In der Stadthalle schwor die Wiener SPÖ rund 7.000 SympathisantInnen auf den Wahlkampf ein - Viel Zeit war der Warnung vor Strache gewidmet
Das Blasmusikorchester spielt engagiert, als wäre es abends auf einem Zeltfest und nicht 9.30 Uhr morgens. Vor der Wiener Stadthalle, in der die Wiener SPÖ ihren Wahlkampfauftakt begeht, tummelt sich eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung bereits die rote Basis, geschmückt mit blinkenden roten Herzen, die später in der abgedunkelten Halle für ein blinkendes Lichtermeer sorgen sollten. Etwa 7.000 sind gekommen, um mit der SP in den Wahlkampf zu starten.
Die rote Landesprominenz mischt sich unter die Gäste, die auf Einlass in die Halle warten, das Ganze hat etwas von einem Klassentreffen, "Hiiiier drüben, Erna!", "Jo griaß di, lang nimma gsehn!", tönt es von allen Seiten. Die Wiener SPÖ startet in ihren vielleicht wichtigsten Wahlkampf und hat dafür das volle Aufgebot mobilisiert - von Männergesangverein zur stimmlichen Unterstützung bis zu den Jugendorganisationen, die den Altersschnitt ein bisschen senken. Denn wie bei vielen Parteiveranstaltungen sind es vor allem die Älteren, die treu zu jedem Termin erscheinen.
"Jetzt geht's um Wien"
Nach diesem Samstag sollen die Funktionäre wissen: "Jetzt geht's um Wien", wie das offizielle Motto der Auftaktveranstaltung lautet. Und das Motto in der Stadthalle ist: Klotzen, nicht kleckern. Ein Indoorfeuerwerk mit Riesensprühkerzen, Arabella Kiesbauer als Moderatorin, Sportlerästhtetik mit lebenden Sportlerstatuen, einleitende Grußworte des Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoe und ein eigener Motivationssong namens "Ich bin Wien" sollen die Funktionäre auf die kommenden fünf Wochen einstimmen.
Aber eigentlich dreht sich die Inszenierung vor Allem um den „lieben Michel", wie ihn der Bürgermeister von Paris begrüßt: Michael Häupl, der von den Genossen mit Jubel wie ein Popstar begrüßt wird, als er den Saal betritt. Zwei Stunden lang ist die Kernaussage: "Denkt daran, was auf dem Spiel steht".
Vor ihm durfte aber noch Bundeskanzler Werner Faymann ans Mikrofon. "Antifaschist zu sein hat noch lange nicht aufgehört, wir werden weiter den Anfängen wehren", meinte der in Richtung FPÖ. Den ersten Applaus gab es für die folgenden Worte: "Wir müssen dafür sorgen dass in der Wirtschaftskrise nicht die Arbeitnehmer zur Kasse gebeten werden, sondern die, die sie verursacht haben".
Schmähs am laufenden Band
Und dann begann sie, die große und Schmäh-gespickte Michael-Häupl-Motivations-Show, die man guten Gewissens auch die "Wählt mir ja nicht den Strache"-Show oder die "Bleibt mir am 10. Oktober ja nicht zuhause"-Show hätte nennen können.
"Dass ihr heute hier seid - man könnte ja an einem Samstagvormittag auch was anderes tun - spiegelt wieder, dass Ihr mit hohem emotionalen Engagement in diesen Wahlkampf geht", lobte der Bürgermeister die Anwesenden. "Es stellt sich die Frage, was wollen wir? No na, wir wollen die absolute Mehrheit", stellte Häupl klar. Und warnte in seiner Rede davor, sich gemütlich zurückzulehnen - wohl auch um das von Spindoktor Greenberg prognostizierte mögliche rote Mobilisierungsproblem einzudämmen. Es gebe immer noch viel zu tun in der Krise, so Häupl. "Erst wenn die Menschen wieder Brot und Arbeit und die jungen Menschen wieder Ausbildungs- und Zukunftschancen haben, dann erst ist die Krise für uns vorbei". Und: "Was wir wollen ist diese Stadt aus der Krise herausinvestieren und sie nicht in eine neue hineinsparen".
"Absenz oder Frühamnesie?"
Dann ging es gegen die politischen Gegner FPÖ und ÖVP - die Grünen erwähnte Häupl mit keinem Wort. Ad Strache: "Der Schlaue rennt immer herum und sagt er ist eine soziale Heimatpartei. Einen Schmarrn ist er: Weder Heimat noch sozial." Ad Mareks Wunsch, dass in Vorschulklassen Deutsch gelernt wird: "War da eine gewisse Absenz oder gar Frühamnesie?" In Wien gebe es das bereits.
Und dann ging es noch gegen die "Oberschlauen mit der Flattax", gegen gierige Banker, für die "Hackler". Applaus brandet dafür auf, dass Häupl sagte, er werde das "Pensionsraubsystem" des Bundes in Wien nicht anwenden. Und immer wieder, fast die Hälfte der Redezeit, die Warnung vor dem "Angstmacher" Strache, dessen Programm "rassistisch, fremdenfeindlich, aufhetzerisch, die Gesellschaft spaltend, den Wohlstand senkend" sei. Häupl meinte gar angesichts der aktuellen Aussagen und Plakate sehne er sich "langsam nach der Intellektualität des Herrn Dr. Haider zurück".
Wahltag ist Hochzeitstag
Und Strache sind dann auch Häupls Abschlussworte gewidmet - am 10. Oktober gehe es darum, ob man weiterhin Häupl als Bürgermeister wolle oder eben Strache. Minutenlange Standing Ovations sprechen - zumindest für die Anwesenden SP-Funktionäre - eine klare Sprache. Die Michael-Häupl-Show zeigte Wirkung. Ein Pensionistenehepaar war begeistert, nur die Musik "war ein bisschen zu laut". Die beiden feiern am Tag der Wahl ihren 57. Hochzeitstag. "Hoffentlich geht es so gut aus wie bei uns". (Anita Zielina, derStandard.at, 4.9.2010)