"In diesen Schulen entsteht unendlich viel Frust"

31. August 2010, 19:15
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Der Hirnforscher Gerald Hüther fordert einmal mehr Schulen, die Kinder begeistern können

Am politischen Willen dazu zweifelt er. Peter Illetschko fragte nach.

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STANDARD: Schüler haben heute weit weniger Basiswissen als noch vor zwanzig Jahren und zeigen zum Teil große Bildungslücken. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Hüther: Der Unterricht ist in den meisten Fällen leider eine freudlose Angelegenheit. Wenn Schule ohne Begeisterung abläuft, kann sich ein Lehrer noch so sehr abstrampeln, da wird nichts in die Köpfe der Schüler hineingehen. Man kann schon durch heftiges Einpauken Lernprozesse in Gang bringen, der Stoff wird aber nach der Prüfung wieder weg sein.

STANDARD: Warum können wir nur mit Begeisterung langfristige Lernerfolge erzielen?

Hüther: Wenn die emotionalen Zentren des Gehirns angeregt werden, wenn Inhalte uns also unter die Haut gehen, werden Botenstoffe wie Dopamin oder Endorphine ausgeschüttet. Diese Botenstoffe bringen dahinterliegende Nervenzellverbände dazu, verstärkt Eiweiße herzustellen, die für das Auswachsen neuer Fortsätze, für die Bildung neuer Kontakte und für die Festigung all jener Verknüpfungen gebraucht werden. So werden die im Hirn zur Lösung eines Problems oder zur Bewältigung einer neuen Herausforderung aktivierten Verschaltungen gewissermaßen "gedüngt". Daher ist unsere Auffassungsgabe groß, wenn wir mit Freude lernen.

STANDARD: Warum vermittelt die Schule diese Freude nicht?

Hüther: Das Schulsystem stammt aus dem vorigen Jahrhundert. Damals hat man wohl noch geglaubt, dass Gehirne Fässer sind, die man füllen muss - und zwar möglichst schnell. Heute bräuchten wir keine mit Wissen abgefüllten, gut funktionierenden jungen Leute, sondern Entdecker und Gestalter.

STANDARD: Was bedeutet diese veraltete Form des Unterrichts für das Gehirn des heranwachsenden Menschen?

Hüther: Was in vielen Schulen noch immer passiert, ist Abrichtung. Das hat im vorigen Jahrhundert gut funktioniert. Nur damals brauchte die Wirtschaft Menschen, die das gemacht haben, was ihnen gesagt wurde. Die im richtigen Augenblick den richtigen Hebel gedrückt haben. Die für unsere Schulen Verantwortlichen haben offenbar noch nicht bemerkt, dass sich die Welt verändert hat. Heute brauchen Unternehmen Mitarbeiter, die mitdenken, die sich einbringen, die kreativ sind. Stattdessen kommen aus dem gegenwärtigen Schulsystem unendlich viele Schüler heraus, die frustriert sind, die ihre Lust am Lernen meist endgültig verloren haben.

STANDARD: Warum?

Hüther: Sie konnten ihre Grundbedürfnisse nicht stillen, etwa das nach Zugehörigkeit, Nähe und Verbundenheit. Und das nach Aufgaben, an denen sie Wachsen können. Deshalb wollen Kinder auch eine neue Entdeckung nach der anderen machen. Am liebsten mit anderen zusammen. Schüler, die keine Gelegenheit finden, um diese beiden Grundbedürfnisse stillen zu können, suchen nach Ersatzbefriedigungen. Sie finden dann schnell heraus, dass sich moderne Medien gut zur Affektregulation eignen.

STANDARD: Instrumente der Affektregulation gab es immer schon. Auch die Elterngeneration ist stundenlang vor dem TV gesessen.

Hüther: Inzwischen ist die Entwicklung aber weitergegangen, die Affektregulation findet jetzt auf einmal interaktiv, mit einem virtuellen Gegenüber statt. Wenn einer jetzt das Bedürfnis hat, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, muss er das nicht mehr mit realen Menschen machen, dann kann er das mittels Facebook, mit einer Gemeinschaft von 5000 Freunden. Und dann glaubt er, er sei in einer Gemeinschaft aufgehoben. So reagieren vor allem die Mädchen auf Frust. Burschen wenden sich Computerspielen zu. Es gibt sehr viele, die in diesen Online-Spielen hängen blieben, weil sie andere Mitspieler ihrer Gilden nicht im Stich lassen wollen. Eine wunderbare Eigenschaft, aber leider nur virtuell. Und in Südkorea sind schon die ersten jungen Männer vor dem PC verhungert und verdurstet. Die Industrie ist dankbar. Je mehr Leute man hat, die mit ungestillten Bedürfnissen herumlaufen, umso größer wird der Markt für Produkte, die sich zur Affektregulation eignen.

STANDARD: Was kann man also tun, damit autonome Menschen aus Schule kommen?

Hüther: Stellen Sie sich vor, das würde wirklich gelingen. Dann könnten wir zwei Drittel der Produkte, die auf dem Markt sind, einstampfen. Autonome, kreative Menschen brauchen diese statusträchtige Massenware nicht mehr. Die brauchen keine dicken Autos und die brauchen vor allem keine Politiker, die ihnen alle vier Jahre erzählen, sie würden es in der nächsten Periode besser machen. Sowohl Politiker als auch Wirtschaft haben also ein von ihnen nicht ausgesprochenes Interesse daran, dass es möglichst viele Menschen mit ungestillten Bedürfnissen gibt. Denen kann man alles mögliche einreden und anbieten. Das Dilemma, in das die Wirtschaft nun allerdings hineingerät und wo dann auch die Heilung herkommen könnte, heißt: Für die Produkte, die diese Wirtschaft herstellt, braucht man zwar viele gut manipulierbare Kunden mit ungestillten Bedürfnissen, aber um die Produkte herstellen zu können, bräuchte man autonome und kreative Menschen als Mitarbeiter in den Unternehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 01.09.2010)

=> Wissen: Gerechtigkeit


Wissen: Gerechtigkeit

Das Europäische Forum Alpbach 2011 wird sich dem Thema "Gerechtigkeit" widmen. Möglicherweise wird es dann schon die von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) in Alpbach angekündigten Forschungsgespräche vor den Technologiegesprächen geben, um die Hochschulforschung stärker als bisher in den Vordergrund zu rücken. Das Ministerium ist auch Partner der vom Austrian Institute of Technology (AIT, vormals Seibersdorf) veranstalteten Technologiegespräche - neben dem Verkehrs-, dem Wirtschafts- und dem Unterrichtsministerium. (red)

Gerald Hüther (59) studierte Biologie in Leipzig. Ende der 1970er-Jahre floh er aus der DDR in die BRD. Heute leitet er die Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Uni Göttingen. In Alpbach sprach er zum Einfluss digitaler Medien auf Jugendliche.

  • Nur wer mit Begeisterung lernt, lernt nachhaltig, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Heftiges "Einpauken" würde nichts bringen, meint er.
    foto: klepper

    Nur wer mit Begeisterung lernt, lernt nachhaltig, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Heftiges "Einpauken" würde nichts bringen, meint er.

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