In einer Wiener Generationen-Wohngemeinschaft greifen Studenten Senioren unter die Arme und zahlen weniger Miete - Ein Solidaritätsmodell
"Was ich hier mache?", fragt Willie zurück: "Ich bin sporadisch da, lass ein Bierfassel fallen und wurschtel herum". Ein Problem mit den Jungen habe sie nicht, "ich werd halt nur sauordinär wenn ich grantig bin. Aber danach ist alles wieder gut." Schuld am Generationen-Konflikt seien oft die Alten selbst, die Mieselsüchtigen, die nichts reflektieren und nur verlangen. "Und die jungen Leute fragen sich zu Recht: Warum soll ich mich anschreien lassen und dann auch noch den Einkauf erledigen?"
Willie ist 71 Jahre alt und lebt in der Generationen-Wohngemeinschaft in Neumargareten im vierten Wiener Gemeindebezirk. Die rüstige Pensionistin versprüht ihre Energie in einem Haus, wo Studenten und Senioren auf über 500 Quadratmetern gemeinsam wohnen. Der Prozess des Alterns steht nicht im Vordergrund, große Reibereien gibt es hier nicht und für Studenten ist es eine schlaue Sache: Wer bereit ist, den Senioren im Haushalt zu helfen, Einkaufen zu gehen oder gemeinsam etwas zu unternehmen, erspart sich einen Teil der Miete. Es herrscht keine Pflegepflicht, angeboten werden aber Journaldienste am Abend, wenn jemand Wasser braucht oder ärztliche Hilfe verständigt werden muss.
Den Sinn des Lebens billig finden
Freilich taugt das Leben in der Generationen-WG nicht nur für kühle Kopfrechner mit schmalem Budget. In einer Welt, in der sich Junge und Alte immer mehr voneinander abgrenzen, Beziehungsarbeit mit anderen Menschen als Fähigkeit verkümmert und der Computer zum besten Freund wird, kann soziales Engagement für manchen sinnvolles Leben bedeuten.
Komi ist Student und stammt aus Togo. Er studiert Dolmetsch an der Uni Wien. Freitags putzt er regelmäßig die geräumige Großraumküche und das Gemeinschaftszimmer. Am Samstag macht er WCs und Duschen sauber. Außerdem ist er WG-Sprecher. Er freut sich über das Projekt, das in Wien erst in den Kinderfüßen steckt. "Das Heim gibt mir ein Gefühl von zu Hause", sagt der 26-Jährige. In Afrika lebe die ganze Familie zusammen, Tanten, Omas etc. In Europa kümmere man sich meist um seinen eigenen Besitz, um sich selbst, die anderen seien wurscht. "Ich will aber, dass hier jemand für mich da ist, wenn ich Hilfe brauche."
Eine Einstellung, die uns völlig fehle, wie Willie findet. Sie habe selbst in der Pflege gearbeitet, ist "quer eingestiegen vom Buchhandel zum Po putzen" und erinnert sich an einen nigerianischen Praktikanten im Pflegeheim der Barmherzigen Brüder, der schockiert war, "wie wir hier die Alten entsorgen".
"Gratis-Wohnen bei intensiverer Betreuung"
Betrieben wir die Generationen-WG von der ÖJAB (Österreichische Jungarbeiterbewegung), neben der Akademikerhilfe und der Wirtschaftshilfe eine der größten Studentenheimträgerorganisationen in Österreich. 21 Heime der ÖJAB bieten Platz für 3500 junge Menschen. Mit dem generationenverbindenen Projekt in Neumargareten legt man Schienen in eine Zukunft für Menschen, die nicht mehr alleine wohnen können, aber auch die umfassenden Leistungen eines Pflegeheims nicht benötigen. Und für Studenten ohne dicke Brieftasche könnte es noch günstiger werden.
"Langfristig ist ein Pflegebereitschaftsmodell angedacht, das bei intensiverer Betreuung Gratis-Wohnen möglich macht", sagt Dejan Radonjic, Qualitätsbeauftragter bei der ÖJAB. Derzeit sei aber der Bedarf noch nicht vorhanden. Projekte wie etwa "Wohnen für Hilfe" von der ÖH oder der Diakonie Tirol sind ähnlich orientiert (ein Quadratmeter Wohnraum gegen eine Stunde Hilfeleistung pro Monat), für Studenten bedeutet das aber Leben in einer Kleinwohnung und nicht in einer Wohngemeinschaft, wo auch Gleichaltrige unterwegs sind.
Zeitungholen als Top-Job
Statt Trinken, Partys feiern und Prüfungen in den Sand setzen lieber freundlich, hilfsbereit und liebenswürdig sein: Auch das kann Studentenleben bedeuten. Für einmal Putzen bekommt Komi 40 Euro. Er könne sich vorstellen, sich noch mehr in der Betreuung zu engagieren,
wenn Zeit neben dem Lernen bleibe. Auch Ausflüge, Feste oder Kreativnachmittage mit den Senioren bieten sich an um Geld zu verdienen. Die Miete fürs Zimmer liegt ohne diverse Zuverdienste im Heim bei 250 Euro, ein ordentliches Zimmer in einer Studenten-WG ist nicht billiger.
Konflikte gibt es auch hier, und sei es nur dass die Küche dreckig ist. Das kann Komi schon einmal so ärgern, dass er einen Zettel am Backofen anklebt, mit einer Warnung für die Schmutzfinken. "Aber Angst ist hier fehl am Platz", sagt Willie. Die "Veranstaltungsmanagerin" im Haus fordert ihre eigene Generation auf, dass sie mehr überlegt und dann redet: "Eine Dame, die die Erdäpfel schon von unten sieht, hat einmal einen Jungen gekauft, er bekam fünf Euro fürs Zeitungholen. Für sie war das fix, dass er immer rennt. Das hat dann auch nix mehr mit fehlender Zuneigung zu tun. Manche Alten hängen sich einfach selber in ihre Hilflosigkeit rein und sind selber schuld." (Florian Vetter, derStandard.at, 9.9.2010)