Historiker Segev präsentiert neues Buch
Bei der Verfolgung flüchtiger Naziverbrecher war der legendäre Simon Wiesenthal nicht immer nur ein Einzelgänger, sondern zehn Jahre lang ein bezahlter Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad. Das ist die brisanteste Enthüllung einer neuen Biografie des renommierten israelischen Historikers Tom Segev. Die deutsche Übersetzung wird unter dem Titel Simon Wiesenthal. Die Biographie in zwei Wochen in Österreich präsentiert. Die Zeitung Haaretz veröffentlichte am Donnerstag Vorinformationen.
Wiesenthal sei kurz nach der Gründung Israels durch eine Abteilung des Außenministeriums, aus der später der Mossad hervorging, rekrutiert worden. 1960 habe der Mossad die Errichtung des Wiener Büros von Wiesenthal finanziert, monatliches Gehalt: 300 Dollar. Wiesenthal benützte für seine Reisen einen israelischen Pass, obwohl er kein israelischer Staatsbürger war.
Schon im Dezember 1948 habe es unter Wiesenthals Mitwirkung einen Versuch gegeben, in Österreich den Naziverbrecher Adolf Eichmann zu schnappen. Drei Mossad-Agenten und die österreichischen Sicherheitsbehörden seien beteiligt gewesen. Initiator sei der gebürtige Wiener Ascher Ben-Nathan gewesen, später Israels erster Botschafter in Deutschland. Man habe Eichmann in Altaussee aufgelauert, wo seine Frau und seine Kinder damals lebten. Doch Eichmann wurde möglicherweise gewarnt und kam zum Jahreswechsel nicht auf Besuch. Er wurde zwölf Jahre später von Mossad-Leuten aus Argentinien entführt und nach einem Prozess in Israel hingerichtet.
Segev hatte Zugang zu Briefen, Geheimdienstakten und vielen bisher unbekannten Originalquellen. Für Österreich besonders interessant wird die Durchleuchtung von Wiesenthals Rolle in der österreichischen Innenpolitik sein. Der bittere Konflikt mit Bruno Kreisky soll so weit geführt haben, dass Wiesenthal auf Geheiß des damaligen Bundeskanzlers scharf bespitzelt wurde. Dem umstrittenen Präsidenten Kurt Waldheim soll Wiesenthal aktiv geholfen haben. 2005 starb der im altösterreichischen Galizien geborene Wiesenthal 96-jährig in Wien. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 01.09.2010)