OGM-Chef Bachmayer: SPÖ profitiert von internen Querelen der Grünen - Voggenhuber zeigt Verständnis für Schennachs Parteiwechsel
Nach den Streitereien auf Bezirksebene ist der Parteiwechsel von Grünen-Bundesrat Stefan Schennach der nächste Dämpfer für die Wiener Grünen vor der Wiener Landtagswahl im Oktober. Die derzeitige Situation wird im Wahlkampf vor allem der SPÖ nützen.
Wolfgang Bachmayer vom OGM-Institut sagt im Ö1-Morgenjournal zu
den internen Querelen der vergangenen Wochen und dem Parteiwechsel
Schennachs: "Die Grünen vermitteln wieder das etwas chaotische Bild der
basisdemokratischen zerstrittenen Partei aus früheren Tagen."
Wahlforscher Fritz Plasser drückt es noch drastischer aus. Er spricht
von einem "katastrophalen Erscheingunsbild" und "Auflösungserscheinungen
bei den Wiener Grünen", deren Ursachen bei den Führungsproblemen der
Parteispitze zu suchen sei. Der Schaden sei immens und nach Meinung Plassers in den fünf Wochen vor der Wahl nicht mehr zu reparieren.
Voggenhuber: Partei war an Schennachs Arbeit "kaum interessiert"
Der ehemalige Grüne EU-Abgeordnete Johannes
Voggenhuber hat Verständnis für den Wechsel des Grünen Bundesrats
Stefan Schennach zur Wiener SPÖ. Schennach sei eine "Schlüsselfigur
der Grünen" gewesen, seine Arbeit, vor allem in der Außenpolitik, sei
aber von der Partei "nie wahrgenommen" worden, erklärte Voggenhuber
am Donnerstag. Schennach "wollte um alles in der
Welt Bundesrat bleiben", dass ihm das so viel wert sei, seine
Gesinnung zu wechseln, sei "bedauerlich", meinte hingegen der Grüne
Abgeordnete Peter Pilz.
Schennach sei der Schritt "sicher nicht leichtgefallen", ist
Voggenhuber überzeugt. Er bezeichnete seinen ehemaligen
Parteikollegen als "hochintegre politische Figur" und "Grünen der
ersten Stunde" mit "großem Erfolg" in seinem Engagement in der
Außenpolitik. Die Partei habe Schennachs Arbeit aber "kaum
interessiert", kritisierte Voggenhuber. Schennach sei eine
Persönlichkeit, die etwas erreichen wolle - dass er mehr
Möglichkeiten sehe, seine Anliegen in einer anderen Partei
umzusetzen, sei nach 20 Jahren "bitter".
Gefragt, ob der Wechsel des Bundesrats zur SPÖ den Grünen
schade,
meinte Voggenhuber: "Ja, natürlich, das wird ja als Serie
wahrgenommen." Zu dieser Serie zählt Voggenhuber auch das Verhindern
seiner eigenen Kandidatur bei der EU-Wahl 2009 durch die Partei und
die Spaltungen auf Wiener Bezirksebene, wie er auf Nachfrage
bestätigte. Weitere Diagnosen wolle er nicht ausstellen, er bedauere
jedenfalls Schennachs Wechsel und wünsche ihm alles Gute für seine
Anliegen, so Voggenhuber.
Kogler: "Kleine Hirschmänner"
Werner Kogler, Grüner Spitzenkandidat bei der
steirischen Landtagswahl und Vize-Chef der Bundespartei, will die
Querelen innerhalb der Wiener Grünen wie den Wechsel des Bundesrates
Stefan Schennach zur Wiener SPÖ nicht überbewertet wissen: "Da sind
ganz kleine Hirschmänner (der steirische VP-Dissident Gerhard
Hirschmann kandidierte mit eigener Liste bei der von Waltraud Klasnic
verlorenen Landtagwahl 2005, Anm.) unterwegs, die halt nicht mehr
gewählt worden sind". Einen Einfluss auf die steirische Wahl hätten
diese Vorgänge nicht, meinte er am Donnerstag.
Die Volksanwältin und langjährige Grün-Politikerin Terezija Stoisits
findet Schennachs Vorgangsweise indes "mehr als befremdlich" und "höchst
illoyal" gegenüber seinen Parteifreunden. Sie sei "enttäuscht", sagte
Stoisits. Dass Schennachs Schritt den Grünen nicht nutzen werde,
sei klar. Es handle sich aber um die Entscheidung eines Einzelnen, die
politischen Inhalte der Grünen änderten sich nicht.
(APA/red/derStandard.at, 2.9.2010)