Der plötzliche Säuglingstod ist nach wie vor ein ungeklärtes Phänomen - Möglichkeiten Risikofaktoren zu minimieren gibt es
Rund 40 Mal pro Jahr endet in Österreich der morgendliche Gang der Eltern ins Baby-Schlafzimmer mit blankem Entsetzen: Das Kind liegt tot im Gitterbett. Der plötzliche Säuglingstod oder "Sudden Infant Death Syndrome" (SIDS) zählt zu den häufigsten Todesursachen im ersten Lebensjahr eines Kindes und tritt so gut wie immer während des Schlafens ein.
Mehrere mögliche Ursachen
Die Ursache dafür ist nach wie vor ungeklärt, der Säugling scheint bis dahin gesund zu sein, stirbt unerwartet, auch die Obduktion bringt keine Erklärung. "Das ist nach wie vor das große Geheimnis, daher hat der plötzliche Säuglingstod über die Jahrhunderte ein mysteriöses Erscheinungsbild", weiß Wolfgang Sperl, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum in Salzburg. In den vergangenen Jahrhunderten seien Eltern immer wieder beschuldigt worden, ihr Kind erdrückt oder erstickt zu haben, weil die Babys oft im Elternbett lagen. "Jetzt weiß man aber, dass Krankheiten polyätiologisch vorkommen können, dass heißt, es gibt mehrere mögliche Ursachen", sagt Sperl.
Dreifaches Risiko-Modell
Heute geht man von einem dreifachen Risiko-Modell als Erklärung für den plötzlichen Säuglingstod aus. "Dieses Modell macht das Phänomen verständlicher und hebt das Phänomen aus der mysteriösen Ebene heraus", so der Experte. Erstens ist nicht jedes Kind gefährdet, sondern es bedarf einer gewissen genetischen Prädisposition, einer Anfälligkeit. Frühgeborene haben ein leicht erhöhtes Risiko, außerdem Kinder die sehr heftig im Schlaf schwitzen, in der Nacht besonders schrill und anhaltend schreien, auffallend tief schlafen oder Unsicherheiten beim Schlucken, Trinken oder Atmen haben.
In Salzburg hat man die Forschung darauf konzentriert herauszufinden, in welchem Stoffwechselbereich ein Kind prädisponiert sein könnte. "Wir schauen auf Andersartigkeiten im Gen, die zwar ein normales Leben ermöglichen, bei Belastungssituationen aber unter Umständen eine Schwäche im Energiesystem hervorrufen können", erklärt Sperl. Man gehe davon aus, dass es beim plötzlichen Säuglingstod zu einem Erschöpfungszustand kommt, weil sehr viel Energie gebraucht wird.
Kritisches Lebensalter
Der zweite Faktor des Risiko-Modells ist ein vulnerables und kritisches Lebensalter. "Gerade im ersten Lebensjahr, besonders zwischen dem zweiten und vierten Monat, passieren bei gesunden Kinder sehr viele Umstellungsprozesse im Verborgenen", so Sperl. Der rote Blutfarbstoff stellt sich von einen hohen auf einen niedrigeren Wert um, die Motorik, das immunologische System und die Gehirnentwicklung verändern sich. "In dieser Phase braucht das Kind sehr viel Energie. Es ist, als marschiere man auf einem zugefrorenen Teich. Wenn man auf einer Stelle mit dünner Eisdecke marschiert, ist das vergleichbar mit der kritischen Lebenszeit, dann ist die Gefahr deutlich erhöht", weiß Sperl.
Risikofaktoren Rauchen und Drogen
Wenn drittens, so das Risiko-Modell, auch noch Belastungsfaktoren oder Auslöser hinzukommen, kann das zum unvorhergesehenen Tod führen. Ein hohes Risiko geht ein, wer während der Schwangerschaft oder in der Umgebung des Neugeborenen raucht oder Drogen nimmt. Die Bauchlage des Babys während des Schlafens wurde in den vergangenen 20 Jahren als der massivste Belastungsfaktor evaluiert. "Warum das so ist, ist noch nicht ganz geklärt, es könnte mit der verminderten Wärmeabgabe oder dem Energiehaushalt des Kindes zu tun haben", so Sperl. Er warnt aber vor Hysterie: Babys können durchaus am Bauch liegen, vor allem nach der Geburt oder tagsüber. Zur Lieblingsschlafposition sollte die Bauchlage allerdings nicht werden, Ärzte raten heute zur Rückenlage als ideale Schlaflage.
Warum der Säuglingstod gerade während des Schlafphase eintritt, ist nach wie vor ungeklärt. "Das hat wahrscheinlich mit der Umstellung vom vegetativen Nervensystem zu tun", vermutet der Salzburger Kinderarzt. Es wird empfohlen, das Kind im elterlichen Schlafzimmer schlafen zu lassen, auch Babyschlafsäcke und Schnuller sollen protektiv wirken, dazu gibt es aber unterschiedliche Aussagen. Fest steht, dass kein oder kein hoher Kopfpolster verwendet werden soll, weil das Kind sonst darin "versinken" und die Mundöffnung verlegen könne.
Zimmertemperatur beim Schlafen
Auch Überwärmung oder Unterkühlung können Auslöser sein, beim Schlafen sollte es im Zimmer zwischen 18 und 20 Grad Celsius haben. Hat das Kind Fieber oder Schnupfen, braucht es nur eine leichte Bekleidung und keine zu warme Decke. "In so einer Situation sollte man während der kritischen Zeit sorgfältiger darauf achten, eher zum Arzt gehen", empfiehlt der Arzt. "Wenn man diese Zusammenhänge versteht, kann man auch zum Schutz beitragen."
Todesfälle wurden verringert
In Österreich versucht man seit den 90er Jahren, die plötzlichen Todesfälle durch gezielte Aufklärung zu reduzieren - mit Erfolg: "Die Häufigkeit wurde von einem Promille auf 0,2 bis 0,4 Promille gesenkt, und zwar ohne Medikamente, sondern nur durch Information", so Sperl. Es gehe darum, sein Kind zu verstehen, dessen Schwächen zu kennen, es zu schützen und schonend durch die kritische Zeit "durchzutragen". Dabei spiele auch die psychosoziale Geborgenheit des Babys eine Rolle: Stress vermeiden, Dampf herausnehmen und entschleunigen könne helfen. Auch eine gute Interaktion zwischen Mutter und Kind und das Stillen fördern die psychosoziale Nähe.
Man kann den plötzlichen Kindstod also nicht vermeiden, es gibt aber Möglichkeiten, bereits erforschte Risiken zu minimieren. Eltern, die trotz aller Bemühungen vom Schicksal getroffen werden, dürfen keine Schuldzuweisungen bekommen. "In so einem Fall ist es wichtig, rasch darüber zu informieren, dass das Ereignis nicht vorhersehbar und nicht vermeidbar war", sagt Sperl. Gute Beratung helfe auch, sich vom Kind zu verabschieden, loszulassen und ein Folgekind nicht als Ersatzkind zu betrachten. (derStandard.at, 07.09.2010)