Buchrezension

"Lobet, ehret, bezahlet uns anständig!"

6. September 2010, 11:57
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Ohne Tabus beschreibt Niki Glattauer im Buch "Der engagierte Lehrer und seine Feinde" seinen Alltag als Lehrer - Er fordert die Ganztagsschule und mehr Respekt

Niki Glattauer nimmt sich kein Blatt vor den Mund. „Nicht selten muss ich später Gott und der österreichischen Verfassung dafür danken, dass das allgemeine Waffenverbot immer noch uneingeschränkt für Lehrer gilt", schreibt er über die Wut, die ihn als Lehrer manchmal überkommt, wenn seine Schülerinnen und Schüler nicht auf ihn hören.

In seinem Buch „Der engagierte Lehrer und seine Feinde" beschreibt er schonungslos den Alltag in einer Pflichtschule in Wien, die von „Jaquelins, Kevins, Renés und Alis" besucht wird. Er beschreibt in Anekdoten die kleineren Probleme der Lehrer. Zum Beispiel, wenn die Schülerin auf die Frage, warum man Europa vom Gesichtspunkt der Plattentektonik her auch Eurasien nennen könnte, „Vielleicht wegen der vielen Oasen?" antwortet.

"Die Ganztagsschule würde Eltern und Lehrer entlasten"

Er widmet sich aber auch den großen Problemen, wie etwa, dass die Kinder zu Hause niemand unterstützt und die Eltern keine Zeit dafür haben, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, weil sie in 60- oder 70-Stunden-Wochen Geld verdienen müssen. Seine Lösung: Die Ganztagsschule. Eine Schule von neun bis 17 Uhr würde laut Glattauer dazu führen, dass weniger Geld für Nachhilfe bezahlt werden muss und nicht die Eltern, sondern die Lehrer erklären, was unechte Brüche sind. Auch die Lehrer und Lehrerinnen würden so entlastet, weil sie nicht „einen 40-, 50-Stunden-Beruf in fünf schlanke Vormittage pressen müssen".

Ein Haupthaus für die Lehrer

Einher mit der Ganztagsschule geht für den Autor ein besserer Arbeitsplatz für Lehrer. Eineinhalb Quadratmeter stehen ihm in seiner Schule zur Verfügung. Und das sei so seit 300 Jahren, als Maria Theresia die Schulpflicht eingeführt hat. Glattauer fordert in dem Kapitel „20 und 1 Forderung an die Gesellschaft und die Politik": „Gebt den Lehrern die Schule zurück!" Er schlägt ein Haupthaus für die Lehrer und kleinere Gebäude für die Klassenzimmer vor. So hätten Lehrer einen tatsächlichen Arbeitsplatz an der Schule und müssten ihre Unterrichtsmaterialien nicht „mit dem Einkaufswagen" in die Schule karren.

Thema Sprachprobleme

Auch dass knapp sechzig Prozent der Jugendlichen in Hauptschulen eine andere Sprache als Deutsch als Umgangssprache haben, macht Glattauer zum Thema. Für ihn ist es allerdings obsolet, Menschen danach aufzuteilen, ob sie Migrationshintergrund haben oder nicht. In Wirklichkeit würden damit nur gesellschaftspolitische Versäumnisse kaschiert. Um die Chancenungleichheit, die an Österreichs Schulen herrscht, auszugleichen, schlägt Glattauer wie viele vor ihm eine Gesamtschule vor.

"Prüft ihre Haltung zu Kindern!"

In der Frage der Lehrerausbildung will der 51-Jährige ein einheitliches Dienstrecht für alle Lehrer, wie es auch Bildungsministerin Claudia Schmied vorschwebt. „Lehrer müssen gleichwertig - nicht gleich!- ausgebildet werden", so Glattauer. Zudem gehören für ihn Aufnahmeprüfungen abgeschafft, in denen Tierfabeln gedeutet werden müssen. „Prüft stattdessen ihre Haltung zu Kindern", fordert er.

Bessere Bezahlung

Das Buch riecht zwar ein wenig nach Lamento, wenn sich Glattauer über meckernde Eltern, zu wenig Bezahlung und unwissende Schüler mokiert. Trotzdem kommt man nicht umhin ihm Recht zu geben, wenn er am Ende die Forderung "Lobet, ehret und bezahlet uns anständig!" stellt. Denn wie dieses Buch einmal mehr zeigt, versuchen Lehrer wie Glattauer das Beste aus der derzeitigen Situation zu machen. Wie die Schule verbessert werden könnte, wird ausführlich dargelegt - wenn sich nur die Politik die guten Ratschläge einmal zu Herzen nehmen würde. (Lisa Aigner, derStandard.at, 06. September 2010)

Infos zum Buch:

Nikolaus „Niki" Glattauer (51) lebt seit vielen Jahren als Journalist, Kolumnist und Buchautor in Wien. Vor 15 Jahren entschloss er sich dazu, Lehrer zu werden und unterrichtet seit 1998 in der Sekundarstufe 1. Sein Buch „Der engagierte Lehrer und seine Feinde" ist im Ueberreuter-Verlag erschienen.

"Der engagierte Lehrer und seine Feinde", Ueberreuter, 200 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-8000-7484-6.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 230
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E. Pagliacci
62
13.9.2010, 16:03

1. Eine volle Lehrverpflichtung besteht aus 20 Einheiten. Das sind keine 40-50 Stunden. 20 Einheiten passen in 5 Vormittage. Der Rest ist Vorbereitung und Nacharbeiten zu Hause.

2. Fehlende Arbeitsplätze? Eure Ministerin wollte sie euch geben samt PC, aber eure Gewerkschaft war dagegen. Also fordern Sie das vom Neugebauer.

3. Lasst den Unterricht um 9 Uhr anfangen.

4. Teilt Lehrer und Prüfer institutionell auf.

5. Führt die Ganztagsschule ein.

6. Befreit Lehrer vom administrativen Mist - dafür gibts Sekretariate.

7. Schlechte Lehrer müssen die Schule verlassen dürfen (c) Popper, wenn Sie schon im Buchtitel bei ihm Anleihe nehmen ...

8. Befreit die Schulen vom Parteibuch.

9. Fortbildung in den Ferien.

usw.

flint
02
6.10.2010, 16:02
Das, was Sie fordern, müssen Sie aber ans Ministerium richten, nicht an die Lehrer, gell?

Dort wird das alles nämlich bestimmt.

asinus
14
19.9.2010, 08:05

Sie haben nicht viel Ahnung von den Dingen. Es werden immer genug administrative Dinge übrigbleiben, die das Sekretariat gar nicht erledigen kann. Fr. Minister hat nur vage davon gesprochen, bessere Arbeitsplätze zu beschaffen. In den allermeisten Schulen ist davon nichts zu spüren. So bauen sich weiterhin die Türme an Heften, Material usw. auf teilweise unter einem m2 auf. Andere Vorschläge sind sowieso von den Lehrern gekommen, wurden aber nicht berücksichtigt, da in Ö das die Beamten in den Ministerien bekannterweise viel besser lösen können....

ich gebs zu
08
13.9.2010, 19:53
BM Schmied hat den Medien erzählt, sie würde jedem Lehrer und jeder Lehrerin ein Netbook

zur Verfügung stellen, in einem (teuren) Brief an die Lehrer/innen hat sie dann präzisiert, "wenn diese eines benötigen".

Der Ausbau der Bundesschulen für den Ganztagsbetrieb geht in unvermindertem Tempo weiter: Gegen 2050 könnten ca. 50% der Bundesschulen so weit sein.

Lassen Sie sich doch nicht von Presseaussendungen ins Bockshorn jagen.

Daisy Lord
15
13.9.2010, 17:30

Unsere Ministerin wollte uns Arbeitsplätze samt PC geben...und die Gewerkschaft wäre da sicher nicht dagegen gewesen.
Die Bauwirtschaft hätte sich sogar gefreut, da sie dann die meisten Schulen hätte aufstocken dürfen.
Einen Arbeitsplatz mit PC auf einem Tischchen 80x80cm (für zwei Lehrer!), wo auch noch Bücher- und Heftstapel Platz finden müssen, wird man ansonsten kaum unterbringen...

clangi
02
11.9.2010, 08:27
ist das der experte..

der beim news-interview von "21 statt 19 h" gesprochen hat?
ich kenne keinen schultyp mit 19 wochenstunden...

Daisy Lord
01
11.9.2010, 10:57

Doch...manche AHS-Lehrer erreichen schon mit 17 oder 18 Stunden eine volle Lehrverpflichtung, wenn sie zwei Korrekturfächer haben.

clangi
10
11.9.2010, 19:53
ok, ist natürlich möglich, aber auch gerechtfertigt!

ich frag mich nur, ob es sinnvoll ist, in einem interview gerade diese zahl zu nennen und sie als normal hinzustellen!
als wäre eine unterrichtsverpflichtung von 19 h normal!

Maulkorb1
01
13.9.2010, 16:11

Genau das ist der Punkt! Es gehörte eine Arbeitsplatzbewertung her, denn der Unterschied ist enorm, ob jemand 2Korrekturfächer unterrichtet oder ob er Turnen und Geschichte hat. Von der Stundenverpflichtung her ist die Differenz viel zu gering.Allerdings über diese Dinge wird ja leider nicht verhandelt, da die Bildungsdebatte ganz falsch aufgezogen wird.

Penelope11
102
Typisch Hauptschullehrer,...

... ER kann vielleicht seine Arbeitswoche in 5 "schlanke" Vormittage (die von 8-14 Uhr gehen!) pressen. Die Gymnasiallehrer müssen daheim viele, viele Stunden in Vorbereitung, aber vor allem in Korrekturen stecken, mit domptieren allein ist es im Gym nicht getan. Und, Herr Glattauer: wer bitte soll in Zeiten großen (und größer werdenden) LehrerInnenmangels an den Ganztagsschulen unterrichten? Mehr als 40 Stunden wollen Sie sicher auch nicht arbeiten, also wie soll sich das ausgehen, wenn jetzt schon PädagogInnen fehlen?

annea
04
14.9.2010, 16:06

Aha, ein HS-Lehrer hat also nichts zu korrigieren? Und nichts vorzubereiten? Und nichts nachzubereiten? Wo sind Sie denn dagegengrennt??

Thomas Haele
13
11.9.2010, 23:29
hauptschullehrer

hauptschullehrer (englisch, geschichte): lehrverpfklichtung 21 plus eine besprechungsstunde pro englischklasse ergibt (bei 4 englischklassen) eine lehrverpflichtung von 25.
gymnasiallehrer (englisch geschichte) lehrverpflichtung 20 minus vier korrektursteunden ergibt eine lehrverpflichtung von 16 stunden. das bei einfacheren schülern, besseren arbeitsbedingungen und deutlich mehr gehalt.
also bitte einfach still sein und keine unwahrheiten verbreiten!!!!!!!!!!

ich gebs zu
21
14.9.2010, 16:20
Sagen wir es halt so:

Bleiben auch Sie bei der Wahrheit. Die Lehrverpflichtung an AHS/BHS beträgt 20 Werteinheiten. Das sind je nach Gegenstand 18 bis 24 gehaltene Stunden.

Korrekturstunden gibt es nicht!

Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Es ist hochgradig unüberlegt und zeugt nicht unbedingt von einem wachen Geist, wenn man falsche Darstellungen durch ebenso falsche aufzuwiegen versucht.

Maulkorb1
21
13.9.2010, 16:12

Sie haben keine Ahnung wovon Sie sprechen! Bitte zuerst informieren, dann reden!

ich gebs zu
22
13.9.2010, 10:21
Für Sie gilt übrigens das Gleiche wie für Ihre Vorposterin:

Es ist geradezu hirnverbrannt -- ohne genaue Kenntnis der Situation des/der Anderen -- in das allgemeine Privilegiengeheul einzustimmen.

Noch dazu, wenn man falsche Behauptung durch mindestens genauso falsche aufzuwiegen versucht.

Ich war lange genug BHS-Lehrer, um Ihnen versichern zu können, dass als 18 Stunden Lehrverpflichtung (Das ist übrigens die niedrigstmögliche. Die "Korrekturstunden" gibt es einfach gar nicht.) an einer AHS/BHS vollkommen ausreichen.

ich gebs zu
12
14.9.2010, 15:26
Grüße an den Rotstrichler:

Wenn ich etwas Falsches geschrieben habe, würde ich gerne widerlegt werden.

ich gebs zu
04
10.9.2010, 16:05
Die ganz Gescheiten pecken auf die Kollegen und Kolleginnen aus dem Nachbarbetrieb.

lehrer
05
blödsinn

hauptschullehrer haben eine höhere lehrverpflichtung..(21 wochenstunden) und haben wohl ähnlich hohen vorbereitungs-und korrekturaufwand...jeder hs lehrer hat zumindest ein korrekturfach(E, M, D).....als "glücklicher" ahs lehrer unterrichtet man womöglich GS, GW, BU, BE, Sport...allles fächer ohne! großartige korrekturen...that ´s it!

Daisy Lord
04

Keine Angst...auch Hauptschullehrer verbringen viel Zeit mit Vorbereitungen und Korrekturen. Drei Deutschklassen machen viel Arbeit, egal, ob in der AHS oder HS.
Woher nehmen sie die Unterstellung, Hauptschullehrer müssten sich nicht intensiv vorbereiten oder säßen nicht lange über Korrekturen?
Gerade Kinder mit Lerndefiziten brauchen methodisch gut vorbereiteten Unterricht, und dass sie weniger Fehler machen würden als AHS-Schüler, ist mir beim Korrigieren noch nie aufgefallen.

Carlo Soziale
07
Oder, wie viele Hauptschullehrer klagen:

Eine Dompteurausbildung wäre wichtiger als die Lehramtsausbildung.

Daisy Lord
00

Ach nein, eine Dompteurausbildung brauche ich nicht...mir würde ein braver Hirtenhund genügen.

charles darwin
03
viele sachen in seinem buch passen nicht zum standard

drum werden sie gezielt weggelassen.

Tethys
02
"Lobet, ehret und bezahlet uns anständig!"

Ein Recht, das mehrere Berufsgruppen für sich einfordern sollten - die Lehrer sind da nicht alleine.

Jo eh...
711

Der allergrößte Feind des engagierten Lehrers ist der unmotivierte Lehrer und dessen Vertretung, die Lehrergewerkschaft. Sagen auch einige Lehrer, aber halt nur hinter vorgehaltener Hand.

Chouèf
02

Deshalb lautet Forderung 1 auch, dass der völlig freie Zugang zum Lehrer-Beruf abgeschafft gehört. LehrerIn ist ein so kritischer/wichtiger Beruf, wie Pilot, es darf auch nicht jedeR PilotIn werden.

Glattauer setzt sich sonst noch dafür ein, dass man zukünftige Studis v.a. auf ihre Beziehungsfähigkeit zu Kindern testen soll, weniger fach-bezogen.

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