Am Wochenende findet die Weltmeisterschaft im Sportholzfällen zum ersten Mal in Österreich statt
St. Johann in Tirol - Seit Herbert Grönemeyer 1984 die Frage nach der Essenz des Mannseins stellte, ist viel geschehen: Wälder wurden abgeholzt, Kilometer von Kettensägeketten verschlissen und Tonnen von Äxten stumpf. Doch Grönemeyer blieb die Antwort schuldig. Dabei ist sie simpel: Ein Mann ist dann ein Mann, wenn er eine Kettensäge in Händen hält.
Um das zu belegen, wäre es gar nicht nötig, am Wochenende nach St. Johann zu fahren, um dort mit mehr als 10.000 Freunden des Ab- und Umholzens der einschlägigen Weltelite bei der Kür ihrer Weltmeister zuzusehen. Wer je das Strahlen in den Augen schmächtiger Büro-Gnome sah, sobald sie per Fichtenmoped aus Groß- Kleinholz machen dürfen, weiß: Die Kettensäge remaskulinisiert. Durch sie wird auch der partnerschaftlich-effeminierte, genderpolitisch korrekte Softie wieder zum Vollmann. Nachgerade zum Mann-Mann. Zumindest für die Momente der Lignin-Destruktion.
Weil echte Männer aber bei allem, was sie tun, wissen müssen, wer dabei der Größte, Beste, Stärkste und Schnellste ist, erfreut der schöne Sport des Sportholzfällens - nicht zuletzt dank intensiver Berichterstattung auf Sportkanälen - weltweit Heerscharen von Couch-Lumberjacks. Auch, weil der Weltmarktführer am Kettensägemarkt, das deutsche Unternehmen Stihl, die Meisterschaft großzügig sponsert: "Normales" Wettholzfällen (ja, das gibt es auch) findet irgendwo im Wald statt. Niemand kennt die Sieger. Doch Axtschwinger wie der mehrfache deutsche Europameister Dirk Braun sind nicht nur Profis, die während des Jahres Anzugträger zum Incentive-Hacken laden: Sie sind Stars. Echte Stars.
Wo Stars auftreten, kommen Fans: Mehr als 10.000 waren es, als 2008 erstmals in St. Johann mit rasiermesserscharfen Äxten, speziellen Hand-, normalen Ketten- und Dragsterkettensägen aus Stämmen Späne gemacht wurden. Braun gewann damals.
Dass Tirols Touristiker angesichts des Medienrummels und der vollen Betten nach der Saison nun die WM gerne am Fuß des Wilden Kaisers ausrichten, verwundert da nicht. Also wird bis Sonntag in St. Johann zunächst per Axt (von oben, von der Seite und in der Höhe) zugeschlagen und danach mit Hand- und Kettensägen gesägt, bevor zum Schluss die "Königsdisziplin" ansteht: Mit auf 70 PS aufgemotzten Kettensägen gilt es, drei Scheiben Holz (auf 15 Zentimetern Gesamtbreite) vom genormten Stamm zu filetieren. Der Rekord, das nur nebenbei, liegt bei sieben Sekunden. Vom Starten des Motors bis zum Fallen der dritten Scheibe.
Dabei die Sinnfrage zu stellen, ist müßig. Schon wegen des ohrenbetäubenden Krachs. Doch den Sinn kann man riechen. Denn der Duftcocktail aus Holzschnitzeln, Motoröl, Grillgut und Schweiß erzählt eine Geschichte: die vom Traum von ungezügelter, archaisch-wilder Männlichkeit. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2010)