Über das Leid der "schlechten Schüler" und das Glück eines einzigen guten Lehrers
Schulbeginn - die Zeit, in der allerorts strahlende Kinder mit bunten Schultüten präsentiert werden. Nicht ins Blickfeld aber kommen die, die verdruckst und mutlos in die Schule zurückkehren, die am liebsten unsichtbar wären, um ihr zu entkommen. Die Kinder, für die die Schule eine Qual ist, die sie zu Versagern macht - die "Schulversager".
"Keine Zukunft. Kinder, aus denen nichts werden wird. Kinder, an denen man verzweifelt. Ich war immer, von der ersten bis zur letzten Klasse, felsenfest von einem solchen Leben ohne Zukunft überzeugt. Es ist überhaupt die erste Überzeugung, zu der ein schlechter Schüler gelangt." - Das schreibt der französische Schriftsteller Daniel Pennac in seinem Buch Schulkummer. Er, selbst ein Parade-Schulversager, wurde später leidenschaftlich-beseelter Lehrer und vergaß doch den "Schmerz, nichts zu begreifen und seine Kollateralschäden" nie.
Der Schulbeginn ist ein guter Zeitpunkt, um über diesen Schmerz zu reden. Denn sie kommen in der Schuldebatte nicht vor, die "schlechten Schüler", die "Problemschüler", die "Lernschwachen". Ihr einziger Schutz vor der totalen, öffentlichen Demütigung (neben der erdrückenden inneren) ist das Durchschnittskollektiv in den Statistiken. Es heißt dann, Österreich war bei der Pisa-Studie "mittelmäßig". Die, die sich besser wähnen, schreien laut auf, die, die sich für die Dummen halten, schweigen und bleiben mit ihrer Scham allein.
"Es ging darum, den Menschenfresser Schule zu besänftigen. Alles tun, damit er mich nicht verschlingt", beschreibt es der Schulkummer-Kenner.
Im "Schulversager" bündelt sich eine tiefe gesellschaftliche Angst: Die Angst, dass ein Kind - meines! - nichts wird. Sie ist das Unterfutter der hysterischen Gesamtschuldebatte, die ihre ganze Verachtung für die vermeintlichen "Minderleister" in einer gemeinsamen Schule, die das Versprechen auf eine große Zukunft durch ihre bloße Anwesenheit beschädigen könnten, auskotzt. Es ist die Angst vor dem sozialen Statusverlust, die die Schulpolitik paralysiert. Denn es geht nicht mehr primär darum, dass aus dem eigenen Kind einmal mehr wird als aus den Eltern. Es darf auf keinen Fall weniger werden. Der Preis dieser Zukunftsbesessenheit, die den Wert der Gegenwart zu vergessen scheint, ist hoch: Der Kindheit wird das Kind ausgetrieben. Alles, was das Kind in der Schule tut, tut es für später. Entscheidend ist, was es einmal wird. Wer jetzt ein "Versager" ist, wird immer einer sein. Aber wer mit diesem Selbstbild groß wird, wird immer kleiner bleiben, als er oder sie sein könnte.
Wer kann/soll da helfen? "Ein einziger Lehrer genügt - ein einziger -, um uns vor uns selber zu erretten und uns alle anderen vergessen zu machen."
Wer das Glück hatte, so einen Lehrer zu haben, der - ansprechbar, nahbar - ein Gefährte ins Leben war, kann die Bedeutung der Lehrer/innen für die Zukunft erahnen. Oder wie Pennac sagt: "Ich glaube, dass man den Lehrerberuf nicht anders auffassen darf: All das Schlechte, das über die Schule gesagt wird, verstellt uns den Blick darauf, wie viele Kinder sie vor dem Fatalismus der Familien bewahrt hat, vor Macken, Vorurteilen, einem Ende im Leichenschauhaus, vor Unwissenheit, Dummheit, Gier, Unbeweglichkeit."
Wenn diese Dimension von Schule und jenen, die dort arbeiten - Schüler und Lehrer -, ins Blickfeld gerät, ist die Schuldebatte dort, wo Schule wirklich stattfindet und was sie unendlich Großes für die Gesellschaft leisten kann.
(Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2010)