Wo Gott wohnt

03. September 2010 17:30

Schreiben ist auch Glückssache. Der Dichter hat es da leichter: "Gott schreibt für mich"

Schreiben ist auch Glückssache. Der Dichter hat es da leichter als der Journalist oder gar der schreibende Politiker. So schenkte Peter Handke Heinz Sichrovsky in einem Interview für "News" auf die Frage Wann schreiben Sie? die etwas unpräzise, poetologisch aber aufschlussreiche Antwort: Gott schreibt für mich. Bis zur weiterführenden Frage Haben Sie je mit Drogen experimentiert? ließ der Interviewer erst einige Zwischenfragen passieren, sich dann aber nicht abspeisen, als der Dichter sich mit der Antwort aus der Affäre zu ziehen trachtete: Ich brauche gar nichts, ich brauche nicht einmal Wasser beim Schreiben. Da musste Sichrovsky einfach nachwassern: Bis zur Dehydrierung? Und wiederum erfuhr seine Hartnäckigkeit reichen spirituellen Lohn: Ich hab wahrscheinlich genug Wasser in mir vom Himmelvater.

So viel Himmlisches waltet nicht in jedem Autor. Die Debatte um den Roman "Die ganze Wahrheit" des Kollegen Norbert Gstrein hat Handke verfolgt, und er fand, das ist unerlaubt. So zu tun, als ob es kein Schlüsselroman wäre, und dann doch damit spielen und damit die Leute aufgeilen, das tut kein Schriftsteller. Das tut nur ein Karrierist. Woraus man wohl schließen darf: Für Gstrein schreibt Gott nicht.

Auch für Alexander Van der Bellen kann er nicht geschrieben haben, als dieser Donnerstag in der "Wiener Zeitung" einen Lobgesang auf die Wiener Grünen anstimmte. Andere Zeitungen schrieben an diesem Tag Grüner Bundesrat wird rot ("Der Standard"), Grün-Bundesrat wechselt zur SPÖ ( "Die Presse"), Grün bricht auseinander ("Österreich"), die "Krone" schrieb gar von Auflösungserscheinungen bei Wiens Grünen. Vielleicht lagen sie ja alle falsch, denn Van der Bellen war zwar von Gott verlassen, wusste es aber besser. Er schrieb: Die Wiener Grünen sind mit Maria Vassilakou gut aufgestellt und rundum erneuert seit der Kandidatenwahl im Herbst 2009. Vereinzelte Bezirksquerelen ändern daran nichts. Diese optimistische Sicht sollte Van der Bellens Wunsch nach Rot-Grün in Wien untermauern.

Den Wunsch dürfte Maria Vassilakou mit dem Grand Old Man der Partei teilen, die ihn begleitende Harmoniemusik kaum. In "Österreich" schwächte sie die Rundumerneuerung der Wiener Grünen etwas ab: Ich nehme die Entscheidung von Stefan Schennach zur Kenntnis. Verständnis für den plötzlichen Seitenwechsel gibt es aber keines. Dieser Schritt, der ohne Vorinformation überraschend gesetzt wurde, ist persönlich enttäuschend.

Aber kann man "Österreich" trauen, wenn es Vassilakou mit diesen Worten wiedergibt? In diesem Falle wahrscheinlich ja, da anderswo ähnlich lautende Äußerungen bekannt wurden. Aber generell ist Vorsicht geboten, denn am Mittwoch musste das Blatt mitteilen: Innenministerin Maria Fekter ließ am Dienstag ihr eigenes ÖSTERREICH-Interview dementieren. Es "entspreche zum Teil nicht den tatsächlichen Ausführungen der Ministerin", hieß es aus Fekters Büro.

Immerhin behauptet die Ministerin nicht, gar kein Interview gegeben zu haben. Daher ist das Interview, obwohl dementiert, am Dienstag dennoch erschienen, das aber nur, weil "Österreich" dem Schrecken aller Migranten tapfer ins Auge blickte: In Wahrheit wurde das Interview aber am Montag um 17.15 Uhr vor Drucklegung vom Pressesprecher der Ministerin, Gregor Schütze, vollinhaltlich und ausdrücklich autorisiert. Sowohl Pressesprecher Schütze als auch der Ministerin wurde das ÖSTERREICH-Interview zur Autorisierung übermittelt.

Und nicht nur das, es wurden auch Änderungen ausgeführt. Im Auftrag von Ministerin Fekter wurden von Pressesprecher Schütze im Interview sogar zahlreiche Änderungen vorgenommen. So wurde etwa vom Pressesprecher der von Ministerin Fekter im Gespräch tatsächlich verwendete Begriff "Asyl-Lager" auf "Asyl-Zentrum" ausgebessert. Was den Interviewer aber nicht hinderte, bei seinen Fragen zwischen beiden Begriffen zu mäandern: Inzwischen sind die Asyl-Lager überfüllt. Brauchen wir ein neues Asyl-Zentrum?

Dieser Streit um Begriffe zwischen Obrigkeit und Presse lässt hoffen, dass mit der subtilen Asyl-Unterscheidung zwischen Lager und Zentrum ein neues behördliches Zartgefühl im Umgang mit Migranten anbricht. Und wenn die Ministerin ein Wort aus der Mördergrube ihres Herzens, den Lippen flott nur entschlüpft, einmal dementiert, ist Hoffnung doppelt groß. Vielleicht dementiert ja Gott für sie. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 4./5.9.2010)

Kommentar posten
11 Postings
fuchstritt
19.09.2010 11:45

auweia,jetzt ist der handke leider endgültig gaga geworden.künstlerschicksal?

Harry Y.
 
05.09.2010 11:57
"Ich habe wahrlich genug Wasser in mir vom Himmelsvater". Vergessen Sie bloß nicht auf einen regelmäßigen Ablaß!

Was ist bloß mit dem Handke passiert, seit er, damals noch, wirklich vernünftige und tolle Sachen schrieb?

Gott ist also nationalistisch und Pro Serbien?
Nur einem Dichter fällt sowas ein; keinem Schriftsteller.

Ja - alle Menschen bestehen zu etwa 70% aus Wasser. Die Frage ist nur noch, wieso und woher.

Es ist unerlaubt? Von wem? Gott hat uns das jedenfalls nicht mitgeteilt.
Und wenn.

Ein wahrer Dichter ist immer todernst. Daher nimmt er auch seine Leser immer ernst. Mit seinem Publikum, dieser Variablen, das aus vielen anscheinend ganz gleichartigen Menschen besteht, deren Ehrenhaftigkeit sich in ihrer Ernsthaftigkeit spiegelt, zu spielen, ist das Zeichen und der Makel eines bloßen Schriftstellers oder Autors.

santa fe
 
04.09.2010 18:51

grün sein, feil sein, niemand muss dabei sein

santa fe
 
04.09.2010 20:29

was handke und seinen gott betrifft, scheint er dualistisch und nicht mystisch angelegt zu sein, was ein bisschen fundamentalistisch anmutet.

das gute an religionen ist, dass sie alle eine mystische abteilung aufweisen, die einander zum verwechseln ähneln. im christentum wird in diesem zusammenhang von der "unio mystica" gesprochen. sie besagt, dass gott und mensch eins sind. gleiche bis identische "paradoxa" finden sich in hinduistischen mystischen texten wie der "bhagavad-gita", bei den chassiden (siehe martin buber) und den sufis im islam. in der gemeinsamen mystik könnten sich alle religionen vereinen. leider verhindern das die jeweiligen fundamentalisten und führen gegeneinander krieg im namen des "himmelvaters" von handke.

Peter Jan
03.10.2010 10:38

Ich kann mich lose an eine Buchbesprechung von Handke erinnern, in dem es um Mystik geht.

Santiago de Compostela, irgendwas in Spanien?
Googlen Sie bitte selbst. :)

Derfdeswoarsein
 
04.09.2010 16:50
Wo Gott wohnt? Na, in Prag nehme ich an?

Oder lebt er jetzt wo anders? Wußte nicht, daß Handke sich seine Sachen von Karel Gott schreiben läßt

potamu
05.09.2010 10:31

Karel Gott und die www.atheistische-religionsgesellschaft.at sind wirklich göttlich. Geradezu teuflisch göttlich ;-)

Harry Y.
 
04.09.2010 13:23
Das ist wirklich witzig:

(nein, nicht die Black Maria, - die nicht,)

nach zahlreichen, wohl auch autorisierten Änderungen ihres Pressesprechers am Interviewkörper vor der Druckfreigabe die Zeitung, und damit auch die Öffentlichkeit, wissen zu lassen, dass das der Originalton nicht war!!

Ich gratuliere zum Mördergrubenkonditionalsatz (besser kann man die Ministerin nicht treffen) und überhaupt zum letzten Absatz besonders herzlich. Aber natürlich schmeckt der ganze Blattsalat besonders gut.

Irg Endwer
04.09.2010 09:48
Der seit langem verschollene, proserbische, österreichische Schriftsteller Peter Handke ist wieder aufgetaucht

Und zwar in einem amerikanischen Hochsicherheitsfoltergefängnis. In
einem unbeobachtetem Augenblick ist es ihm gelungen, telefonisch mit
der Aussenwelt in Kontakt zu treten und auf diese Weise sein neuestes
Werk zu veröffentlichen: http://irgendwer.podspot.de/post/publ... chimpfung/

Harry Y.
 
05.09.2010 12:02

Sorry, aber ehrlich: ich verstehe nicht, was dieses Blog soll.

Irg Endwer
05.09.2010 15:11
Ganz einfach darum

den Handke, mich, aber auch sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Keiner der beteilgten ist der liebe Gott, als so lachen wir gegenseitig über uns.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.