Auf der Dover Air Force Base betreibt die US-Regierung die größte Leichenhalle der Welt - Alle in Übersee gefallenen Soldaten landen zunächst hier
Es gibt keine Kapelle, keine Hymne. Ein Stromgenerator lärmt, im Hintergrund
heult ein Triebwerk. Langsam marschiert ein Trupp Soldaten, die Hände in weißen
Handschuhen, über die Rollbahn auf einen Jumbo-Jet zu. Dort steht ein weißer
Sarg bereit, eingehüllt in ein Sternenbanner.
Ein Kaplan spricht ein Gebet, die Soldaten senken die Köpfe. Dann tragen sie
den Sarg ans Ende einer Hebebühne, die ihn zu Boden befördert. Unten wartet ein
Wagen, wieder greifen behandschuhte Hände zu, schließlich rollt das
"Transfermobil" davon in die Leichenhalle. Routine auf der Dover Air Force Base.
Es ist ein ganz normaler Tag Ende August, kurz bevor Präsident Barack Obama
am Dienstag Abend in Washington das Ende der Kampfoperationen im Irak verkündet
(siehe "Zitiert" rechts). Dreimal am Tag landen Frachtmaschinen mit toten
Soldaten aus Afghanistan auf der Luftwaffenbasis am Atlantik, morgens,
nachmittags und abends. Die erste hat zwei Leichen an Bord. Als Ort des Todes
ist "Operation Enduring Freedom" in den begleitenden Dreizeilern des Pentagon
eingetragen.
Leichen-Kühlschränke
Genau genommen sind es keine Särge, in denen die Leichen liegen. Es sind
eisgekühlte Metallkisten, die man später zurückschickt nach Kabul oder Kandahar,
um sie erneut zu verwenden. In Dover warten die Pathologen. Vor der Obduktion
untersuchen sie die leblosen Körper auf eventuell noch nicht detonierten
Sprengstoff, in einem Raum, dessen extradicke Wände eine mittelschwere Explosion
aushalten können. Anhand von Fingerabdrücken, DNA-Proben oder Röntgenaufnahmen
des Gebisses wird die Identität bestätigt. Manchmal sind die Toten so entstellt,
dass sie erst zusammengeflickt werden müssen, bevor man sie zum Begräbnis im
Heimatort in einen Sarg legen kann. "Mitunter dauert es Wochen", sagt Rusty
Ridley, ein Unterleutnant.
Steve Ruark kennt das traurige Procedere, mehr als 120 Arbeitstage hat der
Fotograf der Agentur Associated Press (AP) schon in Dover verbracht. Er hat
gelernt, in den offiziellen Mitteilungen zwischen den Zeilen zu lesen. "Wenn sie
offen lassen, wie einer ums Leben kam, kann es auch Selbstmord gewesen sein." Im
April 2009, als Ruark anfing, die flaggengeschmückten Metallkisten zu
fotografieren, war es noch ein mühsam erstrittener Sieg über die
Geheimniskrämer. 18 Jahre hatten Presseagenturen und Fernsehsender dafür
gekämpft.
Bushs Bilderverbot
Es sollte endlich fallen, das Verbot, das der alte George Bush im Golfkrieg
angeordnet hatte. Bush wollte vermeiden, was 1989 nach der US-Invasion in Panama
auf parallel eingespielten Kamerabildern zu sehen war: hier die Ankunft der
Särge in Dover, dort der bei einer Pressekonferenz scherzende Präsident. Unter
Bill Clinton und George W. Bush blieb es bei dem Bann. Erst Barack Obama ließ
die Medien herein.
Heute ist es Alltag für Ruark, so makaber das klingt. Oft ist er der einzige
Reporter, der auf der Rollbahn wartet. Als Obama die Tore öffnen ließ, kamen
noch 35. "Inzwischen fehlt der Neuigkeitswert", sagt der Fotograf. AP schickt
ihn trotzdem von Baltimore herüber nach Dover, sobald der Stützpunkt einen
"dignified transfer" avisiert, eine "würdevolle Überführung". Von jeder
einzelnen soll es ein Foto geben, auch wenn nur die Heimatzeitung des Gefallenen
es druckt. Vorausgesetzt, die Hinterbliebenen sind einverstanden. Fast alle
stimmen zu.
Mal schweigen die versammelten Familien beim Anblick der weißen Kisten, mal
brechen sich Schmerz und Wut lautstark Bahn - die ganze Bandbreite an Emotionen
hat Ruark schon erlebt. Gesehen hat er die Angehörigen nie. Der Kleinbus mit den
dunklen Scheiben, der sie aufs Rollfeld fährt, kommt so zum Stehen, dass er die
rechts aussteigenden Trauernden von den links platzierten Reportern trennt wie
eine Wand. Das beklemmende Ritual hat sich eingespielt. Und allein das Tempo,
mit dem die Infrastruktur hier wächst, spiegelt die Last der Kriege in Übersee.
Die neue Leichenhalle ist die größte der Welt. Sie wurde im Jahr 2003
eingeweiht, dem Jahr des US-Einmarschs im Irak. Seit Mai ist ein kleines Hotel
in Bau, wo die Angehörigen für sich sein können, wenn sie hier übernachten
wollen. Das Geld dafür kommt von der Fisher House Foundation. Obama hatte der
Stiftung zuvor eine Viertelmillion Dollar aus der Prämie, die er für den
Friedensnobelpreis bekam, gespendet. (Frank Herrmann aus Dover/DER STANDARD, Printausgabe, 2.9.2010)