Wiens Partyvolk zelebrierte den ersten 24-Stunden-Betrieb der U-Bahn - derStandard.at war dabei und hat sich unter die Feierwilligen gemischt
Das Handy der jungen Frau klingelt. Als sie abhebt, muss sie sich sichtlich bemühen, den Satz fehlerfrei in das Telefon zu sagen: „Ich bin in der U-Bahn" - und ihr Begleiter fügt lautstark hinzu: „Nein, in der Nacht-U-Bahn." Die jungen Leute in der Nähe beginnen zu grölen und zu klatschen.
Am Freitag war es also soweit. Zum ersten Mal blieben die Gatter bei den Wiener U-Bahn-Stationen auch nach 0.30 Uhr geöffnet. Ein historisches Ereignis? Zoomen wir einmal näher heran.
Nur ein kleiner „Zwischenfall" am Karlsplatz erinnert an die frühere Zeitplanung: zu oben genannter Zeit gehen für etwa eine halbe Minute die Lichter aus. Eine Gruppe deutscher Jugendlicher scheint das nicht zu stören: „Weißt du, wie wir zum Schwedenplatz kommen?", fragt Jonas, 20, die wartenden Gäste.
Auch Deutsche feiern „Kabinenparty"
Dass heute zum ersten Mal die U-Bahn die ganze Nacht durchfährt, haben er und seine Freunde nicht gewusst. Der Gratis-Fahrschein sei ihnen einfach in die Hand gedrückt worden. Gratis Eintritte in 36 Lokale? „Das ist ja wie Weihnachten, geil!", ruft der junge Mann aus.
Die Gruppe aus Baden-Württemberg hat gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und wollte den Abschluss gebührend feiern: „Deshalb sind wir nach Wien gefahren - 13 Stunden mit dem Zug", erzählt der 21-jährige Sebastian und springt in die U-Bahn. Lauthals stimmen sich die Jugendlichen auf die Nacht ein und grölen „Kabinenparty" im Waggon.
Mädchen fühlen sich sicherer
Am Schwedenplatz strömen um eins in der Früh noch immer mehr Nachtschwärmer aus der U-Bahn-Station hinaus als hinein. So auch vier Mädchen auf dem Weg ins „Bermudadreieck", wo sie den Abschied einer Freundin nach Paris feiern wollen. „Die U-Bahn sollte ab jetzt die ganze Woche durchfahren", fordert die 18-jährige Iris und ihre Freundin Alexandra setzt nach: „Die Nachtbusse sind nämlich nicht überallhin gefahren. Jetzt hat man keinen Stress mehr, wenn man nach Hause will." Außerdem würden sie sich jetzt in der U-Bahn auch sicherer vor „grindigen Typen, die einen anbraten" fühlen - immerhin fahren pro Zug mindestens zwei Polizisten mit.
Einmal „blasen" bitte!
Ein paar Meter weiter, mitten im Vergnügungsviertel des ersten Bezirks, geht Biologiestudentin Dunja mit Kapitänsmütze und Alkomaten „bewaffnet" ihre Runden. Jeder, der möchte, darf bei ihr gegen ein kleines Entgelt seinen Alkoholspiegel testen lassen. „Heute ist schon viel mehr los, als die vergangenen Wochenenden - ich glaube, dass das an der Nacht-U-Bahn liegt", erzählt die 22-Jährige. „Ich denke aber, dass das ganze Projekt ein Wahlgag der SPÖ ist, denn auf der einen Seit jammert man über das Budget und auf der anderen Seite investiert man so viel Geld. Die Nachtbusse hätten meiner Meinung nach auch gereicht. Also ich habe persönlich gegen den 24-Stunden-Betrieb gestimmt."
Zwei Schweizern „scheißegal"
Zwei Männern, die gerade bei Dunja in das Gerät „geblasen" haben, ist die Nacht-U-Bahn „ehrlich gesagt scheißegal". Die beiden kommen aus der Schweiz, heißen Rafael und Jens und sind in Wien, um „Party" zu machen. Ihr angezeigter Alkoholspiegel: 1,35 bzw. 1,53 Promille. „Zu Hause, in Einsiedeln bei Zürich, haben wir auch nur die S-Bahn und es funktioniert", erzählt Rafael. „Aber wenn man in Wien auf die U-Bahn angewiesen ist, dann ist das sicher eine gute Sache", legt Jens nach und konzentriert sich dabei, die Balance seines Körpers zu halten.
Erleichterung für Mödlinger
Auch vor dem Tanztempel „Praterdome" steigen Stimmung und Alkoholpegel. Um zwei Uhr in der Früh wartet noch immer eine lange Menschenschlange auf den Einlass. Zwei Fahnen kennzeichnen vor dem Eingang, dass es heute mit dem Nacht-U-Bahn-Ticket gratis Eintritt gibt. Davon macht auch eine Partytruppe aus dem Bezirk Mödling Gebrauch: „Jetzt können wir endlich länger fortgehen, weil die U-Bahn auch ständig in die Randbezirke fährt und von dort kann man sich dann ein Taxi nehmen", erzählt die 20-jährige Monika. „Ja das stimmt, weil die Nachtbusse sind immer irgendwo herumgegurkt", weiß ihr Freund Peter. Prinzipiell würden sie gerne in der Nacht fahren, weil da „immer die ärgsten Leute unterwegs sind".
Stimmung vor dem U4
Ein Blick auf die Uhr verrät: drei Uhr in der Früh und die ersten Gäste verlassen die Kultdiskothek U4. Für Dominik und seinen Freund Michi ist die Partynacht aber noch lange nicht vorbei: „Jetzt fahren wir mal weiter, schauen noch, was sich ergibt. Jetzt mit der Nacht-U-Bahn ist das ja kein Problem mehr." Dominik, der in Hütteldorf zu Hause ist, braucht „jetzt nicht mehr ewig", dass er „heim kommt".
Außerdem würde er lieber mit der U-Bahn fahren, weil er dann immer hoffe, dass Raimund Korner, Wiens legendärer U-Bahn-Fahrer, vorne im Zug sitzt: „Der hat immer so leiwande Durchsagen und es ist einfach genial mit dem zu fahren."
Aus Gewohnheit nach Taxi gepfiffen
Neben den beiden Burschen bewegt sich eine weitere Partygruppe aus dem Lokal, die sich „aber jetzt auf den Heimweg machen". Alle sind sie von dem 24-Stunden-Betrieb begeistert und der 26-jährige Peter meint sogar, dass das Projekt „überfällig" war: „Wenn man bedenkt, wie viel die Befragung der Wiener zur U-Bahn gekostet hat, da hätte man schon dreimal das gesamte Projekt finanzieren können", sagt er und pfeift nach einem Taxi, als ihm die 22-jährige Caro dazwischen springt: „Bist du deppert? Heut´ fahren wir doch mit der Nach-U-Bahn!" (Bianca Blei, derStandard.at, 5.9.2010)