Expertenstreit über Folgen von Basel III - Ökonom Walter: Notsituation dauert zu lange
Alpach - Die Rolle der Zentralbanken und der Politik in der Krisenbekämpfung stand auch beim Europäischen Forum in Alpbach auf dem Diskussionsmenü. Der frühere Chefökonom der Deutschen Bank und heutige Berater Norbert Walter verwies darauf, dass die Banken auch zwei Jahre nach dem Fall von Lehman am Tropf der Notenbanken hingen. Wenn eine Notsituation so lange andauere, sei es wohl notwendig, die Situation zu überdenken. Die Geldpolitik, insbesondere jene der US-Notenbank Fed, sei in den letzten Jahrzehnten "unerträglich expansiv" gewesen, kritisierte Walter.
Finanzminister Josef Pröll lobte bei Abschluss der Wirtschaftsgespräche hingegen den Einsatz der Politik. Erst die Griechenland-Rettung, dann der Hilfsfonds für angeschlagene Eurostaaten: "Europa hat schlagkräftig und mit den richtigen Ansätzen agiert", beurteilte der Vizekanzler die Eigenleistung. Immerhin sei man vor einer Lehman-Situation für Euroländer gestanden, so die Rechtfertigung der vertragsrechtlich umstrittenen Interventionen. Hart ins Gericht ging Pröll mit der Slowakei, wo sich die neue Regierung nicht an der Hilfe für Athen beteiligen will. "Das ist ein ganz gefährliche Entwicklung", findet der VP-Chef. Auch Prag agiere zu reserviert, freilich sei der Fall anders zu bewerten, weil Tschechien kein Euromitglied ist.
Um die volkswirtschaftlichen Kosten der künftig verschärften Aufsichts- und Kapitalregeln für Banken wurde am Donnerstag zum Auftakt der Alpbacher Finanzgespräche debattiert. Der internationale Bankenverband IIF schätzt die für die ersten Jahre drohenden BIP-Belastungen sieben- bis achtmal höher ein als die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ).
Auch die spanische Großsparkasse La Caixa (sie ist mit zehn Prozent an der Erste Group beteiligt) hat Zahlen erhoben, die näher an den schärferen Daten der Bankenverbände liegen als an denen der BIZ. Das österreichische Institut für Höhere Studien (IHS) fürchtet um das Wohl der heimischen Volkswirtschaft. Dessen Leiter Bernhard Felderer fordert längere Übergangsfristen, bis das neue tatsächlich Banken-Kapitalregime wirksam wird.
Krisenkosten bei 90 Prozent des BIP
Der Experte Jean Pisani-Ferry vom Brüsseler Think Tank Breugel (Brussels European and Global Economic Laboratory) rechnete nach Studien der Bank of England vor, dass die Kosten der ganzen Finanzkrise mit 90 Prozent des weltweiten BIP zu beziffern sind. In Summe mit 55 Billionen Dollar. "Damit könnte man 10 Milliarden Schulklassen bauen in Afrika." Es sei davon auszugehen, dass ein Viertel der Verluste der Wirtschaftsleistung von 2009 dauerhaft seien, der größere Rest würde kompensiert beziehungsweise wieder aufgeholt.
Krisen wie jene von 2008/2009 treten im Schnitt nur alle 50 Jahre auf. Ausreichende "Versicherungsprämien" - Pisani-Ferry sprach im Zusammenhang mit den Kosten der schärferen Reglements zur Krisenabwehr von etwa 1,8 Prozent des BIP pro Jahr - würden bewirken, dass der Abstand zwischen zwei Krisen größer würde. Würde das Eigenkapital der Banken nur um einen Prozentpunkt steigen, dann träte vielleicht nur alle 75 Jahre eine solche Finanzkrise ein.
Klar sei, dass es schmerzhaft sein werde, krisenfester zu werden. Auch für politische Entscheidungsträger, die oft nur kurzfristig dächten, sei dies ebenfalls schwierig, räumen Experten ein. Bleibe man untätig, werde es noch teurer. Jordi Gual, Manager und Chefökonom von La Caixa, sorgt sich nicht nur um die Banken, die Milliarden aufstellen müssen, sondern um die gesamte Wirtschaft. "Sind wir bereit, eine Versicherungsprämie gegen Krisen zu zahlen, wenn wir nicht sicher sind, dass diese Versicherung nicht negative Auswirkungen auf die ganze Wirtschaft hat?", fragte sich Gual in der Debatte. Er beziffert die Kosten der Krise im Schnitt mit rund 60 Prozent des BIP. (as, APA, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.9.2010)