Heinz Prüller, einer der besten Freunde des Posthum-Champions, erinnert sich vierzig Jahre danach an einen irren Typen und eine andere Zeit
Standard: Sie haben fünf Bücher über Jochen Rindt geschrieben. Das erste, das noch zu Lebzeiten Rindts erschien, hatte den Untertitel "Einer von ihnen". Von welchen?
Prüller: Der Titel, zugegeben nicht sehr knallig, spielt darauf an, dass wir bis dahin keinen Formel-1-Fahrer hatten und auch keine Hoffnung, jemals einen zu haben. Doch der Jochen gehörte plötzlich dazu, gehörte zu ihnen. Ohne dem Herrn Viehböck nahetreten zu wollen - Rindt war für mich der erste Austronaut.
Standard: Wie muss man sich die österreichische Motorsportszene in der Prä-Rindt-Zeit vorstellen?
Prüller: Neben Bergrennen gab's Rennen hauptsächlich auf Flugplätzen, zum Beispiel in Aspern, Linz, Innsbruck und Salzburg. Da haben die Kurse teilweise so ausgesehen, dass zwei Richtungsfahrbahnen direkt nebeneinander lagen und nur durch Strohballen voneinander getrennt waren. Der Rindt ist dann in eine Dimension vorgestoßen, die wir für unerreichbar hielten. Es war, als wären wir Afrikaner, und einer von uns würde auf der Streif gewinnen.
Standard: Das vierte Buch, zum 25. Todestag erschienen, titelte "Der James Dean der Formel 1" , das lag auf der Hand.
Prüller: Beide sind ein Mythos, beide zu früh und in einem Auto ums Leben gekommen. Jochen war der erste Popstar der Formel 1 - auch wenn der Jackie Stewart vielleicht mehr mit den Beatles verhabert war. Die Beatles, die Astronauten, die Formel-1-Piloten - sie alle hatten ihre Popularität natürlich auch dem Fernsehen zu verdanken, das immer mächtiger wurde. Vorher musste man in Wien ins Ohne-Pause-Kino am Graben oder ins Nonstop-Kino auf der Mariahilfer Straße gehen, und vielleicht brachten sie dort vor dem Film in der Wochenschau ein paar Sekunden vom Grand Prix vom vorigen Sonntag. Später hab ich, glaub ich, vielleicht 700 Große Preise übertragen, das ist Weltrekord.
Standard: Rindt galt schon vor seinem Tod als Kultfigur, ohne viele Große Preise gewonnen zu haben. Was hat ihn ausgemacht?
Prüller: Er war ein irrer Typ. Das markige Gesicht, die berühmte Nase, dazu seine eigene Sprache, dieses leicht nasale Steirisch. Und auch sein Name - Rindt klingt schon besser als Pumplhuber. Er wuchs ja bei den Großeltern in Graz auf, nachdem seine Eltern, als er ein Baby war, bei einem Fliegerangriff auf Hamburg ums Leben gekommen waren. Jochen war ein wirklicher Rabauke mit unheimlichem Freiheitsdrang. 1956 hat er nach dem Einmarsch in Ungarn aus Protest die sowjetische Botschaft mit Steinen beworfen. Wenige Siege, damit tut man ihm unrecht. Er hat sechs Große Preise gewonnen und 29 Formel-2-Rennen, gegen die gleichen Gegner wie in der Formel 1.
Standard: Können Sie sich an Ihr erstes Treffen erinnern?
Prüller: Nicht auf den Tag genau. Er war ja öfters in Wien, hatte eine Tante hier, die wohnte am Hietzinger Kai, ich glaube auf Hausnummer 72, aber ich erkenne das Haus, wenn ich vorbeifahre. Jedenfalls waren wir alle noch sehr jung, begeisterungsfähig und hatten ein gemeinsames Interesse - Autorennen. Jochen war wahrscheinlich der beste Freund, den ich je hatte. An unsere letzte Begegnung kann ich mich genau erinnern - als er vor seinem tödlichen Unfall beim Training in Monza ins Auto stieg.
Standard: Stimmt es, dass die Idee zur Jochen-Rindt-Show, die Rindt ab 1965 in Wien veranstaltete, auch in Hietzing entstand?
Prüller: Wir sind wieder einmal beim Dommayer zum Frühstück gesessen. Es lief grad eine Briefmarken-Ausstellung mit 70.000 Besuchern. Wie viele würden erst zu einer Motorshow kommen, hat mich der Jochen gefragt. Er war dann stolz darauf, dass er dort jedes Jahr den aktuellen Formel-1-Champ präsentieren konnte. Er hat aber auch gesagt: Die Marie für den Weltmeister kann ich mir sparen, wenn ich's einmal selber bin.
Standard: Das Wort "furchtlos" fällt im Zusammenhang mit Rindt besonders oft. Doch der Lotus galt als sehr gefährliches Auto.
Prüller: Der Lotus 49 von 1968 war solide, der Lotus 72 von 1970 viel riskanter. Aber Jochen wollte Weltmeister werden. Im April 1968 war Jim Clark, der schnellste Fahrer seiner Zeit, im Lotus verunglückt, und Lotus-Chef Colin Chapman wollte unbedingt Rindt als Nachfolger. Das war, als würde der Burgtheaterdirektor einen Schauspieler bitten, an der Burg aufzutreten. Natürlich gab es eine gewisse Angst. Ich hab's heute noch im Ohr, wie der Jochen sagte: "Jeder Tag bringt uns dem Ende näher. Deshalb hast du eine Pflicht - möglichst schnell möglichst viel erleben."
Standard: In den 60ern kamen pro Saison im Schnitt zwei bis drei Formel-1-Piloten ums Leben. Wenn sich 16 Piloten zu Saisonbeginn trafen, konnten sie davon ausgehen, dass sie am Ende nur noch 13 oder 14 sein würden.
Prüller: Sie waren am Ende wieder 16, weil ja jedes Cockpit sofort nachbesetzt wurde. Über den Tod wurde nicht lange nachgedacht, die Unfälle gehörten dazu. Erste Reaktion: Beileid. Zweite Reaktion: Wer kriegt das Cockpit? Über diese Unmenschlichkeit hat sich der Jochen maßlos aufregen können. In einem seiner ersten Rennen ist er nach einem schrecklichen Unfall stehengeblieben, weil er helfen wollte. Sein Team hat ihm das später vorgeworfen. Das hat er nicht verstanden.
Standard: Diese Unmenschlichkeit hat freilich den Ruhm der Fahrer gemehrt, zum Mythos beigetragen.
Prüller: Aber der Jochen war sehr sensibel. 1970 sagte er mir: "Mein Glück in diesem Sommer fängt an, mich zu beunruhigen." Spätestens mit Dreißig wollte er aufhören. Er hatte mit seinen 28 Jahren viel aufgebaut, die Show und ein Formel-2-Team gemeinsam mit Bernie Ecclestone, mit dem er übrigens auch eine Fluglinie gründen wollte. Der Bernie war einer seiner besten Freunde und half ihm, wo er konnte, nahm aber kein Geld dafür. I mänätsch mi selber, hat der Jochen gesagt.
Standard: Wenn Sie an 1970 denken, denken Sie an Rindts tödlichen Unfall - und woran noch?
Prüller: An seine tollen Siege natürlich. In Monte Carlo ist er in der letzten Runde an Brabham vorbei, der Mann mit der Fahne hat das nicht gecheckt, den Jochen nicht abgewunken, weil er auf Brabham wartete. Und ich denke an Zandvoort, wo Jochens bester Fahrerfreund Piers Courage verbrannt ist. Auch daher kam Jochens große Angst vor einem Feuerunfall. Er fürchtete, nicht rechtzeitig aus dem Auto zu kommen.
Standard: Stimmt es, dass er deshalb nicht wirklich vorschriftsmäßig angeschnallt war?
Prüller: Er hatte den Gurtteil um die Oberschenkel nicht befestigt, deswegen auch dürfte er bei seinem Unfall im Training von Monza aus dem Sitz gerutscht sein, weshalb er sich an der Halsschlagader verletzte und verblutete.
Standard: Das Rennen hat stattgefunden, Sie haben es kommentiert.
Prüller: Ich hatte absichtlich verschlafen und hoffte, dass ich zu spät zur Strecke kommen würde, aber ich war rechtzeitig da. Dann hab ich mich halt raufgesetzt und übertragen. Graham Hill wusste, wie mir zumute war, und setzte sich zu mir. Den Kanada-GP hab ich ausgelassen, und nach Watkins Glen bin ich nur gefahren, um mich zu verabschieden und zu sehen, wie Jochen posthum Weltmeister wird. Dann haben mich alle, voran die drei Jackies, also Stewart, Ickx und Brabham, überredet weiterzutun. Bleib wenigstens du, haben sie gesagt.
Standard: Diese große Nähe zu Sportlern hat journalistisch für Sie nie ein Problem dargestellt?
Prüller: Nie beim Fußball, nie im Skisport, nie bei meinen 23 Olympiaden und nie in der Formel 1. Ich hätte nie ein privates Geheimnis ausgeplaudert. Aber ich weiß lieber mehr, als ich sage oder schreibe, als ich weiß weniger und verbreite Gerüchte. Beschönigt hab ich nie etwas. Ein achter Platz ist ein achter Platz, da ist nichts zu beschönigen.
Standard: Wieso sind die Sieger heutzutage keine Typen mehr?
Prüller: Heute ist der Sieger von gestern schnell vergessen, weil viel zu viele Bewerbe stattfinden, in der Formel 1 wie im Skisport oder im Fußball. Und in den 60ern war Aufbruch, war Rebellion. Der Jochen Rindt ist schon auch in die richtige Zeit gefallen. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 4.9. 2010)
HEINZ PRÜLLER (69) war zunächst Sportchef beim "Abend-Express" , später beim "Express" , kommentierte 1965 erstmals live im Radio und Fernsehen; kommentierte Formel 1 bis 2008 für den ORF, seit 2009 bei Sky Deutschland; war von 1989 bis 1995 Sportchef im ORF-Hörfunk, danach Sport-Chefreporter im ORF-Fernsehen. Ist seit 1971 Formel-1- und Skireporter der "Kronen Zeitung".