen selbstvertrauen bekommen hürden überwinden zu können, und nicht schon überwunden zu haben. dazu muss man ihnen natürlich hürden aufstellen. weise und ein bisschen hinterhältig, ohne das sie es merken, immer solche welche sie mit mühe noch überwinden :).

Sulla
06.09.2010 14:47

In Ihrer Welt möcht ich nicht leben!

postfuchs3
06.09.2010 14:06
Wieso indifferent?

Aber ich werde mich bemühen Ihnen zu antworten:
Die anderen Lehrer im Gymnasium waren erträglich - nicht gut aber zumindest nicht garstig oder grausam.
Und in der Handelsschule waren der der Rest der Lehrer auch ganz toll - aber eben einige gerade zu
begnadete Lehrer.
Zu Ihrer anderen Frage: ich denke, ich motiviere mein Kind am besten, durch das, was ich ihm vorlebe und die Werte die ich ihm vermittle.
Aber ich möchte meinem Kind eben auch sagen, dass es für mich und auch die Gesellschaft schon wertvoll ist, auch wenn es kein Vorzugsschüler ist und so weiter.

Steinbock1959
06.09.2010 06:29

Wirklich guter Kommentar!

Shrike
06.09.2010 01:01
DANKE

Selten hat mir ein Kommentar derart aus der Seele gesprochen.

An unserer Schule geht es für die meisten Kinder nicht darum, sich zu entfalten und zu wachsen. Es geht darum, die Schule möglichst unbeschadet hinter sich zu bringen. Die meisten Lehrenden in Österreich zerbrechen irgendwann unter dem System und kapitulieren - so sie den Beruf überhaupt aus echtem Interesse ergriffen haben. Auch ich hatte das Glück - ganz am Ende meiner Bildungslaufbahn - einem (einzigen) Lehrenden zu begegnen, der das Beste aus mir herausgeholt hat. Bis dahin habe ich mich immer nur durch gewurstelt und gehofft, dass ich nicht auffalle. Wer diesen Unterschied einmal erlebt hat, der weiss welches Potential ein empathischer Lehrer entfalten kann.

anne manner
05.09.2010 22:05
Wow. Danke!

Was für ein wunderbarer, kluger, ermutigender Artikel!

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