"Wörter klauben, Silben zählen, Entschlafenes wachküssen ..." - Günter Grass' neues Buch "Grimms Wörter"
Wien - Die Geschichte von Günter Grass und den Brüdern Grimm ist lang. Oskar Matzerath, der Blechtrommler aus dem Jahr 1959, der, während andere äußerlich oft groß werden und innerlich klein bleiben, den umgekehrten Weg einschlug, verdankt seine Gestalt dem Märchen Daumesdick. Im Roman Der Butt (1977) spielt das Märchen Von dem Fischer und syner Fru, in dem es um die Unersättlichkeit des Begehrens geht, eine Rolle, in Die Rättin (1986) wiederum gehören die Brüder Grimm zur Bonner Regierung (wo sie statt Märchen soziale Daten sammeln).
Das ungleiche Hanauer Brüderpaar - also Jacob Grimm, 1785 geboren, streng, asketisch, strukturiert, zeitlebens frau- und kinderlos, der ein Jahr jüngere Wilhelm hingegen fast das Gegenteil: sanft, melancholisch verschattet und der Poesie, so wie drei Jahrzehnte seiner Frau Dorothea, eher zugetan als der sprachlichen Struktur - begleiteten Grass, wie er in einem Interview sagte, sein gesamtes Leben lang - so auch in seinem neuen Buch Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung (Steidl Verlag).
Grass' Buch beginnt dort, wo für Jacob und Wilhelm, die von Anfang an zusammenarbeiteten und -wohnten (böse Zungen behaupteten, Wilhelms Frau habe mit ihrem Jawort den älteren Bruder mitgeheiratet), vieles endete.
Nach den gemeinsam gesammelten Kinder- und Hausmärchen hatte sich der eine mit seiner "deutschen Grammatik" und der "deutschen Mythologie" in Göttingen einen Namen als Philologe gemacht, während der andere, Wilhelm, seit 1831 eine Professur an der dortigen Universität innehielt.
Als nach dem Tod Wilhelms des Vierten Ernst August den Hannoveraner Thron bestieg und die relativ liberale Verfassung seines Vorgängers aufhob, unterschrieben die Brüder 1837 die "Protestation" der "Göttinger Sieben".
Es folgten Entlassung und Landesverweis, der die beiden via Kassel nach Berlin führte. Um "die unfreiwillige Muße auszufüllen", hatten sie 1838 den Auftrag angenommen, das Deutsche Wörterbuch, eine Gesamtzusammenstellung aller Wörter ab dem 16. Jahrhundert samt deren Herkunft und Entwicklung, zu verfassen. Ein Projekt, über dem sie - Wilhelm starb 1859, Jacob 1863 - nicht nur verzweifelten, sondern über wenige Buchstaben nicht hinauskamen. 1961, 132 Jahre später, wurde das Deutsche Wörterbuch vorläufig abgeschlossen. Eine "Neulieferung" wird 2012 erwartet.
Zum einen geht es in Grimms Wörter, wie der Titel verspricht, um deutsche Sprache und das Leben der Grimm-Brüder, laut Grass zwei "Romantiker, unterwegs ins Biedermeier, die wortvernarrt Wörter klauben, Silben zählen, Entschlafenes wachküssen ...", andererseits verhandelt der mit Monarchennamen gespickte Band - naturgemäß - auch "unsere Zeit" und das Leben von Günter Grass dem Ersten.
Onkelhafte Sprache
Wenn Schriftsteller älter werden, gehen sie thematisch entweder näher zu sich hin oder weiter von sich weg. Grass, der im Oktober 83 wird, gehört zur ersten Gruppe. Seit seinem Häuten der Zwiebel (2006), das die frühen Jahre beleuchtet und in tieferen Schichten Unerfreuliches zutage brachte, etwa eine SS-Mitgliedschaft als 17-Jähriger, dem "Roman" Die Box (2008, mittlere Jahre) und dem Wiedervereinigungs-Tagebuch 1990 können Grass' Bücher als autobiografisch gelten.
Das ist in Grimms Wörter, dieser Liebeserklärung, die in zahlreichen Passagen Grass' politisches Engagement der letzten 40 Jahre behandelt, nicht anders. Es mag sein, dass man sich an der zuweilen unerträglich onkelhaften Sprache, die gegen Ende der 360 Seiten klarer wird, stoßen kann und dass der Band von Eitelkeitsschüben nicht frei ist (wie ich Böll zu Grabe trug, wie ich die Friedenspreis-Rede für Yasar Kemal hielt, wie ich Willy Brandt kennenlernte, wie ich einen offenen Brief schrieb), am Schluss aber hat er etwas Schlüssiges.
Schließlich braucht man sich nicht wundern, dass, wo Grass draufsteht, nur Grass drin ist, das war schon länger so. Interessant ist das in neun Kapitel gegliederte Buch (die ersten Kapitel A bis F befassen sich mit den von den Grimms bearbeiteten Wörtern, weitere Kapitel sind den Buchstaben K, U und Z gewidmet) insofern, als Grass seinem literarischen Prinzip der "Vergegenkunft", dem Mischen von Zeitläufen und dem Beschwören vergangener Schönheit und toter Autoren treu geblieben ist. Es ist viel Geschichte - von der Französischen Revolution über 1848, die beiden großen Kriege bis zum Balkan und dem Nahen Osten - in dem Buch.
Engagement gescheitert
Politisch sieht Grass vieles anders als die Grimms, die bekennende Monarchisten und den "Democraten" gegenüber skeptisch eingestellt waren. Im Bestreben, das Alte mit neuen und provokativen Methoden vor dem Vergessen zu schützen, aber erkennt er in ihnen Artverwandte.
Die Zeit, gegen deren Vergehen Grass von Berufs wegen anschreibt, heißt es am Schluss, hat die Wörter verändert, Ideen verweht und Freunde ins Grab gebracht. Sein politisches Engagement - einst wurde er mit Eiern beworfen, auf sein Haus ein Brandanschlag verübt - sieht der Literaturnobelpreisträger, nach dem mittlerweile ein Asteorid benannt ist, als gescheitert. Vom Wort "Märchen" schlägt er den Bogen zur Niederlage, "die den Grimms im Plural geläufig gewesen ist; wie ich Niederlagen gesammelt habe, mich durch Niederlagen beleben ließ, was auch von den nächsten zu hoffen bleibt". (Stefan Gmünder/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.9.2010)