Ehemalige Vorstände und neuer Boss decken sich gegenseitig mit Klagen ein - Entscheidung über Delisting ausstehend
Wien - Die Turbulenzen um den angeschlagenen burgenländischen
Multimediadienstleister webfreetv.com reißen nicht ab. Gegen das Unternehmen
laufen nicht nur mehrere Verfahren der Finanzmarktaufsicht (FMA) wegen
mutmaßlichen Verstoßes gegen die Publizitätspflichten, sondern es ermittelt auch
die Staatsanwaltschaft Wien gegen ehemalige Vorstände und andere, bestätigte
eine Behördensprecherin am Freitag. Nun wurde zudem bekannt, dass sich
Ex-Vorstand Rudolf Fußi und sein Nachfolger Alexander Vogel gegenseitig mit
Klagen eindecken wollen. Fußi möchte das Unternehmen überhaupt noch diese Woche
in Konkurs schicken. Vogel sieht dem "wirklich gelassen" entgegen. "Die
webfreetv ist weit ab von einem Konkursszenario", sagte er heute.
In Behördenkreisen dagegen wird bezweifelt, ob der neue Vorstand das Ruder
noch umzureißen vermag. "Das Unternehmen befindet sich seit Jahren am Rande des
Abgrunds", hieß es. Jetzt gehe es darum, zu klären, ob das
Unternehmen überschuldet bzw. der Tatbestand der Konkursverschleppung gegeben
ist.
Sechs Beschuldigte
Die Wiener Staatsanwaltschaft jedenfalls führt in der Causa schon sechs
Personen als Beschuldigte, unter anderem Vogel, den einstigen Börsenguru Michael
Lielacher (ehemals Aufsichtsrat und Großaktionär bei webfreetv) sowie den
Ex-Vorstand Peter Merschitz. Gegen die drei Manager, für die selbstverständlich
die Unschuldsvermutung gilt, wird wegen Verdachts auf grob fahrlässige
Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen, Betrug und betrügerische Krida
ermittelt, Lielacher werde zusätzlich die Nichtbezahlung von
Sozialversicherungsbeiträgen vorgeworfen, sagte eine Sprecherin der
Staatsanwaltschaft. Die Anklagebehörde habe zu dem Fall auch ein Gutachten in
Auftrag gegeben. Im Juli diesen Jahres sei dann ein weiterer Sachverständiger
bestellt worden.
webfreetv.com steckt seit längerem in großen finanziellen Schwierigkeiten und
stand Branchenkreisen zufolge schon mehrmals kurz vor der Pleite. Im ersten
Halbjahr 2009 hatte es das Unternehmen geschafft, dass der Verlust (-405.590
Euro) den Umsatz (320.059 Euro) überstieg.
Katastrophenjahr
Die Folgen dieses "Katastrophenjahrs 2009", wie es im gestern
veröffentlichten Halbjahresbericht 2010 bezeichnet wird, waren zahlreiche
Rücktritte: Im September 2009 wurde das Management - bis auf Vorstand Merschitz
- abberufen und der Aufsichtsrat zum Teil neu besetzt. Am 16. Oktober 2009 wurde
Vogel von der com-mix.tv als zweiter Vorstand geholt. Im Mai 2010 ist dann
Merschitz zurückgetreten. Auch der ehemalige webfreetv-Aufsichtsrat Christian
Tomaschek, der auch bei der pleitegegangenen Riegerbank Ende der 1990er Jahre
mit an Board war, hat nach nur zwei Wochen sein Vorstandsmandat zurückgelegt.
Schließlich schied auch noch Georg Vetter aus dem Aufsichtsrat von webfreetv
aus.
Im Kontrollgremium sitzen jetzt Christian Gruber, Alfons Helmel, Manfred
Merten und Georg Schönbauer von der zum Land Burgenland gehörenden Athena
Burgenland Beteiligungen AG, die laut Firmenhomepage 27,53 Prozent an webfreetv
hält. Der zweite Großaktionär mit einem Anteil von 5,51 Prozent ist die
Beteiligungsgesellschaft Connexio, die damals von Tomaschek vertreten worden
war. Der Rest (66,96 Prozent) ist im Streubesitz.
Am 30. April 2010 gab webfreetv in einer ad-hoc-Aussendung bekannt, dass eine
Optionsanleihe über 750.000 Euro bereits im März fällig gewesen wäre und dass
die Veröffentlichung der Jahresbilanz 2009 verschoben werden muss. Daraufhin hat
die FMA, die webfreetv schon länger wegen Nachlässigkeit bei den Transparenz-
und Mitteilungspflichten im Auge hatte und mehrere Verfahren eingeleitet hat,
die Wiener Börse aufgefordert, ein Delisting der webfreetv-Aktien zu prüfen.
Seit Mitte Mai sind die Papiere nun vom Handel ausgesetzt. Das entsprechende
Verfahren der Wiener Börse ist immer noch nicht abgeschlossen. Die Entscheidung,
ob webfreetv nun endgültig vom Kurszettel gestrichen wird oder nicht, soll "in
den nächsten Wochen" fallen, hieß es am Freitag von Seiten der Börse.
Bergab
Am 2. Juli folgte die nächste Hiobsbotschaft: webfreetv gab an, akut von der
Insolvenz bedroht zu sein, weil die Wiener Beteiligungsgesellschaft Connexio
zugesagte 175.000 Euro zur Abwicklung der Optionsanleihe nicht überwiesen und
auch alle weiteren Zahlungen eingestellt habe. Connexio begründete den Schritt
damit, die geforderten Beweise für den Fortbestand des Unternehmens nicht
bekommen zu haben. Daraufhin musste webfreetv die Rückzahlung der Anleihe
stoppen.
Am Freitag sagte Vogel, dass er die ausgebliebene Zahlung über 175.000 Euro vorübergehend kompensieren habe können. "Es ist
mir gelungen, eine Zwischenfinanzierung aus dem Aktionärskreis
aufzutreiben." Von wem das Geld kam, wollte er nicht sagen, nur soviel:
"Aus dem Streubesitz."
Connexio will abwarten
Die Beteiligungsgesellschaft Connexio, die ihren Anteil
an webfreetv.com ursprünglich
loswerden wollte, möchte jetzt "abwarten und schauen, was passiert", so
das Unternehmen am Freitag. Außerdem stellte Connexio klar, dass die 175.000 Euro nicht für
die Abwicklung der Optionsanleihe, sondern für ein Darlehen "für offene
Verbindlichkeiten und für die Unterstützung des operativen Geschäfts"
gedacht gewesen wären. Das Darlehen habe man aber dann nicht mehr als
sinnvoll erachtet, da man webfreetv schon vorher als insolvenzgefährdet
eingestuft habe.
Vogel will, dass der immer wieder an der Kippe zum Konkurs gestandene
Internetdienstleister wieder "in ruhige Gewässer kommt" und ist
zuversichtlich, bald aus den roten Zahlen zu kommen. "Das zweite
Halbjahr wird uns ins Plus befördern", kündigte er an.
Die noch immer ausständige Bilanz für das Geschäftsjahr 2009 will Vogel
"im Lauf der nächsten zwei bis drei Wochen" veröffentlichen, momentan
liege sie noch beim Wirtschaftsprüfer. Die Zahlen werden dem Vernehmen
nach tiefrot sein. Die ordentliche Hauptversammlung soll dann Vogel
zufolge schon Ende September oder Anfang Oktober stattfinden.
Streit mit Fußi
Einen heftigen Disput gibt es aber noch mit Vogels Vorgänger Rudolf Fußi. Dieser hatte Strafanzeige gegen webfreetv erstattet, weil das Unternehmen laut seinen Angaben seit Herbst 2009 insolvent sei. Außerdem hat Fußi laut Eigenangaben noch Forderungen in der Höhe von rund 45.000 Euro gegenüber webfreetv. Vogel wies das am Freitag weit von sich. "Fußi ist nicht das Opfer,
sondern hat
mit Steinen geworfen." "Mit großem Schmunzeln" habe er deshalb die
Strafanzeige aufgenommen. Zum besagten Zeitpunkt nämlich
"war er verantwortlich für das Unternehmen", ätzte Vogel, der laut
Eigenangaben "in meinem ganzen Leben" nichts mit Fußi zu tun hatte.
"Herr Fußi hat den ganzen Zirkus sowohl bei der FMA als auch
bei der
Wiener Börse ausgelöst", monierte er und kündigte seinerseits eine
Strafanzeige
gegen Fußi an. Vogel ortet in dem Vorgehen seines Vorgängers
"verleumderische
Elemente", wie er heute sagte.
Jetzt
will webfreetv jedenfalls die Kommunikation mit der Wiener Börse und
der FMA verbessern, wie es im Halbjahresbericht heißt. Vogel ist
"hochzuversichtlich", dass die Handelsaussetzung an der Börse bald
wieder aufgehoben wird. In Branchenkreisen wird das bezweifelt.
Bei der kommenden HV will sich Vogel den im Aufsichtsrats beschlossenen Erwerb des Multimediaunternehmens com-mix.tv gegen 950.000 Euro in Aktien absegnen lassen. Dass dieser Schritt, wie in Branchenkreisen kolportiert, nur erfolge, damit com-mix.tv-Geschäftsführer Michael Lielacher wieder mehr Einfluss auf webfreetv erlangt, dementierte Vogel. "Die webfreetv wird ja die com-mix übernehmen", nicht umgekehrt, so sein Argument. (APA/red)