Warum der Hobbygenetiker sich zwar eine neue Partei, aber keinen neuen Job suchen sollte
Thilo Sarrazin sollte sich nicht mehr Sozialdemokrat nennen dürfen. Die SPD ist eine Gesinnungsgemeinschaft, eine Partei, die auf gemeinsamen, im besten Fall tatsächlich sozialdemokratischen Werten und Weltanschauungen fußt. Einer dieser Werte ist die Gleichheit des Menschen. Die Partei hat jedes Recht der Welt, einem ihrer Mitglieder die Türe zu weisen, wenn es sich, so wie Sarrazin etwa durch seine Ausflüge in die Genetik, grober Verstöße schuldig gemacht hat. Ob ihr der Rausschmiss des Berliner Ex-Senators zu in Wählerstimmen zu messendem Vorteil gereicht, ist zwar zu bezweifeln, angesichts des desaströsen Zustands der Partei aber nur eine kleine Nebenbaustelle. Also raus mit ihm.
Die Bundesbank per se ist hingegen weder eine Gemeinschaft noch definiert sie sich über gemeinsame Werte oder
Gesinnung. Welches verfassungskonformen Geistes Kind ihre Funktionäre sind, sollte keine
Rolle spielen. Thilo Sarrazin wurde erst im Mai 2009 auf Vorschlag des Bundesrates vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler als eines von sechs Vorstandsmitgliedern in der Bundesbank installiert. Und nie zuvor wurde ein Bundesbanker vorzeitig entlassen, schon gar nicht wegen einer Meinungsäußerung. Schafft man so einen Präzedenzfall, quasi eine "Lex Sarrazin", gibt man dessen zwischen intelligent, hanebüchen und rassistisch oszillierenden Thesen Nachhall für die Ewigkeit. Wer immer in Zukunft zu polarisierender Sprache greift, muss sich den Vergleich mit Sarrazin gefallen lassen.
Abgesehen davon tun dessen Theorien über Arme und Migranten nichts zur Sache, wenn es um den Job in Frankfurt geht. Schließlich hat sich Sarrazin schon vor seinem Wechsel ins politische Ausgedinge am Main mit polarisierenden Tönen nicht zurückgehalten. Nur traf es damals nicht primär Migranten, sondern etwa Hartz 4-Bezieher. Für die Agenda 2010-SPD kein Problem.
Die Deutschen hätten kein Verständnis für Berufsverbote wegen einer Meinungsäußerung, sagte Heinz Buschkowsky, seines Zeichens Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln und alles andere als ein Verfechter der von Sarrazin zum Besten gegebenen Genetiktheorien. Ein mit aller Gewalt erzwungener Rauswurf Sarrazins aus der Bundesbank hinterließe den bitteren Beigeschmack, die Politik entledige sich eines Mannes, der Zeit seines Lebens in der Partei mitgeschwommen, dadurch zu einem hochbezahlten Günstlingsjob gekommen ist und geschasst wird, als er öffentlich Standpunkte vertritt, die im Gegensatz zu Hartz 4 nicht dem veröffentlichten Parteikonsens entsprechen. So verhilft man Sarrazin zu einem Opfermythos. Und der dürfte nicht seine Tantiemen beflügeln, sondern auch die Phantasien der tatsächlich Rechtsextremen. (derStandard.at, 3.9.2010)