Der iranische Regisseur Jafar Panahi darf nicht nach Venedig
Der Fall Jafar Panahi geht in die nächste Runde. Der bedeutende iranische Regisseur hätte auf dem am Mittwoch eröffneten Filmfestival von Venedig seinen neuen Kurzfilm The Accordion persönlich präsentieren sollen, auch eine Podiumsdiskussion war geplant. Nun wurde dem Filmemacher von iranischen Behörden erneut die Ausreise untersagt. "Ich werde seit fünf Jahren von offizieller Seite daran gehindert, Filme zu machen", schrieb Panahi in einem Statement an das Festival am Lido und verglich seine Lage mit einer mentalen Gefängniszelle.
Panahi war im März dieses Jahres verhaftet worden, weil er einen Film über die Demonstrationen rund um die Präsidentenwahl von 2009 geplant hatte. Im Mai wurde das Festival von Cannes von der Nachricht überschattet, dass er in Hungerstreik getreten sei. Es folgte eine Welle der internationalen Solidarität - unter anderem mit Tränen von Juliette Binoche bei einer Pressekonferenz -, die schließlich zu seiner Enthaftung aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis geführt hatte. Seitdem steht Panahi unter Hausarrest.
Filmkultur war eines der Aushängeschilder des postrevolutionären Irans gewesen - eine Eigenleistung, mit der man im Ausland glänzte. Insofern vermag man auch am Fall Panahi - keinem dezidiert politischen, eher einem gesellschaftskritischen Filmemacher - erkennen, wie sehr die Situation aktuell ins Totalitäre gekippt ist. Etliche von Panahis Kollegen, die an einen Reformismus geglaubt haben, arbeiten mittlerweile im Ausland, darunter einst linientreue wie Mohsen Makhmalbaf.
Panahi, 1960 in Mianeh geboren, begann zunächst als Assistent von Abbas Kiarostami, schon sein Debüt, Der weiße Ballon, wurde in Cannes ausgezeichnet. Mit Der Kreis, in dem er sich mit der Prostitution auf Teherans Straßen befasste, gewann er im Jahr 2000 den Goldenen Löwen in Venedig. Wie kaum ein anderer Regisseur zeigt er die immensen sozialen Gefälle des Iran auf, beispielsweise im Meisterwerk Crimson Gold, in dem ein Pizzabote immer nur bis zur Außentür einer privilegierten Klasse gelangt.
In seinem jüngsten kleinen Film, The Accordion, plädiert Panahi anhand eines Tumults in einer Moschee für eine gewaltfreie Lösung. Es sieht vorläufig nicht so aus, als würde sie in seiner eigener Lebenssituation so bald zustande kommen: Seine Gefangenschaft, sagte der Vater einer Tochter im ersten Interview nach der Freilassung, entwickle sich zum "Film seines Lebens". (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2010)