Viele Fragen offen nach Morden an Roma

31. August 2010, 20:20
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Nach der Bluttat nahe Bratislava rätseln Ermittler über das Motiv - Ein rassistisch motivierter Hintergrund wird nicht ausgeschlossen

Das Blutbad in einem Vorort von Bratislava am Montag hatte möglicherweise einen rassistischen Hintergrund. Ein etwa 50 Jahre alter Mann hatte in der Früh im nordwestlich der Hauptstadt gelegenen Devínska Nová Ves sieben Menschen und sich selbst getötet. Die meisten seiner Opfer kamen aus derselben Familie. Diese gehörten der Volksgruppe der Roma an.

"Roma-feindlich"

"Wir haben noch kein klares Motiv", sagte der slowakische Innenminister Daniel Lipsic in einem ORF-Interview. Er könne einen ethnisch motivierten Hintergrund für die Tat aber nicht ausschließen. Ein Angehöriger der Opfer sagte der slowakischen Zeitung Sme daily, der Mann sei Roma-feindlich gewesen.

Einen Tag nach der Bluttat in der Siedlung hat auch ein verdächtiges Paket in der Nähe des Tatorts für Aufregung gesorgt. Die Gegend wurde nach Informationen der Nachrichtenagentur AP abgesperrt und das unter einem Auto liegende Paket von Polizeispürhunden untersucht. Zunächst wurden keine näheren Informationen bekanntgegeben.

Waffen legal besessen

Slowakische und tschechische Medien berichteten am Dienstag, dass der mutmaßliche Amokläufer von Montag ein ehemaliger Soldat gewesen sei, der für seine drei Tatwaffen - eine Maschinenpistole und zwei Gewehre - einen Waffenschein besessen habe.

Nach Angaben des Innenministers war der mutmaßliche Täter ein Nachbar der Familie gewesen. Anrainer beschrieben ihn als Einzelgänger. Mit der Roma-Familie habe er auf derselben Etage gelebt und ein angespanntes Verhältnis zu ihr gehabt. Nach Auskunft von Nachbarn war die Familie etwas laut. Die Kindergärtnerin des Bezirks beschrieb die Opfer als "arme, aber ehrbare Familie".

Acht Tote

Der Schütze war am Montag gegen 10 Uhr mit Gehörschutz und den drei Waffen in einen Wohnblock im Stadtteil gestürmt und hatte dort sechs Mitglieder der Roma-Familie getötet. Auf seiner Flucht auf einer belebten Straße schoss er wild um sich. Dabei tötete er eine weitere Frau und schließlich sich selbst. 15 weitere Personen wurden verletzt.

Bürger von Bratislava hielten am Montagabend eine Mahnwache für die Opfer des Blutbades und stellten am Tatort Kerzen auf. Erzbischof Stanislav Zvolenský leitet heute, Mittwoch, um 17 Uhr im Pressburger Martinsdom einen Trauergottesdienst.

Seit Jahren Kritik

Nach Schätzungen von Amnesty International leben in der Slowakei etwa 370.000 Roma. Die Menschenrechtsorganisation kritisiert seit Jahren die diskriminierende Behandlung der Volksgruppe in dem Land - allen voran die Praxis, Roma-Kinder in eigene Schulen zu stecken.

Die Nationalversammlung erklärte Anfang August, diese Trennung aufheben zu wollen, was AI als positives Signal der neuen Regierung unter Premierministerin Iveta Radicová wertet. Die roma- und ungarnfeindliche Slowakische Nationalpartei (SNS), die im Wahlkampf gegen die Volksgruppe Stimmung gemacht hatte und in der letzten Regierungskoalition vertreten gewesen war, schaffte es bei der Parlamentswahl im Juni nur noch knapp über die Fünf-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament.

Trennmauern

Doch Spannungen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der Roma-Minderheit sind in der Slowakei keine Seltenheit. So haben etwa erst vor wenigen Tagen Dorfbewohner in der Ostslowakei, wo etwa die Hälfte der Roma des Landes leben, aus eigenen Mitteln eine 500 Meter lange Mauer zur Abgrenzung von Roma-Niederlassungen errichtet. Die Bewohner eines Vororts der Stadt Michalovce waren damit laut Medienberichten nicht die Ersten: Mehrere Dörfer in der Ostslowakei besitzen demnach bereits ähnliche Trennmauern.

"Besorgniserregend"

Giancarlo Perego von der Migranten-Stiftung der Bischofskonferenz in Rom hat die Lage der Roma in der Slowakei im Zuge der Debatte um die Abschiebungen der Roma aus Frankreich (siehe unten) so ausgedrückt: Die Slowakei sei ein Land, in dem "die Stimmungsmache gegen die Roma bereits besorgniserregende Ausmaße erreicht hat". (spri, DER STANDARD Printausgabe, 1.9.3010)

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    Bürger zündeten Montagabend Kerzen an, um der Ermordung von sieben Menschen in Bratislava zu gedenken

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