Wissenschaftsministerin: "Kein Fixbetrag pro Semester, sondern pro Studium" soll Berufstätigen das Studieren erleichtern
Der Streit um die Studiengebühren geht wohl in die nächste Runde. Wissenschaftsministerin Karl ließ auf Ö1 mit einem neuen Ansatz aufhorchen, der eine Bezahlung nach belegten Kursen und ECTS-Punkten vorsieht. Gegenüber derStandard.at erläutert sie ihr Bestreben noch einmal ausführlich. Im Interview spricht sie außerdem über Massenfächer als "Fass ohne Boden", fehlende Unterstützung der Bundesregierung und eine Gemeinsamkeit mit Minister Mitterlehner.
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derStandard.at: Sie haben die Studiengebührendebatte wieder aufflammen lassen. Wieso gerade jetzt?
Karl: Weil die Unis mehr Geld brauchen. Ich werde in den Budgetverhandlungen im Herbst um jeden Cent für die Unis kämpfen, sage aber ebenso deutlich: Auch jene, die die Leistungen an den Unis in Anspruch nehmen, müssen einen Beitrag leisten. Ich möchte, dass Studierende künftig pro Lehrveranstaltung beziehungsweise Prüfung zahlen. Das heißt: Kein Fixbetrag pro Semester, sondern pro Studium. Und die Studierenden zahlen wirklich nur für die Leistung, die sie in Anspruch nehmen. Ein Modell, das mehr Fairness für die Studierenden und bessere Planbarkeit für die Unis bringt.
derStandard.at: Wollen Sie mit diesem System, bei dem pro Lehrveranstaltung bezahlt wird, fleißige Studierende, die zusätzliche Fächer und Interessensgebiete haben, die nicht im Studienplan vorgesehen sind, bestrafen?
Karl: Nein, es geht hier keineswegs um Bestrafung sondern darum, dass Studierende für jene Leistung zahlen, die sie auch tatsächlich in Anspruch nehmen.
derStandard.at: Widerspricht dieser Ansatz nicht dem Bestreben die Studiendauer zu verkürzen?
Karl: Die Frage ist: Wie können wir die Studiendauer verkürzen? Indem wir optimale Rahmenbedingungen für die Studierenden schaffen und ihnen ein rasches Studium ermöglichen. Mein Modell sieht vor, dass Anmeldung und Bezahlung für Lehrveranstaltungen vor Semesterbeginn erfolgen und so auch die Unis besser planen können. Das heißt: Wenn die Unis sehen, dass es einen Run auf gewisse Lehrveranstaltungen gibt und andere weniger belegt werden, können sie umschichten und damit zusätzliche Kapazitäten in stark nachgefragten Lehrveranstaltungen schaffen. Das verkürzt die Wartezeit der Studierenden auf Lehrveranstaltungen. Zudem ist mein Modell fair gegenüber berufstätigen Studierenden, die berufsbedingt weniger Lehrveranstaltungen pro Semester absolvieren können.
derStandard.at: Macht Ihnen Ihr Job zur Zeit eigentlich noch Spaß? Was ist so positiv daran, den jungen Leuten erklären zu müssen, dass in ihre Bildung weniger Geld investiert wird als die der vorhergehenden Generationen?
Karl: Natürlich machen mir Einsparungen im Bereich Bildung, Wissenschaft und Forschung absolut keinen Spaß. Dafür sind die Themen einfach zu wichtig. Ich würde mir wünschen, dass wir so wie in Deutschland durch Kanzlerin Merkel auch in Österreich durch Kanzler Faymann ein klares Bekenntnis zu diesen Bereichen hätten. Merkel hat gesagt: Bildung, Wissenschaft und Forschung sind ein zentraler Schwerpunkt. Das vermisse ich bei uns.
derStandard.at: An der Uni Wien wäre für Publizistik ein Aufnahmetest angesetzt gewesen, jetzt haben sich aber nicht genug Interessenten beworben. Das zeigt, dass diese Tests abschrecken. Angenommen es gäbe flächendeckende Zugangsbeschränkungen mit Aufnahmetests: Würde dann nicht die Akademikerquote sinken, weil der Zugang schwieriger wird?
Karl: Aufnahmeverfahren sehe ich nicht per se als abschreckend. Dass es an der Publizistik weniger Bewerber gibt, zeigt, dass die Aufnahmeverfahren bewirken, dass sich die angehenden Studierenden bewusster mit der Studienwahl beschäftigen. Und genau das ist ein weiterer zentraler Punkt: Wir müssen die Studienwahlberatung ausbauen und verbessern. Dazu habe ich mit Ministerin Schmied und der ÖH ein Paket geschnürt.
derStandard.at: Wär es nicht ganz einfach auch klug mehr Plätze zu finanzieren, damit generell mehr Abschlüsse möglich sind?
Karl: Das wäre in den Massenfächern ein Fass ohne Boden. Es löst auch nicht das Problem der mangelnden Planbarkeit an den Universitäten.
derStandard.at: Heißt das, dass sie die Beschränkungen nur in Massenfächern haben wollen oder doch flächendeckend?
Karl: In den Massenfächern brauchen wir sie ganz dringend. Natürlich müssen wir auch die Verdrängungseffekte beobachten und auch darauf reagieren.
derStandard.at: Und wie? Mit Zugangsbeschränkungen in Pharmazie?
Karl: Ja. Ich habe bereits mit dem Koalitionspartner vereinbart, dass wir eine neue Studieneingangsphase schaffen, in der es auch Aufnahmeverfahren gibt und in denen die Studierenden feststellen, ob sie für das Studium geeignet sind oder nicht. Jetzt finden in den Massenfächern eine Reihe von intransparenten Knock-Out-Prüfungen statt, die den Studierenden nicht zumutbar sind. Ich möchte, dass es zu Beginn transparente und objektive Verfahren gibt.
derStandard.at: Sie haben bereits öfter vorgeschlagen, dass die Unis sich mehr aus privaten Mitteln finanzieren sollen. Derzeit ist das aber eher schwierig, weil private Unternehmen erstens ungern in Universitäten investieren, die keine gute Qualität bieten und zweitens in wirtschaftlich schwierigen Zeiten selbst kein Geld haben. Wie stellen Sie sich diese Finanzierung vor?
Karl: Die Kooperationen mit der Wirtschaft funktionieren nach wie vor sehr gut. Es gibt hier trotz Wirtschaftskrise nur wenig Ausfälle.
derStandard.at: Aber Sie wollen ja einen Ausbau.
Karl: Es gibt meiner Meinung nach schon noch Ausbaumöglichkeiten. Was zum Beispiel in Österreich noch wenig Stellenwert hat, ist das Sponsoring. An den amerikanischen Universitäten ist es selbstverständlich, dass die Absolventinnen und Absolventen ein starkes Sponsoring ihrer ehemaligen Hochschulen betreiben. Das hat in Österreich wenig Tradition, bei uns wird eher im Bereich Kunst&Kultur oder Sport gesponsert.
derStandard.at: Sie sagen oft, dass sie sich mehr Geld für die Unis wünschen würden. Wünschen kann man sich viel, wann wollen sie auf den Tisch hauen und das Geld einfordern, wie es der Obmann der ÖVP-nahen Studentenvertretung AG gefordert hat?
Karl: Die Budgetverhandlungen finden im Herbst statt und gegenüber Finanzminister Pröll habe ich bereits erfolgreich lobbiiert: er hat mir zusätzliche 100 Millionen Euro pro Jahr in Aussicht gestellt, wenn die Ökologisierung des Steuersystems kommt.
derStandard.at: Es ist ja schon klar, dass die SPÖ hier nicht zustimmen wird. In Wirklichkeit versucht die ÖVP hier den schwarzen Peter weiterzuschieben.
Karl: Nein, das stimmt so nicht. Die Diskussionen, wie es mit der Ökologisierung des Steuersystems aussehen wird, sind noch nicht abgeschlossen. Es wird im Herbst noch heiße Verhandlungen geben, es ist noch alles möglich.
derStandard.at: Wie viel Prozent seines BIPs gibt Österreich derzeit für Bildung aus?
Karl: Wir geben für den tertiären Sektor derzeit 1,3 Prozent des BIP aus. Wobei davon 1,2 von der öffentlichen Hand und nur 0,1 aus privaten Mitteln kommen.
derStandard.at: Wann werden wir wie geplant die zwei Prozent des BIP für Bildungsausgaben ausgeben?
Karl: Allein durch die öffentliche Hand ist das nicht möglich. Wir müssen den Anteil durch private Finanzierung ebenso steigern. Es gab kürzlich eine Studie - im Auftrag der Europäischen Kommission - wo die Hochschulfinanzierung in 33 europäischen Staaten verglichen wurde. Das Ergebnis war, dass im Schnitt die Hochschulen zu 67 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert werden. In Österreich liegt der Anteil bei 78 Prozent, wobei diese Zahl aus einer Zeit stammt, wo es noch die Studienbeiträge gab, die ja unter die private Finanzierung fallen. Eigentlich käme man auf eine Höhe von über 80 Prozent.
derStandard.at: Das heißt, wenn sich die zwei Prozent bis 2015 nicht ausgehen, sagen Sie: Die privaten Mittel sind schuld.
Karl: Ich sage nicht, dass die privaten Mittel daran schuld sind, aber man muss das sicher stärker forcieren.
derStandard.at: Wann werden Sie das ÖVP-Bildungspapier präsentieren? Wird Ihr Vorschlag einer gemeinsamen Schule für bis 14-jährige drinnen stehen?
Karl: Die Diskussionen zur Erstellung des Papiers laufen, in vielen Punkten gibt es bereits Einigkeit. Einiges muss noch weiterdiskutiert werden, die Präsentation erfolgt im Herbst. Es herrscht zum Beispiel in dem Punkt Einigkeit, dass die Bildungsentscheidung mit 14 Jahren fallen soll.
derStandard.at: Gibt es da wirklich einen Konsens? Der ÖAAB will ja zum Beispiel die Hauptschule zu einer Aufstiegsschule umfunktionieren, aber trotzdem keine neue Mittelschule.
Karl: Auch im ÖAAB-Bildungspapier steht, dass die Bildungsentscheidung mit 14 fallen soll.
derStandard.at: Aber eines der Kernthemen in diesem Papier ist doch: wir wollen keine Neue Mittelschule oder Gesamtschule sondern die Hauptschule zu einer Aufstiegsschule umfunktionieren.
Karl: Wie man die Dinge benennt halte ich jetzt einmal für sekundär. Es geht primär um die Inhalte und nicht darum: wie nennen wir das nun.
derStandard.at: Als sie ihr Ministeramt angetreten haben, wurden sie vielfach mit Claudia Schiffer verglichen. Das würde einem Mann wohl nicht passieren. Werden Sie anders behandelt als ihre männlichen Ministerkollegen?
Karl: (Lacht) Nein, Minister Mitterlehner ist auch mit Robert Redford verglichen worden. Insofern ist eine Gleichberechtigung da.
derStandard.at: Studierende und Politiker aus anderen Parteien haben bereits angekündigt, dass es einen "heißen Herbst" und möglicherweise auch neue Proteste geben wird. Rechnen Sie damit?
Karl: Das lässt sich schwer vorhersagen. Ich wünsche mir jedenfalls, dass die Studierenden nicht durch Proteste vom Studieren abgehalten werden. Wenn ein heißer Herbst kommt, bin ich dafür gerüstet.
derStandard.at: Wie? Haben Sie in Ihrem Schreibtisch einen Plan verstaut, der Sie darüber informiert, wie sie im gegeben Fall darauf zu reagieren haben?
Karl: Nein, es gibt keinen Abwehrplan (lacht). Wir werden die inhaltlichen Arbeiten weiterführen. Der Herbst wird für mich vor allem ein arbeitsamer Herbst werden, ob er auch heiß wird, werden wir sehen.
derStandard.at: Würden Sie gegebenenfalls ins Audimax gehen, falls es besetzt wird?
Karl: Ich bin es gewohnt mit Studierenden zu diskutieren. Ich bin auch gleich zu Beginn meines Amtsantritts in das Semper-Depot gegangen und habe dort mit ihnen eine hitzige Diskussion geführt. Ich scheue das Gespräch sicher nicht.
derStandard.at: Sind Sie zu Ihrer Studienzeit aufgrund der Studienbedingungen demonstrieren gegangen?
Karl: Nein. Aber ich habe nichts gegen Demonstrationen von Studierenden. Wenn sie protestieren, geht das in Ordnung. Was meines Erachtens zu weit geht, ist, wenn es zu Besetzungen kommt und andere Studierende am Studieren gehindert werden und dadurch Nachteile haben. (Lisa Aigner, Teresa Eder/derStandard.at, 6.9.2010)
BEATRIX KARL, habilitierte Juristin, ist seit Jänner 2010 Wissenschaftsministerin. Zuvor war sie Nationalratsabgeordnete der ÖVP und ÖAAB-Generalsekretärin. Gleich zu Beginn ihres Amtsantrittes stieß sie mit dem Ansatz Zugangsbeschränkungen einzuführen auf Unmut in vielen Studentenkreisen. Karl ist außerdem eine Verfechterin der Studienbeiträge, deren Wiedereinführung sie jedoch bisher aufgrund fehlender politischer Mehrheiten ausschloss.