"Es braucht Visionen, um etwas zu erreichen"

31. August 2010, 19:45
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Einen neuen Gesellschaftsvertrag fordert Jo Hochgerner, der vor zwanzig Jahren das Zentrum für soziale Innovation gegründet hat

Er wünscht sich Energie für alle statt von oben verordneter CO2-Reduktion. Peter Illetschko fragte nach.

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STANDARD: Was genau sind soziale Innovationen?

Hochgerner: In zwanzig Jahren Zentrum für Soziale Innovation haben wir immer gewusst, was es ist, und dafür gearbeitet, aber erst jetzt wird öffentlich darüber diskutiert, wie die Definition lauten könnte. Soziale Innovationen sind neue Konzepte, neue Ideen für ein gesellschaftliches Zusammenleben, die von der Gesellschaft angenommen werden müssen und im günstigsten Fall auch zu Erneuerung führen. Wir konzentrieren uns dabei auf Arbeitsmarktpolitik, auf neue Formen von Arbeit und Bildung, Migration und auf die Rolle von Wissenschaft, Forschung und Technik im sozialen Wandel.

STANDARD: Gibt es konkrete Beispiele für soziale Innovationen?

Hochgerner: Die Arbeitnehmervertretungen, Gewerkschaften und Betriebsräte, waren zur Zeit ihrer Erfindung und Durchsetzung soziale Innovationen. Sie entstanden als Intervention in die damaligen Gesellschaftsstrukturen und veränderten die Arbeitswelt nachhaltig. Auch die Einführung von Verkehrsregeln war eine soziale Innovation, die sogar Einfluss auf den technischen Fortschritt nahm. Alle, die am System Verkehr teilnahmen, mussten sich nach Ampeln, Vorrang oder Tempolimits richten, Automobile und eine umfassende technische Infrastruktur mussten entsprechend angepasst oder erst entwickelt werden.

STANDARD: Technische Innovationen sind irgendwann überholt, ist das bei sozialen Innovationen eigentlich genau so?

Hochgerner: Alle Innovationen haben ein Ablaufdatum. Die technische Innovation erreicht, wenn sie erfolgreich ist, irgendwann eine Marktsättigung. Dann ist sie Bestandteil des Alltags. Bei sozialen Innovationen kommt es nicht auf Marktdurchdringung nach ökonomischen Kriterien, sondern auf gesellschaftliche Akzeptanz an. Wenn es im sozialen Gefüge Erstarrungen gibt, dann braucht es entweder Reformen oder weiter gehende Ideen und methodische Ansätze, die zu neuen Innovationen führen können. Das betrifft etwa die Gewerkschaften und das Bildungssystem. Ich habe den Eindruck, dass hier auf alten Strukturen beharrt wird und der Mut zu gesellschaftlicher Veränderung verlorengegangen ist. Die Gesellschaft braucht aber in so vielen Bereichen Erneuerung, dass große Entwürfe für eine Art von neuem Gesellschaftsvertrag notwendig werden.

STANDARD: Wie könnte der ausschauen?

Hochgerner: Die Ziele könnten gleich bleiben, die politischen Strategien und Methoden, um sie zu erreichen, sollten sich ändern. Beispiel: Energiekrise, Klimawandel. Die verordneten CO2-Reduktionen wirken nicht. Klüger wäre es, global "Energie für alle" zu postulieren. Das würde zur Folge haben, dass die wenigen, die bisher viel verbrauchen, sparen müssten, während die vielen, die wenig verbrauchen, Anspruch auf mehr hätten. Das geht aber nur, wenn alle Zugang zu Technologien für alternative und effizientere Energieproduktion, aber auch für die Reduktion von Energieverbrauch und CO2-Ausstoß haben. Erdölprodukte müssten wesentlich höher besteuert und die Erträge in zielgerichtete technische und soziale Innovationen investiert werden. Ich wäre auch für Überflussmanagement, um den vorhandenen Reichtum besser zu verteilen.

STANDARD: Womit? Mit einer Art Reichensteuer?

Hochgerner: Nicht "eine" Reichensteuer, sondern ein Bündel an Maßnahmen: Besteuerung von Privatvermögen über bestimmten Freigrenzen wäre der kleinste Teil davon. Wichtiger sind Finanztransaktionssteuern, besonders auf Spekulationsgewinne, und ein Verbot von Spekulationen auf Nahrungsmittel. Reichtum aus der Realwirtschaft sollte gegenüber Umlaufvermögen im globalen Finanzkarussell begünstigt werden.

STANDARD: Was kann man damit letztlich erwirken?

Hochgerner: Umverteilung und Steigerung von Lebensqualität. Jean Ziegler kämpft seit Jahren um mehr Gerechtigkeit zwischen der Überflussgesellschaft und der Vielzahl der Hungernden. Die einen schmeißen das Brot weg, die anderen haben kein Brot. Gravierend verstärkt wird das durch Teile des spekulativen Handels an der Börse, was unterbunden werden muss. Ich weiß schon, dass das Visionen sind. Aber die braucht es, um etwas zu erreichen.

STANDARD: Bis heute hofft man, große Probleme der Gesellschaft allein mit Technik lösen zu können. Woran liegt das? Und inwieweit können Technologien wirklich Wandel unterstützen?

Hochgerner: Technik hat Wohlstandsinseln hervorgebracht, daher herrscht in Teilen der Gesellschaft eine naive Verehrung dafür. Es gibt noch immer Firmenchefs, die ihre Sorge, dass Wissen im Unternehmen verlorengeht, nur mit einer Wissensmanagement-Software lösen wollen. Man muss bei technischen Innovationen von Anfang an die soziale Komponente mitdenken - und sich über die möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft im Klaren werden.

STANDARD: Ist das Bewusstsein für diese Verknüpfung von Technik und Gesellschaft heute mehr ausgeprägt?

Hochgerner: Sicher. In jedem Fall mehr als vor zwanzig Jahren, als ich das ZSI gegründet habe. Wir wurden lange kaum gehört und mussten wesentlich mehr Widerstände überwinden, als wir Unterstützung bekamen.

STANDARD: Warum?

Hochgerner: Entscheidungsträger vertrauten damals noch mehr als heute auf technischen Fortschritt - und dann kommt jemand und hinterfragt technische Entwicklungen? Eigentlich unerhört, oder? Ich war aber vom richtigen Weg überzeugt und es gelang, noch ehe Österreich bei der EU war, Projektförderungen aus dem Forschungsrahmenprogramm zu bekommen. Das erste Projekt bot Weiterbildung für Softwareentwickler an, um sozioökonomische Aspekte ihrer Arbeit deutlich zu machen. Meine hybride Ausbildung war dafür eine gute Basis. Ich war ja nach einer HTL-Ausbildung Flugtechniker und studierte danach Soziologie. Das eröffnete mir Sichtweisen auf die Grundlagen und Wirkung von Technik in der Gesellschaft.  (DER STANDARD, Printausgabe, 01.09.2010)

=> Wissen: Forschung mit der Praxis


Wissen: Forschung mit der Praxis

Das 1990 gegründete Zentrum für Soziale Innovation (ZSI), das derzeit 63 Angestellte hat, finanziert sich zu 98 Prozent aus Projektförderungen - oft über die Europäische Union und in internationalen Konsortien. Knapp zwei Prozent des Budgets deckt die Basisförderung des Wissenschaftsministeriums ab. Zu Beginn des Jahres liefen 23 Projekte im 7. EU-Rahmenprogramm, über die 4,5 Millionen Euro akquiriert werden konnten.

Zwei Beispiele der meist transdisziplinär, also mit Partnern aus der Praxis aufgesetzten Projekte: Im Projekt NanoYou wird analysiert, was junge Menschen im Alter von elf bis 24 Jahren von Nanotechnologie wissen und was sie sich erwarten. Daraus wurden Experimente kreiert, die an Science-Parks und in Schulen angeboten werden.

Im Projekt ComeIn wurden Jugendliche am Rand der Gesellschaft motiviert, mit Handykameras eine Art Videoblog auf einer nur mit Passwort benutzbaren Website zu führen. Das erstaunliche Ergebnis: Jugendliche mit allgemein großen Kommunikationsproblemen nutzten die Plattform besonders erfolgreich. Das ZSI kümmert sich auch um den Nachwuchs und führt gemeinsam mit den Instituten Sora (Institute for Social Research and Consulting) und Forba (Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt) seit vier Jahren den postgradualen Lehrgang "Berufsqualifizierung für die internationale sozialwissenschaftliche Forschung" (SOQUA) durch. (pi)


Jo Hochgerner (61) war von 1980 bis 1995 in der Arbeiterkammer unter anderem für Forschung und Technologiepolitik zuständig. Gastprofessuren an der Universität für Bodenkultur (Boku), in England, Griechenland, Russland, Professor für Soziologie an der Uni Wien. 1990 gründete er das ZSI, einen gemeinnützigen Verein, dessen wissenschaftlicher Leiter er bis heute ist. Bei den Alpbacher Technologiegesprächen nahm er am Arbeitskreis "Innovations for social changes" teil.

Buchtipp
"Pendeln zwischen Wissenschaft und Praxis. ZSI-Beiträge zu sozialen Innovationen" (ab Herbst im Lit-Verlag).

Link
www.zsi.at

  • Nachdenken über soziale Innovationen? Jo Hochgerner, Gründervater und wissenschaflicher Leiter ...
    foto: corn

    Nachdenken über soziale Innovationen? Jo Hochgerner, Gründervater und wissenschaflicher Leiter ...

  • ... des Zentrums für Soziale Innovation, wüsste schon, was Ideen für die Gesellschaft leisten müssten ...
    foto: corn

    ... des Zentrums für Soziale Innovation, wüsste schon, was Ideen für die Gesellschaft leisten müssten ...

  • ...und glaubt fest daran, dass eine Umverteilung von Überfluss umsetzbar und eine Lösung wäre.
    foto: corn

    ...und glaubt fest daran, dass eine Umverteilung von Überfluss umsetzbar und eine Lösung wäre.

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