"Das Kinderspiel geht weiter"

1. September 2010, 17:35

Ökonomen, Unternehmer, Philosophen rütteln an der Marktgläubigkeit

Alpbach - "Nada, niente, nothing, nichts": So fasst der Philosoph Rudolf Burger zusammen, was die Gesellschaft bisher aus der großen Krise gelernt habe: "Dass die kapitalistische Marktwirtschaft krisenanfällig ist, weiß man spätestens seit der Tulpenkrise von 1637 in Holland." Um in puncto Erkenntnis ein bisschen weiterzukommen, zerbrachen sich Burger und andere Berufene beim Forum Alpbach den Kopf, wie die Gewichte im Zusammenspiel von Staat, Zivilgesellschaft und Markt verschoben werden sollten - wobei die Tendenz zulasten des Letzteren ging.

Eine "Zäsur des wirtschaftspolitischen Denkens" sieht Thomas Fricke, Chefökonom der Financial Times Deutschland: Das Leitmotiv der letzten 30 Jahre, das der Markt im Zweifel alles regle, habe ausgedient. Nicht nur die Annahme, dass Finanzmärkte effizient seien und Spekulation stabilisiere, sei - etwa beim Griechenland-Debakel - widerlegt worden. Auch dass beträchtliche Einkommensunterschiede ein notwendiger Anreiz seien, der letztlich übergroße Ungleichheit verhindere, habe sich als "völlig falsch" erwiesen, sagt Fricke und verweist auf empirisch belegte Folgen für die Gesellschaft - von sinkender Lebenserwartung über Gesundheitsprobleme bis zum Leistungsabfall in den Schulen.

"Geht's den Menschen gut, geht's auch der Wirtschaft gut", dreht der Klagenfurter Diözesanbischof Alois Schwarz einen gängigen Werbeslogan um und beschwört die "Zivilgesellschaft als Marktregulativ". Beispiel: Für die Rettung des arbeitsfreien Sonntags formiere sich eine europäische Bürgerinitiative, mit der Kirche als Alliierten - denn wenn ständig gefordert werde, alles müsse schneller gehen, brauche es umso mehr die Zeit des "Innehaltens".

"Lassen Sie sich nicht in einer unheiligen Allianz von ÖGB und Wirtschaftskammer vor den Karren spannen!", schleudert Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl dem Geistlichen entgegen. Überhaupt sei die gerühmte christliche Soziallehre "ein Gebäude mit offenen Sätzen", das nicht vom heiligen Geist, sondern vom jeweiligen Zeitgeist beseelt sei, wettert er und spricht der Kirche ökonomische Kompetenz ab, weil sie nie zugegeben habe, dass Wirtschaft auf Gewinn ausgerichtet sei. Jesus lobe denjenigen, "der fünf Talente hat und noch fünf weitere dazugewinnt", kontert Schwarz.

Auch Raidl hinterfragt aber die angebliche Allwissenheit des Marktes - etwa, wenn es um den von der ÖVP strapazierten Begriff der Leistungsgerechtigkeit geht. "Wo ist die Leistung, wenn ein Investor an der Börse 500 Millionen steuerfrei verdient?", fragt sich der Manager. Wer als Maßstab nur das Einkommen nehme, verwechsle die Leistungsgesellschaft mit einer Erfolgsgesellschaft, "in der alles erlaubt ist".

Die Notverstaatlichungen in der Krise befürwortet Raidl als alternativlos. Nun aber müssten die staatlichen Eigentümer in eine "halbwegs rationale Rolle" gezwungen werden - damit Politiker nicht aus Rücksicht auf Wählerstimmen betriebswirtschaftlich unsinnige Entscheidungen träfen.

Anderer Kritikpunkt Raidls: die zu geringe Regulierung der Finanzmärkte. Doch während es in der Realwirtschaft Gewerkschaften gäbe, ergänzt Burger, sei ein solches Korrektiv in der Finanzwelt nicht in Sicht. Damit der Staat Beschränkungen durchsetze, bräuchte es zivilgesellschaftliches Lobbying, meint der Philosoph, "aber das sehe ich nicht. Das Kinderspiel geht weiter."

Auch der deutsche Finanzexperte Martin Hellwig, Direktor am Max-Planck-Institut, ist der Auffassung, dass die Banken die Reformdiskussion gewinnen werden. Anstatt aufgrund der Milliardenverluste diskreditiert zu werden, dominierten die Vertreter der Finanzindustrie die Agenda. "Solange sich das nicht ändert, kann man nur sagen: Die nächste Krise kommt bestimmt", lautet Hellwigs Fazit. Dass höhere Eigenkapitalanforderungen die Kreditvergabe beeinträchtigen könnten, glaubt Hellwig eher nicht. (as, jo, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.9.2010)

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