Nobelpreisträger Stiglitz prognostiziert niedriges Wirtschaftswachstum und hohe Arbeitslosenraten und fordert bessere Konjunkturprogramme
Wien - Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz warnt vor einer Entwicklung "japanischen Stils" in Europa und den USA. Der Nobelpreisträger und Professor der Columbia University rechnet mit konstant niedrigen Wachstumsraten. Europa und die USA müssten mit hohen Arbeitslosenzahlen rechnen. Abhilfe verspricht sich Stiglitz von umfangreicheren und gezielteren Konjunkturprogrammen, wie er in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN sagte.
Zu geringe öffentliche Investitionen führten in eine Sackgasse. Eine wirtschaftliche Entwicklung japanischen Stils könnte in Europa und den USA die Folge sein. Die daraus resultierenden niedrigen Wachstumsraten würden nicht ausreichen, um die Arbeitslosenzahlen zu verringern. Besonders Volkswirtschaften, deren erwerbstätige Bevölkerung langsam oder kaum wachse, seien davon betroffen, so Stiglitz. Für die USA prognostiziert er eine geringfügig höhere Wachstumsrate als in Japan. Die Zahl der Erwerbstätigen steige in den USA um rund ein Prozent jährlich, während jene in Japan sich auf praktisch stagnierendem Niveau befinde.
Kritik am Sparkurs
Laut Stiglitz hat diese Prognose aber in Europa und den USA zum Teil unterschiedliche Gründe. Der Columbia-Professor kritisiert den Sparkurs europäischer Regierungen. Der Ansatz, ökonomische Krisen durch radikales Sparen zu überwinden, würde in der Praxis selten funktionieren. Dies hätten die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und die Asienkrise 1997/1998 gezeigt. Daher fordert Stiglitz umfangreichere und gezieltere Konjunkturprogramme. Öffentliche Investitionen in Technologie, Infrastruktur und Bildung würden in vielen europäischen Staaten positive Effekte auf Wirtschaftswachstum und Staatsverschuldung haben.
In den USA hingegen hätte die Regierung von Präsident Barack Obama besser reagiert. Allerdings ortet Stiglitz auch hier zu niedrige öffentliche Investitionen. Er rät der Politik weniger Augenmerk auf die Ausgaben und mehr auf die Investitionsfelder zu legen. Bei dem gegenwärtigen Zinsniveau würden die Einnahmen die Ausgaben bei weitem übersteigen. Darüber hinaus belasten die Langzeitkosten der Kriege in Irak und Afghanistan die amerikanischen Staatsfinanzen. Allein seine Kostenprognose von 3 Billionen Dollar (2,34 Billionen Euro) für den Irak-Krieg bezeichnet Stiglitz als konservativ.
Während der Weltwirtschaftskrise ist die globale Nachfrage stark gesunken. Laut Stiglitz leidet die Weltwirtschaft vor allem am Bröckeln des Konsum-fixierten Wirtschaftsmodells der USA. Der private Verbrauch macht in den USA rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung aus. In der Krise könnten die Amerikaner aber weniger ausgeben und sparten mehr. Unlängst schürten die gestiegenen Konsumausgaben in den USA aber die Hoffnung, dass die amerikanischen Verbraucher zum Wachstum der größten Volkswirtschaft der Welt beitragen und so auch europäische Exporte ankurbeln.
Die US-Bürger haben im Juli um 0,4 Prozent mehr ausgegeben als im Vormonat und somit die privaten Ausgaben so stark gesteigert wie seit vier Monaten nicht. Dennoch bleibt der private Konsum aufgrund der skeptischen Stimmung der Verbraucher und der weiter angespannten Lage am Arbeitsmarkt auf niedrigem Niveau. Die US-Privatwirtschaft hat im August überraschend wieder Stellen abgebaut. Einer am Mittwoch veröffentlichten Erhebung der privaten Arbeitsagentur ADP zufolge verringerte sich die Zahl der Jobs in der Privatwirtschaft um 10.000. Im ersten Halbjahr 2010 stieg die amerikanische Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent. (APA)