Neonatologie

Frühchen sind an wenig Sauerstoff gewöhnt

2. September 2010, 08:54
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    foto: apa/fredrik von erichsen

    Totgeglaubtes Baby lebt nach Körperkontakt wieder.

Parameter zur Beschreibung reifer Neugeborener bei Frühgeborenen unbrauchbar - Körperkontakt nach der Geburt hat wichtige Funktion

Sydney/Berlin - Ein australisches Baby sorgt derzeit bei Medizinern für großes Rätselraten. In einem Spital in Sydney kamen Zwillinge in der 27. Schwangerschaftswoche zur Welt. Eines davon wurde von den Ärzten nach 20 Minuten Reanimationsversuchen für tot erklärt. Um Abschied nehmen zu können, erhielt die Mutter den kleinen Buben auf die Brust gelegt. Nach zwei Stunden begann er plötzlich Luft zu schnappen, griff nach der Mutter und öffnete die Augen. Das Kind ist mittlerweile fünf Monate alt und erfreut sich guter Gesundheit. Die Medien wurden jedoch erst jetzt auf den Fall aufmerksam.

Raumluft statt Sauerstoff

"Derart früh geborene Kinder reagieren ganz anders auf scheinbaren Sauerstoffmangel", erklärt Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie der Charité Universitätsmedizin Berlin. Während reif Geborene nach zehn Minuten ohne Herzschlag und Atmung höchstens mit schweren Hirnschäden überlebt, sind extreme Frühchen an niedrige Sauerstoffversorgung gewöhnt. "Im Mutterleib entspricht die Sauerstoffversorgung etwa jener auf dem Mt. Everest. Zudem hat das Gehirn zu diesem Zeitpunkt nur geringe Ansprüche", so Bührer.

Aus diesem Grund erfolgt die Reanimation von Frühgeborenen nicht mehr mit Sauerstoff, sondern mit Raumluft. Für die ärztliche Fehlbeobachtung dürfte laut dem Berliner Experten eine Rolle gespielt haben, dass Parameter zur Beschreibung reifer Neugeborenen - etwa der so genannte Apgar-Wert oder der pH-Wert der Nabelschnurarterie - bei derart Frühgeborenen unbrauchbar sind. "Ich vermute, dass das totgeglaubte Kind auch während der ersten 20 Minuten durchaus einen eigenen Herzschlag hatte, der aber nicht wahrgenommen wurde."

Körperkontakt wirkt wie Brutkasten

Dass der Körperkontakt mit der Mutter nach der Geburt eine zentrale Funktion hat, betont auch der Neonatologe. "Wichtig ist dabei vor allem die Wärme. Der Mensch ist bei seiner Geburt der fetteste aller Landsäuger, damit er sowohl in Afrika als auch in Sibirien und zu jeder Jahreszeit überleben kann. Der Fettpanzer entsteht aber erst in den fünf letzten Schwangerschaftswochen, weshalb Frühgeborene schnell auskühlen." Inkubatoren leisten hier Abhilfe, doch die Mutterwärme kann dasselbe.

Ärzte im kalten kolumbianischen Hochland setzten erstmals in den 80er Jahren Frühchen auf die Mutterbrust, deckten sie zu und brachten die Kinder damit durch. Pioniere in Europa wie die damals in Wien tätige Kinderärztin Marina Markovic übernahmen die sogenannte "Känguru-Methode" - und wurden damals stark angefeindet. "Heute wird diese Strategie fast überall angewandt, besonders bei Frühgeburten, bei einem kranken Kind und auch bei Kaiserschnitten mit Rückenmarks-Anästhesie", berichtet Bührer.

Vorteile bringt der Körperkontakt vor allem der Mutter. "Schuldgefühle und Hilfebedürfnis sind nach Frühgeburten häufig. Enger Kontakt baut sie ab." Weiters verbessert die Känguru-Methode die Milchbildung der Mutter und beruhigt auch die Babys, was sich in einer deutlich kürzeren Schreidauer nachweisen lässt. (pte)

fertigprodukt
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das ist schon irre, dass schulmediziner im 21. jh. noch nicht eindeutig den tod feststellen können.

rotkleeblatt
01

Dass man heutzutage noch immer darüber staunt offenbar, dass Körperkontakt Säuglingen gut tut, darüber kann wiederum ich nur staunen. Das ist wirklich so eine "No, na"-Sache. Jedes Viechal wird gehalten, gedrücktn und gestreichelt, wenns klein und hilflos ist, nur beim Menschen wird das von den Artgenossen noch immer von vielen nicht kapiert.

Kathi1609
 
30
Man lese die Bücher von Marina Markovic.

Die kann sehr viele Märchen über Frühgeborene aufklären.

Und was gibt es schon Perverseres als die klinische Geburtsmedizin, die das Kind im Augenblick seiner Geburt abnabelt, einwickelt und von der Mutter wegbringt.
Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis sich diese Unart langsam wieder abbaut, passiert aber immer noch.
Auch wenn das Kind "zu früh" kommt, oder grad wenn sie ein paar Adaptionsprobleme haben. Oder auch wenn die Mutter z.B. Probleme mit der Plazentageburt hat. Kind zur Mutter, vielleicht noch erstes Anlegen an die Brust, und in vielen Fällen stabilisiert sich beider Zustand.

Charles Duchemin
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"Ärzte im kalten kolumbianischen Hochland setzten

erstmals in den 80er Jahren Frühchen auf die Mutterbrust, deckten sie zu und brachten die Kinder damit durch. "

"Vorteile bringt der Körperkontakt vor allem der Mutter."

Interessanter Unterschied zur Ö1 - Serie letzte Woche.
Dort wurde gesagt, dass die Überlebensrate der "Kängurumethoden-Kinder" in kolumbien höher war als jene in Inkubatoren.
Dass also der Mutterkontakt für das Früh- oder Neugeborene erheblichen "Nutzen" bringt.

Entweder Ö1 hat übertrieben, oder ein Schulmediziner im alten Sinn hat hier nochmal drübergelesen.

Charles Duchemin
00
Es gibt rot wegen rezitierens einer Radioreportage?

Cerberus303
01
Das Leben findet immer einen Weg :-)

M.Koller
01
pietätlos?

Entschuldigung, aber als Betroffener muß das sein:
Nicht 'immer' und oft keinen einfachen (Weg).

Unsere Kinder (Zwillinge)sind ebenfalls frühgeboren, mit einigen lebenslangen Behinderungen. So locker gehen einem die Sätze nur über die Lippen, wenn man diese Situation nicht kennt! Andere Kinder sind damals auf der Intensivstation gestorben.
Und das Skurrilste: Nicht selten habe ich damals bei Schilderung der lebensbedrohlichen Zustände die reflexartige Antwort erhalten 'Hauptsache gesund' !!

Der Reflex, daß so schreckliche Dinge gut ausgehen 'müssen' ist oft stärker als die Vernunft. Nix für ungut

audrey187
02
ich finde den satz: hauptsache gsund

auch immer sehr belastend. was sagt man drauf, wenn das kind einfach nicht gsund ist?
ich muss so oft dann sprachlos einfach da stehen und sag naja.

SoIstDas
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Ich sage "ich mag meine Tochter trotzdem."

Wobei die Leute das nicht böse meinen - ist halt so dahergeredet.

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