Vollmondattentäter, spuckendes Ex-Zirkus-Lama, Pferd ohne Augen - am "Riedenhof" in Achau bei Wien ist zwar der Bär los, nur krankt es bei der Finanzierung
Evelyn Popp sitzt im spärlich eingerichteten Stüberl und nimmt einen Zug von der eben angezündeten Zigarette. „Ich rauche erst seit drei Wochen wieder - deshalb nur die leichten", erklärt die 45-jährige blonde Frau und sieht aus dem Fenster. Wegen Stress habe sie nach zwanzig Jahren wieder mit dem Rauchen begonnen. Jener Stress, den ihr vor allem ihr Gnadenhof für Tiere, der „Riedenhof" in Achau bei Wien, macht.
An die 200 Tiere haben bei Popp ein neues zu Hause gefunden und verbringen ihren Lebensabend auf dem Hof. Seit sieben Jahren rettet sie unter anderem Pferde, Gänse oder Hunde vor dem zumeist sicheren Tod. „Schon seit ich ein Kind bin, setze ich mich für den Tierschutz ein", sagt Popp und streichelt über den Kopf von Winnie, einem Hund, den sie als Welpe in einem Mistkübel gefunden hat und der mittlerweile seit neun Jahren nicht von ihrer Seite weicht.
Tierschutz statt Zahnmedizin
Popp hat Medizin studiert und wollte eigentlich Zahnärztin werden, sie hat aber ihren Turnus nie absolviert. Stattdessen begann sie, in einem Blutlabor zu arbeiten und an der Idee ihres eigenen Gnadenhofs zu feilen. „Jedes Jahr an meinem Geburtstag, habe ich ein Pferd aus tierquälerischer Haltung freigekauft", erzählt sie und setzt nach: „Mein erstes Reitpferd Uranus hatte, bevor ich ihn gerettet habe, am ganzen Körper Stichwunden."
Verschuldeter Hof
Als sich Popp schließlich entschloss, den Gnadenhof zu eröffnen, bat sie ihre Eltern um ihren Segen: „Die beiden haben mich bis zu ihrem Tod vor einem Jahr finanziell unterstützt und so ziemlich alles finanziert." Bei Ausgaben von über 16.000 Euro im Monat keine kleine Bürde. Abseits der elterlichen Zuschüsse, steckt Popp nahezu ihr gesamtes monatliches Gehalt von ihrem Laborjob in das Projekt - hinzu kommen noch etwa 5.000 Euro Spendengelder. „Das geht sich nicht aus. Zurzeit hat der Gnadenhof etwa 40.000 Euro Schulden", so Popp. Dass das Projekt damit vor dem Aus stehe oder gar Tiere ihr Leben lassen müssten, wie eine österreichische Tageszeitung berichtete, sei aber „nicht wahr".
Prominente Paten
Um Spendengelder zu lukrieren, setzt Popp auf ein Patenschaftssystem. So liegt eine Liste aller Tiere am Riedenhof auf und Privatpersonen können gegen einen monatlichen Beitrag Paten werden. „Die Leute können ihre Tiere dann besuchen, füttern und auch pflegen." Mit Hilfe der ehemaligen Miss Vienna 1973, Brigitte Martzak vom Verein „Animal Protection", konnte Popp auch prominente Paten für einen Esel und eine Ziege ergattern: Alf Poier und Fiona Swarovski.
Zukunftspläne
Außerdem organisiert das Riedenhofteam, das neben Evelyn Popp aus zwei angestellten Arbeitern und fünf freiwilligen Helfern besteht, verschiedene Veranstaltungen und Feste, um die Einnahmen aufzubessern. Und trotz finanzieller Schwierigkeiten plant die Obfrau des Vereins schon weitere Neuerungen: „Bald organisieren wir eine eigene Tierrettung und ich versuche eine Therapiereitlehrerin an den Hof zu bekommen. Dann kann hier nicht nur den Tieren, sondern auch behinderten Menschen geholfen werden."
Tierquäler unterwegs
Doch nicht nur die Finanzen haben Popp wieder zur Raucherin gemacht, sondern auch ein Tierquäler, der seit mittlerweile einem Jahr herumgeistert. „Als der Typ vor einem Jahr aufgetaucht ist, hat er eine Stute bei lebendigem Leib skalpiert", ist die 45-Jährige noch immer geschockt. „Und vor vier Wochen hat er ein Pferd im Genitalbereich verletzt und kurz darauf wurden zwei Ziegen umgebracht." Zwar habe die Polizei den Hof eine Zeit lang überwachen lassen, doch sei der Unbekannte nie gefasst worden.
Die Obfrau hat ihre eigene Theorie: „Ich glaube, dass es jemand sein muss, der sich mit Tieren auskennt, da er sie vor den Verletzungen betäubt." Daher seien die Pferde auch bei jeder Attacke vollkommen ruhig geblieben. Außerdem hätte sie mittlerweile ein Muster entdeckt: „Er kommt immer in Vollmondnächten, wenn es stürmt, weil ihn da niemand hört - und er geht dann immer auf dunkle Tiere los." Popp hat aber nicht nur Angst um ihre Schützlinge: „Meistens bleibt es bei diesen Leuten ja nicht beim Tiere quälen, sondern irgendwann sind dann auch Menschen dran."
Kleine Neuzugänge
Beim Rundgang über den Hof öffnet Popp als Erstes eine heruntergekommene Zimmertüre und zeigt ihre beiden Neuzugänge: „Die beiden kleinen Kätzchen sind vor einer Woche in einem Mistkübel bei Schwechat gefunden worden." Am Außengelände ist die Tierfreundin in den legeren Jeans mitten in ihrem Element. Sie weiß den Namen jedes ihrer zig Tiere und kennt auch die jeweilige Leidensgeschichte genau: „Die Hennen, die hier frei herumrennen, sind alle aus Legebatteriehaltung." Und ein paar Schritte weiter: „Der Hund hinter dem Zaun wurde von seinem Vorbesitzer mehrmals gegen die Wand geworfen, deshalb verhält er sich gegenüber Menschen aggressiv."
Vorbei an der Pferdekoppel, den Hängebauchschweinen und den Eseln bleibt sie schließlich vor einem Stall stehen und ruft: „Prinz, komm her!" Gemeint ist ein altes, weißes Fiakerpferd, das völlig erblindet ist und dem durch eine Krankheit beide Augen geplatzt sind. „Trotzdem findet er sich besser in seiner Umgebung zurecht, als die meisten anderen Tiere", so Popp.
Pedro, das Lama
Über einen schmalen Wiesenweg geht es an den Ponys vorbei, über einen kleinen Bach, hin zu einem Gatter. Dahinter leben vierzig Schafe und Ziegen und ein ganz besonderer Neuzugang: Pedro, das Lama. Er ist erst seit ein paar Wochen hier und war früher in einem Zirkus. Dort war er so gestresst, dass er begann auf Menschen zu spucken - daher wurde er abgegeben.
Auf dem Riedenhof befinden sich außerdem zahlreiche Gänse, Enten, Hasen, Meerschweinchen und auch zwei Kängurus. „Die waren in Transportboxen in einem Lastwagen auf dem Weg nach Tschechien, als sie gefunden wurden. Keine Ahnung, was die Leute mit denen machen wollten", erzählt die Tierschützerin.
Noch ein Exot
Und bald wird der Gnadenhof noch einen weiteren exotischen Bewohner bekommen: „Eine Boa constrictor. Das ist dann meine erste Schlange, aber wir müssen erst das Terrarium fertig bauen", sagt Popp und fügt hinzu: „Für meine Tiere muss eben alles schön sein." Sie selbst wohnt aus finanziellen Gründen am Hof, ihre Wohnung besteht aus einem Bett und einem Kasten. „Für den Umbau hatte ich bisher noch keine Zeit." (bbl, derStandard.at, 2.9.2010)