Ein norddeutscher Bauernhof als Musikmetropole? So ist es. Seit 35 Jahren versorgt das Label Bear Family die Welt mit erlesenen Wiederveröffentlichungen. Eine Ehrerbietung aus gegebenem Anlass
Wien - Cowboy-Hüte und Elvis-Tollen seitenweise. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den Cowboy-Hüten ebenfalls Schmalzlocken verbergen, sie grenzt an Sicherheit. Betrachtet man den telefonbuchdicken Katalog des dieser Tage sein 35-jähriges Bestehen feiernden deutschen Labels Bear Family, wird schnell klar, dass hier Country-Blut durch ein Rock-'n'-Roll-Herz fließt. Es ist die Pumpe von Richard Weize.
Der heißt zwar so, als wäre er der coolere Bruder von Richard von Weizsäcker, dem früheren Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Aber der 65-jährige, vornehmlich Latzhosen tragende Label-Chef hat seine Leidenschaft in ein sympathischeres Geschäft investiert, ins Musikbusiness. Wobei es dem Überzeugungstäter weniger um den dort zu verdienenden Knödel geht als tatsächlich um die Musik. Doch, das gibt's.
"Bear Family veröffentlicht Musik so, wie sie es verdient hat, präsentiert zu werden", steht es manifest im Begleitbuch der nun erschienenen Jubelbox 35!!! Years Bear Family Records. Diese Haltung kostet oft mehr, als sie bringt, aber so ist das mit der Liebe: Sie lässt sich nicht vom Kontostand ablesen.
Von einem ehemaligen Bauernhof im norddeutschen Holste-Oldendorf nahe Bremen versorgen Weize und sein Stab als großfamiliärer Betrieb die einschlägig darbende Welt mit erlesenen Wiederveröffentlichungen - und zwar krisenresistent. Einerseits wird Musik durch ihre zusehends unentgeltliche Verfügbarkeit permanent entwertet, andererseits lässt sich Feinspitztum mit hochqualitativen, ästhetischen Produkten immer noch zur Kasse bitten. Genau das ist der globale Markt des Labels, auf dem sich Prominenz von Bob Dylan bis Lou Reed tummelt, beide treue Bear-Family-Kunden.
Graben und Schnüffeln
Es ist kein Verlag, der bloß Kompilationen in die Läden stellt, er veröffentlicht nichts weniger als Zeitdokumente: Aufwändig recherchiertes, liebevoll aufbereitetes Spinnertum auf höchstem (Klang-)Niveau. Weize, der früh vom Musikvirus infiziert wurde, besucht in dieser Mission immer wieder die USA, um sich dort über ein mittlerweile dicht gestricktes Netzwerk in seine Themen zu graben, in Archiven zu schnüffeln, alte Tapes aufzutreiben. Kurz: Papa-Bär geht auf Schatzsuche.
Diese Missionen zeitigen oftmals Boxsets im Umfang von acht, zehn oder zwölf CDs, fette Begleitbücher verstehen sich von selbst. Dazu gibt es immer noch ausgesuchte Perlen auf Vinyl. Erst heuer edierte man das 1957 erstveröffentlichte Calypso-Album des Hollywood-Giganten Robert Mitchum als 180 Gramm schwere LP neu. Mit derselben Hingabe widmet man sich Themen wie Jazz aus Deutschland, jiddischer Musik, Deep Soul, Blues, Doo Wop, ausgesuchtem Schlager sowie einer Unzahl genialischer Grenzgänger. Damit schufen sich Weize und Co eine Reputation, derer sich sonst nur wenige Originallabel erfreuen.
Das 35-jährige Jubiläum feiert die Familie nun mit einer LP-großen Box, die neben einem 208-seitigen Hardcoverbuch drei CDs beinhaltet und um einen Preis von schlappen 16 Euro fast verschenkt wird. Auf den Tonträgern befinden sich ausgewählte Songs über das Labeltier, den Bären. Darunter einige Stücke, die direkt an die Bear Family adressiert sind: etwa das existenzbedrohliche Sixteen Discs von Roland Heinrich, in dem dieser seine Abhängigkeit von Bear-Family-CDs beschreibt. Verrückt? Aber super. Auch der Rest der insgesamt 68 Stücke belegt herzblutenden Wahnsinn zwischen Rock 'n' Roll, Blues, Songwritertum, Country und, und, und.
Wenn es nicht so verbraucht klänge, müsste man behaupten: Hier steppt der Bär. Aber einmal geht's noch. Denn nirgendwo trifft das so sehr zu wie hier. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2010)