Franz Welser-Möst, seit 1.9. Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, über seine Eröffnungspremieren, die Frauenquote und über Operngötter
Mit Franz Welser-Möst sprach Andrea Schurian.
Standard: Sie haben vor einer Woche dieses Büro bezogen. Was haben Sie als Erstes verändert?
Welser-Möst: Die Vorhänge, die diese wunderschönen Fenster verhängt haben, sind weg. Und der rote Teppichboden. Ich wollte den Raum sehen. Der war vorher vollgeramscht. Ich habe es gern, wenn es klar ist.
Standard: Diese Schnörksellosigkeit mögen Sie auch in der Musik?
Welser-Möst: Es hilft, einen klaren Blick auf die Musik zu haben. Manche Betrachter - ich sage bewusst: Betrachter, nicht Zuhörer - meinen, ich wäre nicht engagiert. Aber sie sehen mein Gesicht nicht, die Musiker schon. Ich muss nicht herumhampeln. Beim Dirigieren geht es darum, die Gefühle, die ein Komponist hingeschrieben hat, zum Publikum zu transportieren. Das funktioniert nicht, wenn ich gefühlsduselig bin. Puccini hat sich ja auch nicht hingesetzt und erst einmal geheult, ehe er die Bohème geschrieben hat.
Standard: Sie wurden kürzlich 50. Franco Zeffirellis Inszenierung der Bohème, die Sie nun zum Auftakt dirigieren, ist von 1963 und somit nur drei Jahre jünger als Sie. Wird also auch die neue Direktion eher aufwärmen als neu machen?
Welser-Möst: Nein. Aber diese Inszenierung funktioniert: Dominique Meyer hat sie restauriert, sie sieht aus wie frisch gemacht. Dieses Haus, das an 300 Abenden im Jahr bespielt wird, muss mehr denn je einen breiter werdenden Geschmack abdecken. Ich weigere mich, das negativ zu beurteilen. Und natürlich ist, was heute heutig ist, morgen schon gestrig.
Standard: Also keine Avantgarde, keine zeitgenössische Musik?
Welser-Möst: Im Gegenteil. Mich erstaunt, dass bis auf Lulu und Wozzeck die Oper des 20. Jahrhunderts kaum stattgefunden hat, von Leos Janácek nur Jenufa und Osud aufgeführt wurde. Drei meiner Premieren in den nächsten Jahren sind Janácek gewidmet, er ist für mich - neben Mozart, Verdi, Puccini, Strauss und Wagner - der sechste Operngott. Es wird auch Opern von lebenden Komponisten geben. Wir werden also nicht nur Althergebrachtes aufputzen.
Standard: Burgchef Matthias Hartmann hat mit einem Premierenfeuerwerk begonnen. Warum dirigieren Sie Ihre erste wirkliche Premiere, Cardillac von Paul Hindemith, erst Mitte Oktober?
Welser-Möst: Das begründet sich aus der Natur des Betriebes, im Schauspiel ist alles viel kurzfristiger möglich. Wir haben erst diesen Montag zu probieren begonnen, vorher waren Orchester und Chor in Salzburg. Außerdem ist die vorige Direktion offiziell erst seit Mitte dieser Woche nicht mehr im Amt. Hätten wir gesagt, wir stemmen im September und Oktober fünf Premieren heraus, hätten wir alles unter der vorherigen Direktion probieren müssen. Das ging nicht.
Standard: In welchem Zustand übernehmen Sie das Haus?
Welser-Möst: Orchester, Chor und Ensemble sind mehr als intakt. Natürlich kann man immer etwas verbessern, etwa bei der Studienleitung, den Korrepetitoren. Das sind die oft unterschätzten Heinzelmännchen des Opernbetriebs. Hier etwas zu bewegen ist mir ein großes Anliegen, Weichenstellungen in diesem Bereich haben langfristige Auswirkungen auf das Schicksal einzelner Sänger. Und ich zitiere gern Karajan: 40 Abende an der Staatsoper sind großartig, 40 gut, über den Rest sollte man schweigen. Wenn es uns gelingt, dieses Zahlenverhältnis zugunsten der Qualität zu verschieben, dann sind wir gut unterwegs.
Standard: Wie wollen Sie das tun?
Welser-Möst: Durch unspektakuläre Kleinarbeit. Ich werde etwa bei Neueinstellungen des Staatsopernorchesters respektive der Philharmoniker das Künstlerische voranstellen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt: Wir tappen immer wieder in die Falle, Kompromisse einzugehen. Aber bei Personalfragen sind Kompromisse immer schlecht.
Standard: Werden Sie da auch die beschämend geringe Frauenquote bei den Philharmonikern berücksichtigen?
Welser-Möst: Man kann nicht sagen: "Wir wollen mehr Frauen", und daher alle über vierzig in Frühpension schicken. Dazu kommt die hohe Arbeitsbelastung. Ein Musiker im Zürcher Opernorchester spielt 32 Dienste, hier macht ein Musiker um bis zu 80 Prozent mehr. Das ist für Frauen schwierig, weil es vieles ausschließt: Sie können nicht nebenbei eine Familie haben. Ich kenne viele Musikerinnen, die sich dieser Intensität nicht unterziehen wollen. Aber ich war unlängst bei einem Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters: 37 der vierzig Geiger waren weiblich. Es ist also nur eine Frage der Zeit. Außerdem haben die Philharmoniker erstmals eine Konzertmeisterin gewählt, Albena Danailova konnte die Kollegen überzeugen.
Standard: Wie gut funktioniert die Überzeugungsarbeit zwischen Ihnen und Dominique Meyer?
Welser-Möst: Ich habe meinen Vertrag, der meine Aufgaben klar definiert, im Bewusstsein unterschrieben, dass der künstlerische Leiter und Direktor der Wiener Staatsoper Dominique Meyer heißt. Ich will kein heimlicher Nebendirektor sein. Es wird Entscheidungen geben, wo wir uneins sein werden, aber sein Wort das größere Gewicht haben wird. Würde ich das nicht akzeptieren, hätte ich den Vertrag nicht unterschreiben dürfen. In Cleveland bin ich nicht nur Chefdirigent, sondern auch Halbintendant - und halb reicht mir.
Standard: Stichwort Cleveland: Bleiben Sie Chefdirigent?
Welser-Möst: Ja, das lässt sich gut vereinbaren: Ich habe in Wien eine vertraglich festgelegte Anwesenheitspflicht von 22 und in Cleveland von 16 Wochen. Und ich gehöre zu den wenigen Dirigenten, die selten Gastdirigate geben. Ich habe ein altmodisches Verständnis: Man ist der Institution, der man vorsteht, verpflichtet. Ich muss nicht auf jedem Jahrmarkt tanzen.
Standard: Wie wichtig sind Ihnen kreative Pausen?
Welser-Möst: Seit 1995 schaffe ich es, zwölf Wochen im Jahr nicht zu dirigieren - aus der schlichten Erkenntnis heraus, dass ich keine Maschine bin. Damals habe ich geheiratet, und auch dieser Teil des Lebens muss zu seinem Recht kommen. Man muss sich Zeit nehmen für eine Beziehung.
Standard: Wann haben Sie Ihre Liebe zur Musik entdeckt?
Welser-Möst: Ich komme aus einem sehr katholischen Haushalt, mein Vater schickte mich mit sechs zum Geige- und Klavierunterricht zu einer Nonne - einer zutiefst frustrierten Frau. Man atmete den Angstschweiß des Vorschülers. Mir wurde von diesem Geruch einmal so übel, dass ich erbrechen musste - in meine Geige! Ich wollte damals am liebsten aufhören. Als ich in die städtische Musikschule kam, war das eine ungeheure Befreiung, ich durfte auch im Orchester mitspielen. Mit 18 hatte ich einen schweren Autounfall, seither sind zwei Finger taub: Das Ende von Geige und Klavier war der Beginn des Dirigierens. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.9.2010)