Emanuel Pogatetz fühlt sich in seiner Team-Rolle wohl und meint: "Belgier haben gezeigt, dass man den Deutschen zusetzen kann" - Ein Interview
Flachau - Das österreichische Fußball-Nationalteam hat den
Auftakt in EM-Qualifikationsgruppe A am Freitag in Flachau vor dem
Fernseher verfolgt. Die Aufschlüsse sind unterschiedlich: Vor
Dienstag-Gegner Kasachstan darf das ÖFB-Team nach dessen
0:3-Heimpleite gegen die Türkei keine Angst haben. Dafür überzeugte
Belgien trotz der 0:1-Niederlage gegen Top-Favorit Deutschland mit
einer spielerisch starken Leistung.
"Die Belgier haben unglücklich verloren. Sie waren sehr stark und
haben gezeigt, dass man den Deutschen zusetzen kann", erklärte
Verteidiger Emanuel Pogatetz. "Ich hoffe, dass wir auch auf diesem
Level spielen können." Die Belgier sind am 12. Oktober in Brüssel
dritter Gegner des ÖFB-Teams nach den Außenseitern Kasachstan und
Aserbaidschan - und neben der Türkei einer der beiden möglichen
Konkurrenten um den zweiten Gruppenplatz.
"Auch die Türken haben vorgelegt, jetzt müssen wir nachlegen",
meinte der Hannover-Legionär. "Natürlich sind wir gegen
Kasachstan klarer Favorit." Mit Ausnahme des jungen Verteidigers
Sergej Karimow vom VfL Wolfsburg, der bisher hauptsächlich bei den
Amateuren zum Einsatz gekommen ist, verdienen alle kasachischen
Teamspieler ihr Geld in der heimischen Liga. Das Team wurde bereits
am Samstagnachmittag in Salzburg erwartet.
Zuletzt war Emanuel Pogatetz als Neuzugang
bei Hannover 96 mit Lob überschüttet worden. Entsprechend gut gelaunt
rückte der Abwehrchef vor dem Start der EM-Qualifikation gegen
Kasachstan im ÖFB-Team ein. Nicht einmal über seine gebrochene Nase
denkt er nach. Dafür sprach Pogatetz im Interview über Führungsqualitäten, einen persönlichen Reifeprozess und
darüber, das größere Gesamtbild zu sehen.
Wäre alles andere als ein Sieg am Dienstag gegen Kasachstan
eine herbe Enttäuschung?
Pogatetz: "Ja, es ist ein Pflichtsieg - aber kein Selbstläufer. Wir
müssen konzentriert und geduldig sein. Wenn wir den Anspruch haben,
uns für das nächste Großereignis zu qualifizieren, müssen wir so ein
Spiel aber gewinnen."
Ist die EM-Teilnahme 2012 mit dieser Mannschaft möglich?
Pogatetz: "Auf jeden Fall. Wenn wir gut reinstarten mit sechs
Punkten gegen Kasachstan und Aserbaidschan, wäre das eine Basis. Dann
ist alles möglich. Der Start ist immer das Schwierigste. Es sind die
wichtigsten Spiele, weil man sich darin die Basis für Endspiele gegen
Deutschland, Belgien oder die Türkei legt."
Teilen Sie die Meinung, dass dafür eine der stärksten
ÖFB-Generationen seit langem zur Verfügung steht?
Pogatetz: "Wir haben jetzt viele Legionäre, und es kommen auch noch
junge Spieler nach. Das Potenzial und der Spielerpool sind größer als
vor ein paar Jahren. Der Teamchef hat vielen Spielern eine Chance
gegeben. Es ist aber auch ein Qualitätsmerkmal, diese zu nützen. Wir
haben bessere Chancen als in den Jahren davor."
Was hat in den Jahren davor gefehlt?
Pogatetz: "Wir haben auch gute Spieler gehabt, aber diese Masse war
nicht da. Wenn irgendjemand ausgefallen ist, war es schon schwer,
jemanden nachzuberufen. Jetzt haben wir fast jede Position doppelt
und dreifach besetzt. Es ist ein echter Konkurrenzkampf, das war
schon lange nicht mehr der Fall."
Das Team hat heuer erstmals die Möglichkeit gehabt, über einen
längeren Zeitraum gemeinsam zu trainieren. Wie hat sich das auf das
Mannschaftsgefüge ausgewirkt?
Pogatetz: "Das Mannschaftsklima könnte ehrlich nicht besser sein,
weil jeder mit jedem kann. Das habe ich noch in fast keiner
Mannschaft erlebt. Früher hat es oft Gruppenbildungen gegeben, das
ist jetzt überhaupt nicht der Fall. Der Teamgeist ist top, das könnte
eine unserer großen Stärken sein."
Man kann Sie durchaus als Führungsspieler bezeichnen. Haben
sich auch neue Hierarchien gebildet?
Pogatetz: "Es sind sehr viele junge Spieler dabei, die jemanden um
sich haben wollen, der ihnen die Richtung vorgibt. Der Teamchef
erwartet es von mir, dass ich mit gutem Beispiel vorangehe, das hat
er mir auch in einem persönlichen Gespräch gesagt. Das ist kein
Problem für mich. Ich versuche, so aufzutreten wie immer."
Gibt es zu wenige Spieler im Team, die diese natürlichen
Führungsqualitäten mitbringen?
Pogatetz: "Trainer würden sich immer mehr Führungsspieler wünschen.
Es ist aber ein Phänomen der heutigen Zeit, dass es immer weniger
dieser Typen gibt. Es reicht, wenn man in einer Mannschaft zwei, drei
hat - das sind bei uns Janko, Fuchs und ich als Spieler, die schon
länger dabei sind und Verantwortung übernehmen wollen."
Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle?
Pogatetz: "Es ist kein Problem, weil ich vom Typ her einfach so bin.
Ich muss mich dafür nicht verändern. Ich bin es vom Verein gewohnt,
Verantwortung zu übernehmen. Daher ist es keine Belastung."
Ist es für andere Charaktere - etwa den neuen, nicht so lauten
Kapitän Marc Janko - schwieriger, damit umzugehen?
Pogatetz: "Der Marc ist auch ein Führungsspieler - auf eine andere
Art und Weise, vor allem durch seine Klasse und die Leistungen, die
er zeigt. Daher schauen die jungen Spieler zu ihm auf. Er ist sehr
professionell, davon können sie sich auch etwas abschauen."
Vor vier Jahren haben Sie mit sehr harter Kritik am damaligen
Teamchef (Josef Hickersberger), dem ÖFB und dessen Strukturen für
Aufsehen gesorgt. Was hat sich seither verändert?
Pogatetz: "Damals war es eine komplett andere Situation. Es gab
Punkte, die mich gestört haben. Heute sehe ich das etwas weniger
verbissen. Ich fühle mich jetzt wohler. Das liegt daran, dass es im
ÖFB etwas runder läuft, aber auch daran, dass sich meine Einstellung
geändert hat. Ich kann meine Rolle als Spieler jetzt einfach besser
einordnen. Es gibt Dinge, die ich nicht beeinflussen kann."
Es hat sich also auf beiden Seiten etwas verändert.
Pogatetz: "Genau, ich ärgere mich nicht mehr so über Kleinigkeiten,
weil ich das größere Gesamtbild sehe. Manche Dinge werden im Team
eben anders gemacht als bei den Vereinen. Entscheidend ist meine
Leistung, alles andere ist nur ein Nebengeplänkel."
Was war für diesen Lernprozess entscheidend?
Pogatetz: "Man wird älter, erlebt mehr Dinge. Wir sind in England
abgestiegen, ich habe Verletzungen gehabt. Früher waren Spiele oft
eine mentale Belastung, weil ich mir sehr viele Gedanken gemacht
habe. Heute ist die Vorfreude größer, ich genieße es mehr. Denn ich
habe gesehen, dass man im Fußball sehr schnell weg sein kann."
Teamchef Dietmar Constantini hat vor einiger Zeit die Idee
geäußert, mit vier gelernten Innenverteidigern zu spielen. Sie haben
auch schon Außenverteidiger gespielt, was halten Sie davon?
Pogatetz: "Am Ende hat immer der Recht, der erfolgreich ist. In
England spielen einige Teams so, es kommt auf die Situation an. Ich
sehe meine Position sowieso zu 99 Prozent als Innenverteidiger. Das
war auch ein Grund, warum ich mich für Hannover entschieden habe. Ich
habe lange genug auf links ausweichen müssen, obwohl ich das nicht so
gerne gemacht habe. Im letzten Drittel meiner Karriere will ich dort
spielen, wo ich am stärksten bin." (APA)