Ein ehemaliger Stuntman zum Gedenken an Jochen Rindt - Ein Kommentar der Anderen
"Wo waren sie, als ....?" Die Zahl jener, die noch immer Aufenthaltsort, Uhrzeit und Wetterlage memorieren können, als die Nachricht vom Tod des "Österreichers" Jochen Rindt in Monza verkündet wurde, ist bemerkenswert. Das Eigentümliche an der Sache ist weniger die Tatsache, dass man sich an einen Unglücksfall erinnert, der in den Jahren der Aluminiumkisten nachgerade alltäglich war, sondern dass Österreichs langlebige Trauer einem "Österreicher" gilt, der kein Österreicher war.
Jeder kennt den Witz, dass wir Großmeister im Ein- und Ausbürgern sind bzw. waren. Hitler wurde 1945 schneller zum Deutschen gemacht, als ein Lämmlein mit dem Schwanz wackeln kann, und Beethoven ebenso flink zum Österreicher umgebürgert. Rindt war in Mainz geboren - und wenn ich mich recht erinnere, hat es in den späten Sechzigern kaum einen Menschen gegeben, der globaler lebte und dachte als der junge Mann mit der charakteristisch eingedeptschten Nase und einer Großmutter in Graz.
Seit Jahren brennen dort stets zu Allerheiligen am Grab des verunglückten Rennfahrers hunderte Kerzen und weiteres Lichterzeug. Davor sind stets ein paar Dutzend Menschen versammelt, zum Teil in dunkler Tracht, mit übereinandergelegten Händen und finsteren Mienen, wie vor einem Kriegerdenkmal. Dabei raste der junge Mainzer derart durch sein Leben, dass ihm selbst für solche Momente der Trauer oder gar Einkehr angesichts der vielen Toten während seiner Rennjahre keine Zeit blieb.
Wer ihn unmittelbar nach seinen Rennerfolgen erlebte, wird sich auch daran erinnern, dass er nicht einmal Zeit fand, sich über seine Siege zu freuen. Er war sogar der Sekunde in der er gerade lebte, um Tage voraus. Ich hatte den Eindruck, dass im Moment des Abwinkens, wenn er über die Ziellinie raste, seine größten Sorgen der Höhe des Preisgelds und der Frage galten, wie er auf dem schnellsten Wege den nächsten Flieger erreichen könnte. Für sublime Gedanken war da nie Zeit.
Jahrestage zum Tode von ... werden in diesem Lande in der Regel zu Oratorien und nationalen Trauerfesten. Politiker pflegen dann zumeist etwas zu sagen wie "Er war ein guter Mensch". Jochen Rindt war alles andere als ein "guter Mensch". Kein Formel-1-Fahrer ist während seiner aktiven Zeit ein so genannter "guter Mensch". Kampfsport ist gesetzlich erlaubter Totschlag - vor Publikum, das im Geiste enthusiastisch mitschlägt. Man beobachte nur die Fahrmanöver alternder Champions bei gegenwärtigen Formel-1-Rennen ...
Nach den Politikern treten dann auch sicher viele Zeitgenossen vor die Kamera und skandieren das Lied vom "Guten Freund". Jochen Rindt war niemandes Freund, nicht einmal sein eigener. Er hielt alle und jeden auf Distanz, seine Hofschreiber pflegte er zumeist mit: "Wos mochst'n du scho wida do?", zu begrüßen.
Über die unüberschaubare Schar seiner Fans hatte er sich stets gewundert - und wahrscheinlich im Kopf schnell überschlagen, dass bei zehn Schilling pro Verehrer bei x Millionen auch ganz schön was übrigbliebe. Vor allem wenn man es in der Schweiz versteuert, wo der "Österreicher" bekanntlich lebte.
Das Szenario unmittelbar nach seinem Unfall ist in Helmut Zwickls hervorragendem Buch Anatomie einer Hinrichtung nachzulesen. Die Steirer blickten damals fassungslos auf die Investitionen des Österreichrings und planten bereits den Umbau in eine Golfwiese - mit Fördermitteln, versteht sich. Das im Fernsehen übertragene Begräbnis artete teilweise in unfreiwillige Komik auf Löwinger-Bühnenniveau aus.
Bei den heurigen Jubiläumsfestansprachen werden naturgemäß jede Menge Rennveteranen anwesend sein. Niki Lauda, schwer gezeichnet vom Beruf, Helmut Marko, vom Kreisfahren halb blind, und Gerhard Berger, fast verbrannt in Imola, hatten Rindt im wichtigsten Rennen besiegt: Sie überlebten.
Herbst 1970 hatte es in sich: Jochen Rindt fährt am Nachmittag des 5. September in Italien gegen eine Leitplanke; Jimi Hendrix erstickt am 18. September in einem Londoner Hotel; Janis Joplin "buried alive", stirbt am 4. Oktober in LA, Kalifornien an einer Überdosis. - Sie hatten eines gemeinsam: lived fast and died young.
(Erich Glavitza, DER STANDARD Printausgabe, 4./5. September 2010)
Erich Glavitza, geboren 1942 in Kapfenberg, war Auto- und
Motorradrennfahrer, Stuntman in den frühen James Bond-Filmen, doublete
u.a. die Crash-Szenen im Steve Mc Queen-Klassiker "Le Mans", agierte
daneben als Eishockeyspieler, Sportschütze und Generalimporteur für eine
Motorradfirma und lebt heute als Autor von Kriminalromanen und
Kurzgeschichten in Wien.