Kopf des Tages

Drehbuch einer geistigen Gefangenschaft

02. September 2010 18:30

Der iranische Regisseur Jafar Panahi darf nicht nach Venedig

Der Fall Jafar Panahi geht in die nächste Runde. Der bedeutende iranische Regisseur hätte auf dem am Mittwoch eröffneten Filmfestival von Venedig seinen neuen Kurzfilm The Accordion persönlich präsentieren sollen, auch eine Podiumsdiskussion war geplant. Nun wurde dem Filmemacher von iranischen Behörden erneut die Ausreise untersagt. "Ich werde seit fünf Jahren von offizieller Seite daran gehindert, Filme zu machen", schrieb Panahi in einem Statement an das Festival am Lido und verglich seine Lage mit einer mentalen Gefängniszelle.

Panahi war im März dieses Jahres verhaftet worden, weil er einen Film über die Demonstrationen rund um die Präsidentenwahl von 2009 geplant hatte. Im Mai wurde das Festival von Cannes von der Nachricht überschattet, dass er in Hungerstreik getreten sei. Es folgte eine Welle der internationalen Solidarität - unter anderem mit Tränen von Juliette Binoche bei einer Pressekonferenz -, die schließlich zu seiner Enthaftung aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis geführt hatte. Seitdem steht Panahi unter Hausarrest.

Filmkultur war eines der Aushängeschilder des postrevolutionären Irans gewesen - eine Eigenleistung, mit der man im Ausland glänzte. Insofern vermag man auch am Fall Panahi - keinem dezidiert politischen, eher einem gesellschaftskritischen Filmemacher - erkennen, wie sehr die Situation aktuell ins Totalitäre gekippt ist. Etliche von Panahis Kollegen, die an einen Reformismus geglaubt haben, arbeiten mittlerweile im Ausland, darunter einst linientreue wie Mohsen Makhmalbaf.

Panahi, 1960 in Mianeh geboren, begann zunächst als Assistent von Abbas Kiarostami, schon sein Debüt, Der weiße Ballon, wurde in Cannes ausgezeichnet. Mit Der Kreis, in dem er sich mit der Prostitution auf Teherans Straßen befasste, gewann er im Jahr 2000 den Goldenen Löwen in Venedig. Wie kaum ein anderer Regisseur zeigt er die immensen sozialen Gefälle des Iran auf, beispielsweise im Meisterwerk Crimson Gold, in dem ein Pizzabote immer nur bis zur Außentür einer privilegierten Klasse gelangt.

In seinem jüngsten kleinen Film, The Accordion, plädiert Panahi anhand eines Tumults in einer Moschee für eine gewaltfreie Lösung. Es sieht vorläufig nicht so aus, als würde sie in seiner eigener Lebenssituation so bald zustande kommen: Seine Gefangenschaft, sagte der Vater einer Tochter im ersten Interview nach der Freilassung, entwickle sich zum "Film seines Lebens". (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2010)

 

Manfred.M
02.09.2010 18:59
"Insofern vermag man auch am Fall Panahi - keinem dezidiert politischen, eher einem gesellschaftskritischen Filmemacher - erkennen, wie sehr die Situation aktuell ins Totalitäre gekippt ist. Etliche von Panahis Kollegen, die an einen Reformismus gegl

Ich finde, man sollte diese Aussage mit Vorsicht genießen. Iranischen Filmemachern ist es zwar seit neuestem verboten Filme im Ausland ohne Genehmigung zu präsentieren, dafür bekommen die Filme im Inland immer häufiger eine Lizenz. Selbst Filme, die jahrelang auf der Zensurliste standen, werden mittlerweile freigegeben: http://tinyurl.com/2am3kgd

solar junior
08.09.2010 18:21
Nein. Mit Vorsicht zu genießen ist diese Aussage aus einem ganz anderen Grund: Sie suggeriert, daß die Situation ...

... erst "aktuell" "ins Totalitäre gekippt" sei. Aha. Und was war die Islamische Republik bisher? Ein Hort der Meinungs- und Pressefreiheit, der Bürger- und Frauenrechte, der Rechte der religiösen und ethnischen Minderheiten (seit Jahrzehnten sind Angehörige der pazifistischen religiösen Minderheit der Baha'i faktisch rechtlos - um nur eines der zahllosen Beispiele zu nenenen), der Rechtsstaatlichkeit, der Rechte der Homosexuellen und Arbeiter u.u.u. ...

Das Totalitäre dieses Gemeinwesens jetzt erst erkennen zu wollen, beruht auf Nicht-Wissen, Nicht-Wissenwollen - oder auf blanken Zynismus.

Manfred.M
09.09.2010 03:37
Warum kann kaum jemand beim Thema Iran...

...beim Thema, über das gesprochen wird bleiben und muss bei jedem Kommentar gleich einen Rundumschlag machen, bei der die kompletten allseitsbekannten Probleme der Islamischen Republik angesprochen wird? Es geht hier um die Zensur bezüglich Filmen, nicht mehr und nicht weniger und da gibt es einerseits Lockerungen und andererseits Verschärfungen.

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