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vergrößern 600x400Ankunft am Lido: Darstellerin Hiam Abbass, Regisseur Julian Schnabel und Autorin Rula Jebreal
vergrößern 600x897Anastasia (Carla Besnaïnou) mit Hirschkuh: Catherine Breillats gegenwärtiger Märchenfilm "La belle endormie"
vergrößern 600x400Vincent Cassel, Natalie Portman und Darren Aronofsky bei der Premiere von "Black Swan"
Das Festival von Venedig findet auch in seinem 67. Jahr am Lido statt. Zusätzlich liegt es immer noch am Rande einer riesigen Baugrube. Die Arbeiten ruhen zwangsläufig, die Stargäste führt man trotzdem lieber durch die Hintertür. Vom Presseschreibraum aus sieht man geradewegs aufs Meer, über die Grube und auch sonst über manches hinweg.
Julian Schnabel, US-Malerfürst und Regisseur, hat im Wettbewerb soeben seinen vierten Kinofilm vorgestellt. "Miral" ist nach einer von drei Frauenfiguren benannt, die Titelheldin (Freida Pinto) ist die jüngste von ihnen und gleichsam Autorin der Geschichte, die allerdings mit einer anderen Frau beginnt: Hind Husseini (Hiam Abbas) gibt in Jerusalem Ende der 40er-Jahre verlorenen, verwaisten palästinensischen Kindern ein Heim, welches bald zu einer Institution wird. Eine ihrer Schützlinge ist Miral - diese kommt jedoch erst Ende der 70er-Jahre, nach dem Freitod ihrer unglücklichen Mutter Nadia, in "Mama Hinds" Obhut. Und sie wird mit der diplomatischen Mission ihrer Mentorin, die den Bestand ihres Hauses und die Ausbildung ihrer "Töchter" über alles stellt, nicht immer einverstanden bleiben.
"Miral" folgt anhand dieser drei Frauenleben und -generationen nämlich dem Verlauf des Nahostkonflikts von Weihnachten 1947 bis ins Jahr 1994. Der Film selbst dauert 112 Minuten. Das gibt schon eine gute Vorstellung davon, wie atemlos hier erzählt wird. Sicherheitshalber setzt elegische Off-Musik bedeutungsvolle Akzente, auch Zusammenschnitte von Archivaufnahmen (Staatsgründung Israels, Sechs-Tage-Krieg, erste Intifada) werden so unterlegt. Das macht Kino der großen Gefühle, eine befriedigende Form der Auseinandersetzung mit dem Thema ergibt es nicht.
Wo bei "Miral" ohne Not nichts gewagt wird, wird anderen jeglicher Spielraum verwehrt: Jafar Panahis Kurzfilm "The Accordion" ist ganz ostentativ einer allgemeingültigen humanistischen Botschaft verschrieben, trotzdem konnte der Filmemacher seinen Film nicht wie geplant persönlich in Venedig vorstellen (siehe 'Kopf des Tages').
Traumwandlerische Reise
Manchmal wechselt man ganz einfach das Register: Die Französin Catherine Breillat hat sich der Neuinterpretation von Märchenstoffen verschrieben. "La belle endormie" ("Die schlafende Schöne") beginnt wie "Dornröschen", mutiert dann jedoch bald zu Andersens "Schneekönigin". Man folgt einem blaublütigen Knirps, der resoluten Prinzessin Anastasia, die lieber Ritter Vladimir wäre, auf eine traumwandlerische Entwicklungsreise. Die ersten Bilder setzen bereits den Ton, verdichtet und reduziert, jedoch ohne Prinzessinnenkleider und andere Schauwerte, die man mit einem Märchenfilm assoziiert, völlig auszuräumen. Trotz surrealer Figuren und Begebenheiten wirkt der Film gegenwärtig. Verglichen mit Breillats unerbittlichen Arbeiten um die Differenz zwischen Männern und Frauen hat er eine heitere Note.
Breillat eröffnete die Reihe "Orizzonti". Ihr Film und seine frech-forsche Hauptfigur bildete eine schöne Antithese zum Haupteröffnungsfilm: Darren Aronofskys "Black Swan" lässt Nathalie Portman als Neo-Solistin einer New Yorker Ballettkompagnie durch die Psychohölle gehen, während sie ihre erste Hauptrolle in "Schwanensee" einstudiert. Nach dem alternden Wrestlerkörper von Mickey Rourke interessiert sich Aronofsky nun für Tänzerinnen, für die ihre zarteren, aber gestählten Leiber ebenfalls Arbeitsmaterial mit Verfallsdatum sind. Vom Realismus des morgendlichen Zehenknackens ausgehend, enthüllt der Blick auf die Protagonistin, der ihre Selbstwahrnehmung spiegelt, bald monströsere physische Auswüchse (Stichwort: Schwanenhaut). Die Primaballerina entpuppt sich als hoffnungslos neurotisiert, nicht zuletzt dank Übermutti. Ganz so billig hätte man es uns auch nicht geben müssen. (Isabella Reicher aus Venedig / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2010)
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