Der Immobilienentwickler Jamal Al-Wazzan hat Schöps zerschlagen und will jetzt Stiefelkönig kaufen - Ein Interview über hohe Mieten, Knackwürste und Wiener Blut
Jamal Al-Wazzan hat Schöps zerschlagen, jetzt will er Stiefelkönig
kaufen. Mit Verena Kainrath sprach der Immobilienentwickler über die
Vertreibung der kleinen Händler und hohe Mieten, Knackwürste und Wiener
Blut.
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STANDARD: Warum wollen Sie Stiefelkönig kaufen?
Al-Wazzan: Warum nicht? Es reizt mich, wie auch Schöps mich reizte. Es ist was Großes, was Schönes.
STANDARD: Sie haben Schöps filetiert und die Immobilien verwertet. Droht das auch der Schuhkette?
Al-Wazzan: Schöps war nicht mehr weiterzuführen. Ich habe es versucht. Nach drei Monaten wusste ich: Nicht einmal zehn Geschäfte kann man lassen. Stiefelkönig hat einen guten Namen, ist nicht verstaubt. Ich würde aber 50 Filialen statt 70 machen, dafür an besseren Standorten. Über die verfüge ich.
STANDARD: Trauen Sie sich das zu? Sie entwickeln, vermieten, verkaufen Standorte. Konzerne zu führen ist ein anderes Paar Schuhe.
Al-Wazzan: Sonst würde ich das ja nicht tun wollen. Ich habe Kontakte zu Produzenten gelegt. Aber wir reden hier über ungelegte Eier. Ich habe bei Stiefelkönig urgiert, doch es rühren sich nicht die richtigen. Das Geld hierfür wird sich finden.
STANDARD: Ihr Partner, Ex-Palmers-Chef Joachim Knehs, wäre dabei?
Al-Wazzan: Ja. Er ist auch zu 40 Prozent an der Firma Schöps beteiligt.
STANDARD: Palmers reizt Sie nicht?
Al-Wazzan: Das ist für mich weit entfernt. Palmers wurde damals so teuer verkauft, dass es furchtbar wäre, es zu dem Preis zu verkaufen, den ich akzeptieren würde.
STANDARD: Sie haben als Jugendlicher einst Bratwürste verkauft, Zeitungsabo und Altpapier ...
Al-Wazzan: Es waren Knackwürste. Ich habe früh für meinen Bruder gesorgt, er war damals 16 und ich 18. Wir wohnten allein und mussten über die Runden kommen.
STANDARD: Heute haben Sie beide die Hand auf 120 Handelsstandorten und Immobilien in Wiener Nobelmeilen. Wie geht das?
Al-Wazzan: Wer die Torte als Erster sieht, erhält das größte Stück. Vor 50 Jahren teilten sich zehn Familien den Textilmarkt auf, bis Franchisegeber wie Benetton anfingen. Wir rutschten mit hinein, wir kamen aus der Schule und wollten Geld verdienen. Ich nehme heute Geschäfte, bringe Systeme hinein, um sie dann zu verkaufen, zu vermieten, zu verpachten. Schlimmstenfalls führe ich sie selber.
STANDARD: Sie teilen sich salopp gesagt mit Rakesh Sardana und Ariel Muzikant Wiens Innenstadt auf.
Al-Wazzan: Das ist riskantes Terrain. Da heißt es schnell: "Der eine ist Araber, der zweite Inder und der dritte Jude. Warum machen die das und nicht sogenannte eigene Leute?" Aber ich sehe mich als eigene Leute. Ich bin 1958 geboren, seit 1962 in Österreich. Ich kenne nichts anderes. Vielleicht ist der Unterschied, dass ich aktiv sein musste. Ich bin nicht in einer Familie aufgewachsen, in der ich bekommen habe, was ich wollte.
STANDARD: Und was wollen Sie?
Al-Wazzan: Natürlich ist das Materielle Triebfeder, die Caritas bin ich nicht. Aber ich lasse andere mitleben, will was tun, bewegen.
STANDARD: In Wien haben Handelsmieten absurde Höhen erreicht. In der Kärntner Straße zahlt Swarovski 218.000 Euro Monatsmiete. Wer außer Multis kann sich das leisten?
Al-Wazzan: Es wird bezahlt, wo die Nachfrage da ist, geht das. Zeigen Sie mir einen, der es sich leisten will, Standorte demjenigen zu geben, der weniger dafür zahlt.
STANDARD: Rentieren sich Lagen zu diesen Preisen überhaupt noch?
Al-Wazzan:Ob Firmen das aus der Werbeschatulle nehmen und Mieten subventionieren, ist deren Geschichte. Aber vieles rentiert sich. Die Ware ist nicht mehr so schön, dafür billiger. Man produziert irgendwo. Es wird alles minimiert, um die Aufschläge hoch zu halten. Damit man sich Miete, alles Drumherum leisten kann. Es wird alles teurer, warum Mieten nicht auch?
STANDARD: Wer eine Einkaufsstraße kennt, kennt sie alle. Alteingesessene Händler haben keine Chance.
Al-Wazzan: Ich habe schon vor gut zehn Jahren gesagt, dass die Straßen alle gleich aussehen werden: 90 Prozent gleiche Geschäfte, gleiche Werbung und gleiche Ware.
STANDARD: Und das stört Sie nicht?
Al-Wazzan: Das ist der Lauf des Lebens. Das ist nicht zu verhindern.
STANDARD: Was Sie aber stört, ist Österreichs rigide Ladenöffnung.
Al-Wazzan: Schade ist es darum. Solange Nachbarländer ungleiche Angebote hatten, spürten wir das nicht. Jetzt haben sie gleiche Ware und bessere Öffnungszeiten. Das ist gefährlich, wird Jobs kosten.
STANDARD: Ärgert Sie eigentlich die FPÖ-Parole mit dem Wiener Blut?
Al-Wazzan: Ich finde es ja oft amüsant, wie Leute so denken. Was soll ich sagen, jeder hat seine Berechtigung. Als Österreicher sollte man aber so agieren, dass das Ausland nicht auf uns spuckt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.9.2010)
JAMAL AL-WAZZAN (52) verkaufte mit 18 Jahren Würstel, mit 24 betrieb er
Stefanel-Läden. Heute vermietet der gebürtige Iraker Flächen an Ketten
wie Zara, H&M, s.Oliver, Esprit. Schöps zerschlug er und vermietet
die Standorte weiter.