Sarrazin und der Zeitgeist

31. August 2010, 19:28
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Sarrazin argumentiert zweifellos rassistisch - Von Klaus Hödl

Warum man sich nicht darüber zu wundern braucht, dass ein von rassistischer Übertreibungskunst geprägtes Buch auf derartige öffentliche Resonanz stößt, statt dass es, wie viele andere Bücher ähnlich abstrusen Inhalts auch, einfach ignoriert wird.

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Es gibt kaum eine Zeitung in Deutschland, die sich in den letzten Tagen nicht mit dem neuen Buch des ehemaligen Berliner Finanzsenators und jetzigen Vorstandsmitgliedes der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin, ausführlich auseinandergesetzt hätte. Darin formuliert das SPD-Mitglied sein Unbehagen über die Immigration von Muslimen, die nicht zuletzt erblich bedingt weniger intelligent als (nichtmuslimische) Deutsche seien, mangels Bildungsbereitschaft nur schleppend in ihren Berufen vorankämen und aufgrund ihrer überdurchschnittlich hohen Natalitätsrate zunehmend dem deutschen Staat zur Last fielen sowie dafür sorgten, dass sich (nichtmuslimische) Deutsche in ihrem Staat als Fremde fühlten.

Stellt man diese gesellschaftliche Skizze in einen größeren historischen und zeitgenössischen Kontext, werden mehrere Dinge sichtbar:

1.) Sarrazins Vorstellungen über die gegenwärtigen sozialen Probleme und zukünftige Entwicklung Deutschlands kennzeichnen auffällige Ähnlichkeiten mit dem rassenhygienischen Diskurs um die Wende zum 20. Jahrhundert: Waren es damals primär deutsche Unterschichten, deren überdurchschnittlich hohe Geburtenraten als Bedrohung gesehen wurden, so sind es bei Sarrazin die eingewanderten Muslime. Interessant auch ein Blick auf die damalige, von Angst vor den rassenhygienschen Folgen einer ungeregelten Immigration geprägte eugenische Debatte in den USA: Juden wurden dieselben Verhaltensweisen vorgeworfen, die Sarrazin nun bei Muslimen kritisiert: Sie würden Inzucht betreiben, wiesen dadurch viele Erbkrankheiten auf, hätten eine hohe Geburtenrate und müssten teilweise von der Gesellschaft unterstützt werden.

2.) Sarrazin, und auch darin stimmt er mit den Rassenhygienikern überein, schreibt Juden eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz zu. Eine Instrumentalisierung von Juden als positives Gegenbeispiel zu sozialen Gruppen, die die Gesellschaft aufgrund der Auswirkungen ihrer vermeintlich geringen Intelligenz belasteten, wurde vor rund eineinhalb Jahrzehnten auch von den beiden amerikanischen Wissenschaftlern Richard J. Herrnstein und Charles Murray vorgenommen. Sie publizierten 1994 ein Buch mit dem Titel The Bell Curve, in dem sie behaupteten, dass Afroamerikaner weniger intelligent als weiße Amerikaner seien. Der vergleichsweise niedrigere IQ behindere ihren beruflichen sowie sozialen Aufstieg und sei für ihre überdurchschnittliche Kriminalitätsneigung wie auch ihr ausgeprägtes Sexualverhalten verantwortlich. Herrnstein und Murray wurden rasch einer selektiven Quellennutzung und schlampigen Methodik überführt, und die Publikation verstaubt nun in irgendwelchen Archiven.

Identitätsreduktion

Warum, lässt sich vor diesem Hintergrund fragen, wird dann Sarrazins Buch, wie viele andere abstruse Werke auch, nicht einfach ignoriert? - Womit wir wieder in der Gegenwart angelangt wären:

1.) Es gehört zu den eigentümlichen, wenn auch nachvollziehbaren Folgen der Wirtschaftskrise, dass sie in den meisten Gesellschaften einen Hang zum Konservativismus hervorgerufen hat. In einer Phase der Unsicherheit neigen Menschen dazu, mit scheinbar Bewährtem an neue Herausforderungen heranzugehen sowie bislang geübte gesellschaftliche Solidarität zu hinterfragen.

Das zeigt sich konkret an der gegenwärtig beobachtbaren Ausdünnung der Mittelschicht, deren unteres Spektrum zunehmend vom Abstieg in ein neues sozialen Prekariat bedroht ist. Zur Aufrechterhaltung des derzeitigen Sozialstaates müsste der verbleibende und von immer größeren Abstiegssorgen geplagte Teil der Mittelschicht eine größere Last schultern, heißt es. Gegen solche Mehrleistungen regt sich Widerstand, dem übrigens erst vor einigen Monaten der in Wien tätige Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk argumentative Unterstützung zukommen ließ. Bei Sarrazin findet sich diese Verweigerungshaltung, für soziale - im konkreten Fall moslemische - Unterschichten zu zahlen, rassistisch überspitzt.

2.) Einen weiteren Anknüpfungspunkt zu aktuellen Entwicklungen liefert Sarrazins Text im Hinblick auf einen zunehmend Anklang findenden biologischen Determinismus. Genetik, Neurowissenschaften und andere Disziplinen sehen verstärkt in physiologisch-chemischen Prozessen eine Ursache bestimmter kultureller Verhaltensweisen. Auch Sarrazin macht sich diesen Ansatz zu eigen, wenn er Intelligenz und damit einen Großteil der sozialen Praxis von Muslimen als weitgehend genetisch bedingt versteht (vgl. Hans Rauschers Kolumne).

3.) Dazu passt: Sarrazin stellt Muslime als einen weitgehend unveränderbaren Typus dar, dem er eine mehr oder weniger monolithische Identität zuordnet - und "bedient" auch damit eine aktuelle gesellschaftliche Tendenz, die nicht zuletzt dem wachsenden Stellenwert der Internetdienste geschuldet ist: Laut Facebook-Gründer Marc Zuckerberg sei es bald nicht mehr möglich, dass sich eine Person in sich ändernden sozialen Umgebungen unterschiedlich verhält, weil dies einen Mangel an Integrität signalisiere. Jeder Mensch werde, um als "authentisch" zu gelten, an einer Identität festhalten müssen,

Fazit: Sarrazin argumentiert zweifellos rassistisch: Dass seine Arbeit überhaupt wahrgenommen wird und auf - wenn auch überwiegend ablehnende - Resonanz stößt, hat damit zu tun, dass sich in seinen Thesen ein ‚Zeitgeist' spiegelt. Sarrazin übertreibt, spricht aber - affirmativ - eine allgemeine Befindlichkeit an. Eben darin liegt das Bedenkliche seiner Arbeit. (Klaus Hödl/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2010)

Klaus Hödl ist wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz.

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