Schreiben ist auch Glückssache. Der Dichter hat es da leichter: "Gott schreibt für mich"
Schreiben ist auch Glückssache. Der Dichter hat es da leichter als der
Journalist oder gar der schreibende Politiker. So schenkte Peter Handke
Heinz Sichrovsky in einem Interview für "News" auf die Frage Wann
schreiben Sie? die etwas unpräzise, poetologisch aber aufschlussreiche
Antwort: Gott schreibt für mich. Bis zur weiterführenden Frage Haben Sie
je mit Drogen experimentiert? ließ der Interviewer erst einige
Zwischenfragen passieren, sich dann aber nicht abspeisen, als der
Dichter sich mit der Antwort aus der Affäre zu ziehen trachtete: Ich
brauche gar nichts, ich brauche nicht einmal Wasser beim Schreiben. Da
musste Sichrovsky einfach nachwassern: Bis zur Dehydrierung? Und
wiederum erfuhr seine Hartnäckigkeit reichen spirituellen Lohn: Ich hab
wahrscheinlich genug Wasser in mir vom Himmelvater.
So viel Himmlisches waltet nicht in jedem Autor. Die Debatte um den
Roman "Die ganze Wahrheit" des Kollegen Norbert Gstrein hat Handke
verfolgt, und er fand, das ist unerlaubt. So zu tun, als ob es kein
Schlüsselroman wäre, und dann doch damit spielen und damit die Leute
aufgeilen, das tut kein Schriftsteller. Das tut nur ein Karrierist.
Woraus man wohl schließen darf: Für Gstrein schreibt Gott nicht.
Auch für Alexander Van der Bellen kann er nicht geschrieben haben, als
dieser Donnerstag in der "Wiener Zeitung" einen Lobgesang auf die Wiener
Grünen anstimmte. Andere Zeitungen schrieben an diesem Tag Grüner
Bundesrat wird rot ("Der Standard"), Grün-Bundesrat wechselt zur SPÖ (
"Die Presse"), Grün bricht auseinander ("Österreich"), die "Krone"
schrieb gar von Auflösungserscheinungen bei Wiens Grünen. Vielleicht
lagen sie ja alle falsch, denn Van der Bellen war zwar von Gott
verlassen, wusste es aber besser. Er schrieb: Die Wiener Grünen sind mit
Maria Vassilakou gut aufgestellt und rundum erneuert seit der
Kandidatenwahl im Herbst 2009. Vereinzelte Bezirksquerelen ändern daran
nichts. Diese optimistische Sicht sollte Van der Bellens Wunsch nach
Rot-Grün in Wien untermauern.
Den Wunsch dürfte Maria Vassilakou mit dem Grand Old Man der Partei
teilen, die ihn begleitende Harmoniemusik kaum. In "Österreich"
schwächte sie die Rundumerneuerung der Wiener Grünen etwas ab: Ich nehme
die Entscheidung von Stefan Schennach zur Kenntnis. Verständnis für den
plötzlichen Seitenwechsel gibt es aber keines. Dieser Schritt, der ohne
Vorinformation überraschend gesetzt wurde, ist persönlich enttäuschend.
Aber kann man "Österreich" trauen, wenn es Vassilakou mit diesen Worten
wiedergibt? In diesem Falle wahrscheinlich ja, da anderswo ähnlich
lautende Äußerungen bekannt wurden. Aber generell ist Vorsicht geboten,
denn am Mittwoch musste das Blatt mitteilen: Innenministerin Maria
Fekter ließ am Dienstag ihr eigenes ÖSTERREICH-Interview dementieren. Es
"entspreche zum Teil nicht den tatsächlichen Ausführungen der
Ministerin", hieß es aus Fekters Büro.
Immerhin behauptet die Ministerin nicht, gar kein Interview gegeben zu
haben. Daher ist das Interview, obwohl dementiert, am Dienstag dennoch
erschienen, das aber nur, weil "Österreich" dem Schrecken aller
Migranten tapfer ins Auge blickte: In Wahrheit wurde das Interview aber
am Montag um 17.15 Uhr vor Drucklegung vom Pressesprecher der
Ministerin, Gregor Schütze, vollinhaltlich und ausdrücklich autorisiert.
Sowohl Pressesprecher Schütze als auch der Ministerin wurde das
ÖSTERREICH-Interview zur Autorisierung übermittelt.
Und nicht nur das, es wurden auch Änderungen ausgeführt. Im Auftrag von
Ministerin Fekter wurden von Pressesprecher Schütze im Interview sogar
zahlreiche Änderungen vorgenommen. So wurde etwa vom Pressesprecher der
von Ministerin Fekter im Gespräch tatsächlich verwendete Begriff
"Asyl-Lager" auf "Asyl-Zentrum" ausgebessert. Was den Interviewer aber
nicht hinderte, bei seinen Fragen zwischen beiden Begriffen zu mäandern:
Inzwischen sind die Asyl-Lager überfüllt. Brauchen wir ein neues
Asyl-Zentrum?
Dieser Streit um Begriffe zwischen Obrigkeit und Presse lässt hoffen,
dass mit der subtilen Asyl-Unterscheidung zwischen Lager und Zentrum ein
neues behördliches Zartgefühl im Umgang mit Migranten anbricht. Und wenn
die Ministerin ein Wort aus der Mördergrube ihres Herzens, den Lippen
flott nur entschlüpft, einmal dementiert, ist Hoffnung doppelt groß.
Vielleicht dementiert ja Gott für sie. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 4./5.9.2010)