Krieg ist schlecht für die Liebe, findet auch die britische Autorin Sadie Jones und schickt einen Offizier im besetzten Zypern der 50er durch eine Ehekrise
Im Konflikt zwischen der griechisch-zypriotischen Widerstandsbewegung EOKA und der britischen Besatzung fielen 1958 mitten in Nikosia Schüsse, die zwei Ehefrauen britischer Armeeangehöriger trafen. Eine von ihnen überlebte den Anschlag nicht. Die britische Armeeführung verlor daraufhin kurzfristig die Kontrolle über die Soldaten, die hart gegen die Einheimischen vorgingen. Das Ereignis erregte damals weltweites Aufsehen.
Rund um diesen tatsächlichen Vorfall disponiert Sadie Jones den Plot ihres zweiten Romans Kleine Kriege. Ihr ebenfalls in den 1950er-Jahren angesiedelter Erstling Der Außenseiter hatte sich 2008 in Großbritannien gut verkauft, obwohl oder vielleicht weil man dem Buch eine gewisse Antiquiertheit nachsagte.
Im neuen Buch verdoppelt sich der small war zwischen Briten und der EOKA auf emotionaler Ebene und führt auch in der Ehe des britischen Majors Henry Treherne und seiner Frau Clara zu Kollateralschäden. Die Ehe wird von der Gewalt, die rund um sie herrscht, langsam ausgehöhlt. Er, der an Ehre, Ordnung und alle soldatischen Tugenden glaubt, muss den Zusammenbruch seiner naiven Ideologie mitansehen. Sie verliert dadurch seine Unterstützung, die sie aber braucht, um mit ihrer Angst zurande zu kommen.
Trotz der Entwicklungen, die die beiden Charaktere durchmachen, bleiben sie eindimensional und schrammen oft nur knapp an einschlägigen Klischees vorbei. Hier der korrekte, zielgerichtete Soldat, der an der Realität des Krieges, an Tod, Folter und Vertuschung scheitert, dort seine ängstliche Ehefrau und Mutter von Zwillingen, die, leidend unter seiner Sprachlosigkeit, zum Opfer seiner beruflichen Krise zu werden droht. Bestenfalls veranschaulichen die beiden, wie auch zutiefst konventionelle Rollenmuster scheitern können, wenn Krieg vor der Haustür ist.
Naive Romantik
Jones' Buch ist kein Trivialroman. Dafür ist der historische Hintergrund zu gut recherchiert, die Oberfläche zu reduziert, und die Handlung hat dafür zu wenig Zug. Als ernstzunehmende Beschäftigung mit psychischen und sozialen Auswirkungen des Krieges, als ausgefeilte und schlüssige Charakterstudie geht der Text ebenfalls nicht durch. Was übrigbleibt, ist eine karge, naive Romantik, die letzten Endes doch noch zu sich selbst finden darf, wenn Henry auch wieder zur Sprache findet.
Die straffe Erzählung ist durchaus mit Bedacht montiert. Diszipliniert wurden die Illustrationen eines ungerechten Krieges konstruiert, diszipliniert wägt die Sprache zwischen Handlung und Veranschaulichung ab, diszipliniert wird die Suggestion einer Entwicklung angestrebt, die aber gerade aufgrund der straffen Zügel nicht recht an Schwung gewinnen will.
Und vom Vorwurf der Antiquiertheit kann sich Jones auch diesmal nicht befreien. Parallelen zur Jetztzeit böten sich an: Folter, für den Krieg missbrauchte Kinder, Vertuschung zur Abwendung von Imageschäden des Militärs - alle diese Sachen kommen vor. Die Autorin bietet diese aktuellen Themen aber so gar nicht an, um sie als Kritik an den Kriegen, Nachrichtenbildern oder der Politik der Jetztzeit lesen zu können.
Dennoch ist Kleine Kriege ein durchaus zügig lesbares, ein unterhaltendes Buch, das eine Ahnung von den Ereignissen und der Stimmung eines nahezu vergessenen Konflikts vermitteln kann. Die seltsame Leere zwischen den Zeilen muss man dafür in Kauf nehmen. (Alois Pumhösel/ DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.9.2010)