Echte Wiener

"Ich wurde öfter Austrianer als Ausländer genannt"

03. September 2010 17:44
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    Foto: standard/christian fischer

    Muhamed Mesic am Donaukanal: "Ich verfalle oft selbst in einen starken Dialekt, wenn ich mich inoffiziell unterhalte."

Muhamed Mesic aus Bosnien ist Jurist, Sprachtalent und Moderator - aber in erster Linie Wiener

Öfter bin ich Austrianer, also Fan des FK Austria, genannt worden als Tschusch oder Ausländer. Dadurch begeben sich aber die Leute bloß selbst in die dazu passende Schublade. Seit acht Jahren wohne ich in dieser wunderschönen Stadt, und obwohl ich oft auf Reisen bin, ist hier mein Zuhause, das auf den ersten Blick meine große Liebe geworden ist. Wien ist für mich das Horr-Stadion, die Donauinsel, das saubere Trinkwasser, Tschetschenisch und Kärntnerisch auf der Straße zu hören: all das und genau deswegen. Ich bin in Bosnien aufgewachsen, wir hatten muslimische, christliche und jüdische Nachbarn, gefeiert wurde Weihnachten genauso wie Ramadan, bis die Ausschlusspolitik im ehemaligen Jugoslawien zum Krieg führte.

Reden mit jedem

Jus, Japanologie und Judaistik habe ich studiert, fehlt nur noch Jagd- und Forststudium - das beginnt ja auch mit einem J. Aber nein, das wäre wohl doch nichts für mich, da würde ich lieber lernen, mich mit den Tieren zu verständigen. Fremdsprachen lerne ich ja auch, um andere verstehen zu können, und mittlerweile kann ich mich in 56 Sprachen verständigen, in zwölf davon fließend. In der FM4 Morning Show versuche ich auch manche Ausdrücke aus den verschiedenen Sprachen zu erläutern, ich liebe es, mich mit dem Phänomen Wortentstehung und Wortdeutung zu beschäftigen.

Alles, was als Identität entsteht, egal ob die eines Staates, einer Kultur oder einer bestimmten Sprache, ist sowieso rein das Ergebnis geschichtlicher Zufälle. Die beste Art, mit anderen Menschen ein Zusammenleben aufzubauen, ist einfach sie kennenzulernen, anstatt Angst und Vorurteile zu haben. Die Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen und Muttersprachen zu akzeptieren ist der einzige Weg, auch für Wien.

Spannender Dialekt

Für mich als Sprachfreak sind die österreichischen Dialekte spannend. Öfter verfalle ich selbst in einen starken Dialekt, wenn ich mich inoffiziell unterhalte. Wenn man allerdings damit beabsichtigt, andere auszuschließen, finde ich es wiederum interessant, weil viele Vokabel, vor allem im Wienerischen, eigentlich aus anderen Sprachen übernommen wurden. Etwa "Ganove" aus dem Hebräischen, "Zwutschkerl" aus dem Slawischen oder "Palatschinke" aus dem Rumänischen: Viele Begriffe sind genau das Gegenteil von exklusiv.

In Wien zu leben und Wien zu lieben heißt selbstverständlich auch, die hiesigen Normen zu respektieren. Andererseits: Jemandem aufgrund seines Vornamens "was hast du denn hier verloren" zu bedeuten - egal in welcher Form -, und das passiert mir übrigens hin und wieder, halte ich für nicht angebracht. Genauso ärgert es mich, wenn man meine Vorteile als hellhäutiger, blauäugiger Europäer betont, denn das heißt ja gleichzeitig, dass solche visuellen Kriterien für jemand anderen von Nachteil sind.

Meinen Namen würde ich nie ändern, den habe ich von meinen Eltern, und auch nicht meine Identität. Ich bin eben vieles: Aktivist, Akademiker, Austrianer mit bosnischer Muttersprache und einer Mehrfachidentität. Mit anderen Worten: Ich kann nicht weniger werden, als ich jetzt schon bin. (Jelena Andjelkovic, DER STANDARD-Printausgabe, 4./5. 9. 2010)

Kommentar posten
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Irma Merdzan
 
09.09.2010 16:11
EIN MENSCH zu SEIN

EIN MENSCH ZU WERDEN
EIN MENSCH ZU BLEIBEN
EIN MENSCH ZU SEIN

ES GIBT NICHTS SCHÖNERES AUF DIESER WELT
Hoffentlich gibt es immer mehr Menschen unter uns!!!

Rose Bud
24.01.2012 15:58
Ich empfehle...

...Wolfgang Ambros, "A Mensch mecht i bleib'n"

grandia
06.09.2010 15:33
na eh klar ....

von weiten schaut der genauso wie ein wiener prolet mit an violetten schal uman hals ...

wann der a bisserl a farbe im gesicht hätte, würde dies anderswie ausschauen ...

wenn der standard mal jemanden anderen, der sich etwas von diesem herren unterscheidet, interviewen will, dann stehe ich zur verfügung ...

Octopus Paul
09.09.2010 12:50

sie sind erbärmlich...

Systemerhalter
06.09.2010 12:53

also wenn alle "migranten" so sind wie die welche hier im standard in der auslage präsentiert werden würde ich gerne nach ottakring übersiedeln und meine kinder dort in eine öffentliche schule schicken.

thumbs up für den herrn.

Dein schönster Traum
20.02.2011 21:39
Aber sofort!

Ich sehe das genauso.

Warum können wir nicht mehr "Ausländer" wie den Herrn im Artikel bekommen? Warum stattdessen überall Dönerbuden und türkische Supermärkte mit Kopftuchattacke?

weekend friend
06.09.2010 12:09

Lieber Standard! Aufgrund dieser Serie wissen wir jetzt, was wir vorher auch schon wussten: Es gibt sehr viele "Ausländer" die sich hier wunderbar in unser Land einfügen und auch nirgends anecken.
Und nun macht bitte auch einmal eine Reportage über diejenigen, die hauptsächlich in Gruppen auftreten, Frauen Kopftücher tragen lassen, Töchter zwangsverheiraten und glauben, dass alle anderen sich gefälligst anpassen sollen.
Vom aufzählen der positiven Beispiele werden die Probleme nicht weniger, sprecht lieber mal das an, dass nicht so rund läuft!

NativeRon
 
07.09.2010 13:25

Ist wohl für den Standard ein wenig zuviel verlangt, ned.
Mit ein bissel Zynismus würde ich sagen: "Das sind doch DIE Gutmenschen schlechthin."

jumpingjack flash
06.09.2010 09:45

ein violetter schal, ein lila schirm und schon ist man eingebürgert!

nullsummenspiel
04.09.2010 23:26
Woher Kommt eure arroganz!

Schauts euch um, liebe Österreicher!
Schauts euch an was andere sehen wenn sie euch anschauen!

Wie sich die Leute in diesem Land benehmen ist meist nicht Vorbildhaft, und oft ungustiös. Man soll mMn die Einwanderung zwar beschränken, aber als Grundlage dafür braucht man weder wie in den 90ern Polen und Tschechen noch Türken schlecht machen.

die Großmutter
07.09.2010 00:34

Sind Sie Österreicher ?

Der Unkurze
06.09.2010 11:40

im gegensatz zu den türken, haben die polen und tschechen sich wirklich integriert und keine eigene gesellschaft innerhalb österreichs gebildet (und ehrlichgesagt hört man fast nie anfeindungen bezüglich polen und tschechen)

Mathias
 
06.09.2010 13:20
(und ehrlichgesagt hört man fast nie anfeindungen bezüglich polen und tschechen)

Gerade über Polen gibt es immer viele Witze ... auch wenn das keine direkten Anfeindungen, sondern eher ein europäischer "Nationen-Streit" darstellt ...

ray cas
04.09.2010 21:36
und mittlerweile kann ich mich in 56 Sprachen verständigen, in zwölf davon fließend.

???

56 Sprachen?? Na servas... auch die 12 fließend sind beeindruckend. Welche Sprachen wären das denn? Ich bin gerade mal stolz auf meine 3 fließend :)

Engell
04.09.2010 16:34
Endlich was Gescheites in der Serie...

... "Echte Wiener", insbesondere betreffend Info-, Person-, und Wortwahl. Lob ab die Autorin, auch andere Journalisten sollten keine Angst davor haben, etwas Humor einzubauen, vor allem solche Texte (die also keine Berichte sind) eignen sind hervorragend dafür!

Neuer Nick neues Glück
04.09.2010 15:46

Ich als Deutscher lasse mich lieber 300x am Tag als Piefke oder Ausländer blöd anschwallen als ein einziges Mal als Austrianer! DAS würde ich persönlich nehmen.

Octopus Paul
09.09.2010 12:53

das macht wohl auch den intellektuellen unterschied zwischen ihnen und dem interviewten aus, piefke

jumpingjack flash
06.09.2010 09:40

viel grün - nur wie haben sie als deutscher das "austrianer" verstanden, so von fan zu fan?
auch bei mesic bin ich unsicher.

cainandra
 
05.09.2010 00:28
loool

thx, made my day XD

pfarrwiese
04.09.2010 12:33
Es gibt wirklich

Austria-Fans ? Ich dachte, das sei nur ein Gerücht.

mare! si
07.09.2010 09:26
es wird immer mehr rapidler geben

oder

nicht jeder kann austrianer sein

Dr. Socrates
04.09.2010 14:31
es gibt die pfarrwiese noch?

ich dachte, dort steht jetzt eine mülldeponie.

zkk
 
04.09.2010 18:08
war doch seit 1899 immer eine mülldeponie ...

Dr. Socrates
04.09.2010 18:24

so richtig erst seit 1988

Nathaniel Winerib
04.09.2010 12:19
Wiener = Nationalität?

Unlängst hat eine Taxifahrerin zu mir gesagt: "Das sind keine Wiener, das sind Türken".

In London kann man Engländer, Schotte, Pakistani, Bangladeshi, Nigerianer, sogar Österreicher sein, und wird doch als Londoner bezeichnet. Einzig in Wien scheint die Gemeindezugehörigkeit mit der Nationalität (bzw. sogar mit der ethnischen Abstammung) untrennbar verbunden zu sein.

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