Ohne Tabus beschreibt Niki Glattauer im Buch "Der engagierte Lehrer und seine Feinde" seinen Alltag als Lehrer - Er fordert die Ganztagsschule und mehr Respekt
Niki Glattauer nimmt sich kein Blatt vor den Mund. „Nicht selten muss ich später Gott und der österreichischen Verfassung dafür danken, dass das allgemeine Waffenverbot immer noch uneingeschränkt für Lehrer gilt", schreibt er über die Wut, die ihn als Lehrer manchmal überkommt, wenn seine Schülerinnen und Schüler nicht auf ihn hören.
In seinem Buch „Der engagierte Lehrer und seine Feinde" beschreibt er schonungslos den Alltag in einer Pflichtschule in Wien, die von „Jaquelins, Kevins, Renés und Alis" besucht wird. Er beschreibt in Anekdoten die kleineren Probleme der Lehrer. Zum Beispiel, wenn die Schülerin auf die Frage, warum man Europa vom Gesichtspunkt der Plattentektonik her auch Eurasien nennen könnte, „Vielleicht wegen der vielen Oasen?" antwortet.
"Die Ganztagsschule würde Eltern und Lehrer entlasten"
Er widmet sich aber auch den großen Problemen, wie etwa, dass die Kinder zu Hause niemand unterstützt und die Eltern keine Zeit dafür haben, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen, weil sie in 60- oder 70-Stunden-Wochen Geld verdienen müssen. Seine Lösung: Die Ganztagsschule. Eine Schule von neun bis 17 Uhr würde laut Glattauer dazu führen, dass weniger Geld für Nachhilfe bezahlt werden muss und nicht die Eltern, sondern die Lehrer erklären, was unechte Brüche sind. Auch die Lehrer und Lehrerinnen würden so entlastet, weil sie nicht „einen 40-, 50-Stunden-Beruf in fünf schlanke Vormittage pressen müssen".
Ein Haupthaus für die Lehrer
Einher mit der Ganztagsschule geht für den Autor ein besserer Arbeitsplatz für Lehrer. Eineinhalb Quadratmeter stehen ihm in seiner Schule zur Verfügung. Und das sei so seit 300 Jahren, als Maria Theresia die Schulpflicht eingeführt hat. Glattauer fordert in dem Kapitel „20 und 1 Forderung an die Gesellschaft und die Politik": „Gebt den Lehrern die Schule zurück!" Er schlägt ein Haupthaus für die Lehrer und kleinere Gebäude für die Klassenzimmer vor. So hätten Lehrer einen tatsächlichen Arbeitsplatz an der Schule und müssten ihre Unterrichtsmaterialien nicht „mit dem Einkaufswagen" in die Schule karren.
Thema Sprachprobleme
Auch dass knapp sechzig Prozent der Jugendlichen in Hauptschulen eine andere Sprache als Deutsch als Umgangssprache haben, macht Glattauer zum Thema. Für ihn ist es allerdings obsolet, Menschen danach aufzuteilen, ob sie Migrationshintergrund haben oder nicht. In Wirklichkeit würden damit nur gesellschaftspolitische Versäumnisse kaschiert. Um die Chancenungleichheit, die an Österreichs Schulen herrscht, auszugleichen, schlägt Glattauer wie viele vor ihm eine Gesamtschule vor.
"Prüft ihre Haltung zu Kindern!"
In der Frage der Lehrerausbildung will der 51-Jährige ein einheitliches Dienstrecht für alle Lehrer, wie es auch Bildungsministerin Claudia Schmied vorschwebt. „Lehrer müssen gleichwertig - nicht gleich!- ausgebildet werden", so Glattauer. Zudem gehören für ihn Aufnahmeprüfungen abgeschafft, in denen Tierfabeln gedeutet werden müssen. „Prüft stattdessen ihre Haltung zu Kindern", fordert er.
Bessere Bezahlung
Das Buch riecht zwar ein wenig nach Lamento, wenn sich Glattauer über meckernde Eltern, zu wenig Bezahlung und unwissende Schüler mokiert. Trotzdem kommt man nicht umhin ihm Recht zu geben, wenn er am Ende die Forderung "Lobet, ehret und bezahlet uns anständig!" stellt. Denn wie dieses Buch einmal mehr zeigt, versuchen Lehrer wie Glattauer das Beste aus der derzeitigen Situation zu machen. Wie die Schule verbessert werden könnte, wird ausführlich dargelegt - wenn sich nur die Politik die guten Ratschläge einmal zu Herzen nehmen würde. (Lisa Aigner, derStandard.at, 06. September 2010)
Infos zum Buch:
Nikolaus „Niki" Glattauer (51) lebt seit vielen Jahren als Journalist, Kolumnist und Buchautor in Wien. Vor 15 Jahren entschloss er sich dazu, Lehrer zu werden und unterrichtet seit 1998 in der Sekundarstufe 1. Sein Buch „Der engagierte Lehrer und seine Feinde" ist im Ueberreuter-Verlag erschienen.
"Der engagierte Lehrer und seine Feinde", Ueberreuter, 200
Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-8000-7484-6.