Alfred Tatar ist Nachfolger von Frenkie Schinkels und der neue starke Mann in Wien-Döbling. Bei der Vienna will er Ebenen reparieren
Wien - Er gilt als einer der Denker im österreichischen Fußball, nach kurzer Pause ist Alfred Tatar wieder im österreichischen Profifußball aktiv, beim First Vienna FC 1894 löste er den erfolglosen Frenkie Schinkels ab. Andreas Hagenauer fragte nach.
Laut Präsident Dvoracek haben Sie ihm ein beeindruckendes Konzept
vorgelegt, das schlussendlich den Ausschlag für Ihre Anstellung gegeben hat.
Wie sieht dieses Konzept aus?
Das Konzept basiert darauf,
dass jeder Mensch, und besonders Fußballer bio-psycho-soziale Einheiten sind. Auf
diesen drei Ebenen muss man bei Erfolglosigkeit einhaken und hier möchte ich
die Hebel ansetzen. Wobei sich der Erfolg dadurch natürlich nicht zwangsmäßig
einstellt.
Wie kann man sich die Ebenen vorstellen?
Die soziale Ebene
bezieht sich auf das Verhalten innerhalb der Gruppe und die psychische Ebene auf die individuellen, psychischen
Gegebenheiten des einzelnen Spielers. Sportler sind bei Misserfolg deprimiert,
oder haben kein Selbstvertrauen. Daran kann man arbeiten. Und das Biologische
betrifft den Körper der Spieler.
Wie sind diese Ansätze von den Spielern
aufgenommen worden?
Von den Spielern bin
ich sehr beeindruckt. Sie sind interessiert und äußerst konzentriert bei ihrer
Arbeit. Aber entscheidend wird es erst dann, wenn sie alles umsetzen müssen. Wir
sind schon gespannt.
Haben Sie die bisherige Saison verfolgt?
Ja, durch meine
Tätigkeit als Sky-Experte habe ich viele Spiele gesehen und bin mit der Liga
vertraut.
Was sind die Ziele der Zusammenarbeit Tatar-Vienna?
Wir bewegen uns im
professionellen Fußball, also kann das kurzfristige Ziel nur heißen: Erfolg
haben und Punkte sammeln. Ein hintergründiges Ziel kann sein, dass die
einzelnen Spieler und die Mannschaft ihr Niveau erweitern und auch halten
können.
In welchem Tabellenplatz äußert sich dieses Niveau dann?
Tabellensituationen
sind diesbezüglich nicht entscheidend.
Welche Erfahrungen nehmen Sie aus Ihrer Zeit aus Russland mit?
Aus Russland habe ich
einen derartig großen Rucksack an Erfahrungen mitgenommen, dass ich noch immer
dabei bin ihn fertig auszupacken. Allem voran steht der Eindruck, wie gut es
unseren Spielern hier eigentlich geht. Die Dimensionen sind einfach nicht
vergleichbar. Die Wege zu den Trainings sind wesentlich weiter und die
mehrstündigen Flüge zu Auswärtsspielen bedeuten für die Profis eine enorme Belastung.
Da haben wir es hier leichter. Ein weiterer Unterschied ist der Zugang zum Sport, der in Russland durchwegs
professioneller erscheint. Teilweise geht es bei den Spielern ums Überleben,
und wenn sie einmal vom Kuchen gekostet haben, präsentiert sich ihre
Einstellung umso professioneller.
Viel hört man hierzulande nicht über die russische Liga…
Der russische Fußball
wird unterschätzt. Zwei fixe Champions-League-Plätze zeugen von einer gewissen
Qualität. Da hat sich in den letzten Jahren viel getan und es gibt gerade bei
den Großklubs wie Lok Moskau auch einige Multi-Millionäre. Schon allein die
Zusammenarbeit mit diesen Spielern würde ich als einzigartige Erfahrung
bezeichnen.
Was bedeutet das für Ihre Arbeit bei der Vienna?
Ich nehme ein
Konglomerat aus allen meinen Erfahrungen aus Russland mit und versuche es für
die Vienna zu adaptieren. Natürlich ist die Erwartungshaltung eine andere, aber
ich versuche eben auch hier ein
leistungs- und erfolgsorientiertes Denken zu etablieren.
Mit Rashid Rachimov waren die Rollen in den letzten Jahren klar
abgesteckt: Er war der Cheftrainer, Sie
der Co-Trainer. Was bedeutet es für Sie,
wieder in die erste Reihe vorzurücken?
Die Rollenverteilung
bei uns war eher an das englische Modell angelehnt. Er war der Teammanager und
ich der Trainer also Übungsleiter. Auf jeden Fall war die Zusammenarbeit für
uns beide sehr fruchtbar. Wir haben uns gegenseitig ergänzt und waren gleichgestellt.
Der Schritt in die erste Reihe bedeutet jetzt für mich, dass ich diese
Erfahrung direkt anwenden kann. Von Rachimov habe ich mir vor allem den
direkten Umgang mit den Spielern abgeschaut. Dafür hat eine Gabe. Der Umgang
mit den Spielern ist für mich als
Chefcoach das Entscheidende. Auf handwerklicher Basis, also der Gestaltung des
Trainings oder den einzelnen Übungen
gibt nur mehr wenig Neues. Die Führung
von Spielern und wie man aus ihnen die beste Leistung herausholt oder sie dazu
bringt Eigenverantwortung zu übernehmen, war damals seine Aufgabe und ist jetzt
meine.
Sie haben einmal den holländischen Fußball mit dem Prädikat "Schön
anzusehen, aber erfolglos" versehen. Das erinnert schwer an die letzten Spiele
der Vienna in dieser Saison. Ein Zufall?
Der holländische
Fußball hat die Zuseher immer begeistert, aber keine zählbaren Erfolge eingefahren.
Mittlerweile schafft er es nicht einmal mehr zu begeistern, wie man bei der WM gesehen
hat. Ich würde also den holländischen Fußball nicht gerade als Nabel der Welt
bezeichnen, obwohl einige Holländer das gerne so sehen. Das hat jetzt nichts
mit meinem Vorgänger zu tun, sondern ist meine Meinung zum holländischen
Fußball.
Und wie sieht Ihre Philosophie aus?
Mir geht es vor allem
darum den Gegner sowohl offensiv, als auch defensiv auszureizen. Wir müssen
defensiv so spielen, dass die andere Mannschaft nach 90 Minuten keuchend vom
Platz kriecht. Und offensiv genau dasselbe: Wir müssen der anderen Mannschaft
unser Spiel so aufzwingen, dass sie um ihr Überleben ringt. (3. September, derstandard.at)
Zur Person
Seit dem 30. August 2010 ist Alfred Tatar (*1963) Trainer des First Vienna FC 1894. Weitere Stationen als Trainer waren: Lokomotiv Moskau (als Co-Trainer von Raschid Rachimow), Amkar Perm, Admira Wacker und SV Ried. Als Spieler war er bei St. Pölten, der Vienna und beim Wiener Sport-Club aktiv.