Iranischen Zeitungen ist es fortan verboten, die politischen Leitfiguren der Proteste nach den Wahlen vor einem Jahr zu nennen.
Der Brief mit dem Stempel "Geheim" war direkt an die Chefredakteure aller Zeitungen gerichtet und kurz und eindeutig: Man wünsche nicht, dass die Namen Mirhossein Mussavi, Mehdi Karrubi und Mohammed Khatami auf den Nachrichten- oder Kommentarseiten Erwähnung finden. Ein gutes Jahr nach der umstrittenen Präsidentenwahl versucht das Regime mit allen Mitteln, den Schein zu erwecken, als wären die Unruhen nur eine Episode gewesen. Also darf auch nicht an die politischen Leitfiguren - die zwei Präsidentschaftskandidaten und den Expräsidenten - erinnert werden.
Der Alltag im Iran spricht aber eine andere Sprache, besonders gestern, am sogenannten Ghods-Tag (Jerusalem-Tag). Vor 29 Jahren rief Ayatollah Khomeini alle Muslime auf, am letzten Freitag im Ramadan für die "Befreiung Palästinas" zu demonstrieren. Also muss man das auch heute noch tun. Und da die Regierungsgegner keine Genehmigung zur Demonstration erhalten, nutzen sie diese offiziellen Anlässe, um aufzumarschieren - gegen die Regierung.
Auch Mussavi, Karrubi und Khatami gaben bekannt, sie würden an den Demonstrationen teilnehmen. Deshalb glich Teheran am Freitag einer Festung, an allen Kreuzungen im Stadtzentrum standen bewaffnete Sicherheitsorgane, überall sah man patrouillierende Motorradfahrer. Wie üblich wurden auch die Internet- und Handyverbindungen gestört.
Angriff auf Karrubis Haus
Karrubi rückten die Regierungsschergen am Donnerstag - nicht zum ersten Mal - dicht auf die Pelle. Seit Donnerstagabend wird das Haus des früheren Parlamentspräsidenten und Geistlichen umstellt. Seine Leibwächter wurden angegriffen, und man hinderte ihn daran, sein Haus zu verlassen.
Mussavi seinerseits hat am Donnerstag in einem offenen Brief die Umstände im Iran als unzumutbar bezeichnet: "Die Militarisierung von Gesellschaft und Wirtschaft hat das Land an den Rand einer Katastrophe manövriert und aller im Grundgesetz vorgesehener Freiheiten beraubt", schreibt er.
Diese Radikalisierung wurde auch in der Wahl der Redner am Freitag deutlich. Ahmad Khatami ein radikaler, konservativer Geistlicher hielt das Freitagsgebet an diesem Ghods-Tag, als Vorredner sprach Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad und rief die Palästinenser zum Kampf auf. Voriges Jahr hatte der frühere Präsident Irans, Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, als Freitagsprediger eine Aufklärung der offenen Fragen zur Präsidentenwahl verlangt. Seitdem wird er nicht mehr als Redner für die Freitagsgebete nominiert. (DER STANDARD Printausgabe, 4.9.2010)
*Aus Sicherheitgründen kann der Name des in Teheran ansässigen Autors
nicht genannt werden.