Herausgeber Rainer: "Das darf schon ein Monat am Nachtkästchen liegen" - Keine Eile mit iPad-App - "profil"-Gründer Bronner über den "Ritt über den Bodensee"
Wien - Das Nachrichtenmagazin "profil" wird 40 und begeht diesen Anlass mit einem eigenen Sonderheft, "das schon fast die Ausmaße eines Buches" haben wird, wie Herausgeber Christian Rainer ankündigte. Trotz aller Umbrüche in der Medienwelt und internationaler Magazinkrise blickt er optimistisch in die Zukunft: "Einen 50. Geburtstag wird es geben", versichert Rainer.
Obwohl das Magazin seit seiner Zeit als Herausgeber zahlreiche
Wandlungen durchlebt hat, sei er "im Großen und Ganzen weiterhin sehr
stolz" auf
das Heft, so der Gründer des Heftes, STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner. "Im wesentlichen erfüllt es die Funktion, die
ihm zugedacht war: Unabhängig von allen Rücksichtnahmen mit dem Leser
auf Augenhöhe kommunizieren, Missstände aufdecken, und den Lesern
möglichst gut geschrieben die Fakten präsentieren." Gegründet habe er es aus der Einsicht, dass ein solcher Journalismus in
Österreich fehle, schilderte Bronner.
"Ritt über den
Bodensee"
Nach ersten Enthüllungen
waren Heftbeschlagnahmungen eine regelmäßige Begleiterscheinung der
frühen Jahre. Bronner spricht rückblickend von einem "Ritt über den
Bodensee": "Damals haben wir wöchentlich ums Überleben gekämpft. In
der Anfangszeit haben nicht sehr viele Menschen an die
Überlebensfähigkeit eines solches Heftes geglaubt. Außerdem haben
wir uns einige sehr mächtige Feinde gemacht, die auch noch ihr
übriges dazu taten, um das Überleben schwer zu machen."
"Magazinkrieg" in den 90ern
In der nächsten Dekade hatte sich "profil" zum wirtschaftliches
Zugpferd gewandelt, das die 80er Jahre journalistisch dominierte. Anfang
der 1991 Jahre streikte die Mannschaft zwei Wochen lang gegen die
Doppelrolle von Peter Rabl als Herausgeber und Manager der
Muttergesellschaft ZVB. Die journalistische Durchschlagskraft hatte
nachgelassen und mit "News" forderte Wolfgang Fellner das "profil"ab
1992 zum Duell um die wöchentliche Meinungshoheit. Der folgende
"Magazinkrieg" der 90er-Jahre, in dem schließlich 1998 "Format" als
direktes Konkurrenzprodukt die Materialschlacht erweiterte, endete mit
einer Fusion: "profil" ging 2001 an die Verlagsgruppe News, was in der
Branche spöttisch unter "Formil" subsumiert wurde. Diese neue
Medienkonzentration ließ auch Bronner wieder auf den Plan treten: "Ich
bin sehr dagegen aufgetreten, dass die Formil-Fusion stattfand", so der
Verleger, der selbst ein Angebot für "profil" legen wollte.
Kartellrechtlich hält er die Fusion immer noch für höchst fragwürdig:
"Es war schlicht gesetzwidrig, was da stattgefunden hat", lautet
Bronners Befund auch im Jahr 2010. Insofern sei die Stellung des Heftes
auch heute "nicht einfach".
"Das einzige Nachrichtenmagazin"
Mittlerweile habe sich "profil" seinen Platz als einziges Nachrichtenmagazin des
Lande zurückerobert. "Das 'News' nennt sich nur Nachrichtenmagazin und
'Format' hat sich letztendlich zu einer Art Wirtschaftsmagazin
gewandelt", so Bronner. "Insofern ist das 'profil' wieder das einzige
Nachrichtenmagazin."
Das Heft sei sich laut Rainer in den vergangenen vierzig Jahren
"in nachgerade gespenstischer Weise treugeblieben". Getragen
sei "profil" nach wie vor von zwei Säulen, was sich beim Blick in die
Archive gezeigt habe: "Das Magazin war schon immer sehr stark vom
Leitartikel und anderen Meinungsartikeln sowie vom Investigativen
geprägt."
"Eisern sparen" 2010
Wirtschaftlich geht es dem Magazin angesichts der allgemeinen Erholung auf den Anzeigenmärkten wieder gut, sagte Rainer. Im letzten Jahr habe man "eine ordentliche hoch einstellige Rendite erwirtschaftet". Heuer werde sie wieder zweistellig. "Wahr ist allerdings, dass die Rendite nicht nur auf bessere Anzeigenerlöse zurückzuführen ist, sondern darauf, dass wir eisern sparen." Bei den Vertriebserlösen schließe man an das "historische" Jahr 2008 an, so Rainer. Eine Preiserhöhung der Einzelhefte von 2,80 auf 3,20 Euro im Vorjahr wurde von der Leserschaft ohne weiteres hingenommen. "Drei E-Mails waren die Folge", sagte Rainer vor einem Jahr. Auch in Folge blieb ihm ein Leserprotest erspart, bekundet er heute: "Das zeigt uns, dass die Preiselastizität für Produkt wie 'profil' nach oben recht hoch ist."
Das Geschäftsmodell Nachrichtenmagazin sieht der Herausgeber nicht bedroht, wiewohl sich Tageszeitungen in ihren Darstellungsformen immer mehr an das Format anlehnen und auch investigative Geschichten auf den Markt bringen. "Ich sehe das nicht wirklich so", hält Rainer dem entgegen. "Den großen investigativen Journalismus können sich hierzulande nur Magazine leisten." Auch in Deutschland sei das meistzitierte Medium nach wie vor "Der Spiegel", und dass eine Tageszeitung wie die "Washington Post" den Watergate Skandal aufdecken konnte, hält er für ein amerikanisches Spezifikum.
Konkurrenz der "sekundenaktuellen Medien"
Vielmehr sieht Rainer die Tageszeitungen durch die "sekundenaktuellen Medien" im Internet bedroht. Zwar seien die Geschichten in Zeitungen "eher reportagig" angelegt, den Verdrängungswettbewerb sieht er aber "ganz klar gegenüber den Tageszeitungen".
"iPad nahe am Printjournalismus"
Den internationalen Run auf das iPad - das "Time Magazine" hatte bereits bei der Präsentation des Tablet PC im Frühjahr eine eigene Ausgabe auf dem Gerät platziert -, betrachtet Rainer noch entspannt. "Wir arbeiten an einer iPad-Application", bestätigte er. Wann diese erscheinen wird, ließ er aber offen. "Erfreulich wäre, wenn sie in den nächsten sechs Monaten kommt." Das Gerät an sich hält er für sehr magazingeeignet. "Es hat viele Qualitäten, in Hinsicht auf Optik, Grafik und Vernetzung innerhalb des Magazins." Außerdem sei die Umsetzung am iPad "immer noch relativ nahe an dem, was wir im Printjournalismus machen", so Rainer. "Generell würde ich sagen, dass wir alert sein müssen, was sich online tut, dass aber kein Printmedium dieser Welt abgestraft wurde, weil es zu langsam war, ins Onlinegeschäft zu gehen." Viele Verlage hätten dort sehr viel Geld liegen lassen. Den eigenen Online-Auftritt beschreitet das "profil" seit etwa zwei Jahren sehr reduziert in Form von Meinungsblogs, wobei die Website auch des öfteren dazu genutzt werde, eigene Exklusivgeschichten vor Erscheinen des Magazins bekanntzumachen.
Jubiläumsheft fürs Nachtkästchen
Zum "Vierziger" gibt es kommenden Montag zusätzlich zur normalen Ausgabe ein Jubiläumsheft. Robert Buchacher, mit bald 40 Dienstjahren längst dienender "profil"-Redakteur kommt darin ebenso zu Wort wie Michael Frank von der "Süddeutschen Zeitung" oder Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche". Das Heft werde "ein buntes Ding, das man eher lesen sollte wie ein Buch, nicht wie ein Magazin", so Rainer. "Das darf schon ein Monat am Nachtkästchen liegen." (APA)