Fünf Wochen vor der Landtagswahl in Wien fährt die U-Bahn - begleitet von großem Brimbamborium - dieses Wochenende erstmals die ganze Nacht. Die SP bejubelt "das beste System in Europa". Das war nicht immer so.
Wien - Es lag wieder einmal an Karlheinz Hora, einen Vorschlag der VP abzuschmettern. Der 24-Stunden-Betrieb der U-Bahn am Wochenende sei "nicht notwendig. Er würde nur zusätzliche hohe Kosten verursachen, das Nightline-Netz verstümmeln und die laufend notwendigen Instandhaltungs- bzw. Reparaturarbeiten im U-Bahn-Netz deutlich erschweren", richtete der rote Verkehrssprecher den Schwarzen, die spärlich bekleidete Jung-VPler für "24 Stunden Verkehr" werben ließen, via Presseaussendung aus. Das war vor gut einem Jahr.
Nun - fünf Wochen vor den Landtagswahlen - fährt die U-Bahn erstmals die ganze Nacht.
Der rote Schwenk lässt sich genau datieren: Von 11. bis 13. Februar konnten die Wiener ihre Stimme bei der Volksbefragung abgeben. "Sind Sie dafür, dass die U-Bahn am Wochenende auch in der Nacht fährt?", wollte die SP wissen, die die Volksbefragung initiiert und dank eines ordentlichen Griffs in das Rathausbudget umfassend beworben hatte. Auch über die Citymaut - eine langjährige grüne Forderung - ließen die Roten abstimmen. Während die Wiener mit ihrem Nein zu dieser Frage dieses Thema ein für alle Mal abdrehten, gab es für die Nacht-U-Bahn ein knappes Ja, trotz des Zusatzes, der 24-Stunden-Betrieb koste einiges und werde das Nachtbussystem durcheinanderwirbeln.
Seither gerät Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SP) bei dem Thema geradezu ins Schwärmen: "Wir werden das beste System in Europa haben", sagte sie zielgruppenwirksam im Interview mit der U-Bahn-Zeitung Heute. Die ersten nächtlichen U-Bahn-Fahrten werden begleitet von diversen Medienterminen und unzähligen Partys.
SP-Landesparteisekretär Christian Deutsch relativiert die frühere rote Ablehnung: "Wir haben nur immer darauf hingewiesen, dass es viele offene Fragen gibt." Aber man bekenne sich im Lichte der Volksbefragung selbstverständlich dazu, "dass es Themen gibt, die die Wiener besonders interessieren".
Logisch, dass die Sozialdemokraten Themen für sich vereinnahmen: Sie sind mit ihrer absoluten Mehrheit schließlich die Einzigen, die in Wien einen politischen Vorschlag auch in die Tat umsetzen können. Aber in (Vor-)Wahlkampfzeiten häuft sich die Zahl der rot eingefärbten Maßnahmen, sehr zum Leidwesen der Oppositionsparteien. Von klimatisierten U-Bahnen über E-Bike-Ladestationen und diverse Radwege bis hin zum Gratiskindergarten: Die Liste der ursprünglich abgelehnten und später doch umgesetzten Oppositionsforderungen ist lang.
Die anderen Parteien bringt das in eine Bredouille, die der frühere Wiener VP-Chef Johannes Hahn in einem Standard-Interview auf den Punkt brachte: "Wenn ich etwas jahrelang verlange, und dann wird es endlich umgesetzt, kann ich ja schlecht 'Scheiße' sagen."
Im Fall der Nacht-U-Bahn bleibt der VP nur der Versuch, die Wiener daran zu erinnern, wer's erfunden hat. 150 Jungschwarze werden am Wochenende daher unterirdisch im Einsatz. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 3.9.2010)