Anschlag im Westjordanland überschattet Friedensgespräche

31. August 2010, 22:11
190 Postings

Auto bei Hebron beschossen, vier Israelis tot - Palästinenser nehmen Hamas-Mitglieder fest - Barak kündigt Vergeltung an

Washington/Jerusalem - Trotz eines Anschlags der Hamas im Westjordanland sollen die Nahost-Friedensgespräche in Washington wie geplant stattfinden. Nach israelischen Berichten soll das seit Monaten erste direkte Gespräch zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas wie geplant am Donnerstag stattfinden. Bereits am heutigen Mittwoch kommen beide in getrennten Gesprächen mit US-Präsident Barack Obama zusammen. Obama wird außerdem den jordanischen König Abdullah II. und den ägyptische Präsidenten Hosni Mubarak treffen.

Der Anschlag, zu dem sich die radikale Hamas bekannte, wurde scharf verurteilt. "Es darf den Feinden des Friedens nicht erlaubt werden, die geplanten Verhandlungen zu beeinflussen", sagte auch der für den Nahost-Friedensprozess zuständige UNO-Sonderkoordinator, Robert Serry, in Jerusalem. Vielmehr müssten beide Seiten "mit Entschlossenheit und Mut und im Interesse beider Völker auf eine endgültige Einigung hinarbeiten".

Palästinenser erschießt vier Israelis - Barak kündigt harte Reaktion an

Bei dem Anschlag hat ein Palästinenser im Westjordanland vier Israelis erschossen. Polizeisprecher Micky Rosenfeld erklärte, der Mann habe in der Nähe von Hebron bei Kirjat Arba auf ein Fahrzeug geschossen. Bei den Todesopfern handelte es sich nach Angaben der Rettungsdienste um zwei Männer und zwei Frauen. Die israelischen Behörden hatten befürchtet, dass militante Palästinenser versuchen könnten, mit Angriffen auf Israelis die neuen Gespräche zu sabotieren.

Nach dem Anschlag hat der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak umgehend eine harte Reaktion angekündigt. Ziel des Attentats sei es, die direkten Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern zu sabotieren, die am Donnerstag nach fast zweijähriger Pause wieder aufgenommen werden sollen. "Israel wird es den Terroristen nicht erlauben, dass sie ihre Köpfe erheben, und wird von den Mördern und denen, die sie geschickt haben, den Preis einfordern", sagte Barak.

EU-Außenbeauftragte verurteilt Attentat

Die Europäische Union hat den Anschlag bei Hebron im Westjordanland, bei dem vier Menschen getötet wurden, scharf verurteilt. "Mit diesem nicht hinnehmbaren Angriff haben die Feinde des Friedens versucht, die Nahost-Friedensverhandlungen zu torpedieren", heißt es in einer Erklärung der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton vom Mittwoch in Brüssel. "Aber wir sind entschlossen, den Feinden des Friedens nicht das Feld zu überlassen."

Ashton forderte Israelis und Palästinenser auf, sich bei den am Donnerstag in Washington beginnenden Nahost-Friedensverhandlungen "mit Entschlossenheit zu engagieren". "Es ist unerlässlich, dass beide Seiten auch in schwierigen Zeiten die Ruhe bewahren und mit Mäßigung handeln, um auf dem Weg zu einem gerechten, dauerhaften und umfassenden Frieden in der Region Fortschritte zu machen."

Palästinenser nehmen nach Anschlag Hamas-Mitglieder fest

Der palästinensische Ministerpräsident Salam Fayyad verurteilte den Anschlag ebenfalls auf das Schärfste. Diese Aktion stehe im Widerspruch zu den Interessen der Palästinenser und unterminiere alle Bemühungen um internationale Unterstützung. Zugleich versprach Fayyad, dass seine Regierung alles versuchen werde, um weitere Zwischenfälle zu verhindern.

Am Mittwoch hat die Palästinenserpolizei im Westjordanland nach dem Anschlag Dutzende Mitglieder der radikal-islamischen Hamas festgenommen. Aus Hamas-Kreisen verlautete, die Sicherheitskräfte hätten in der Nacht etwa 50 Menschen in Haft genommen. Der militärische Flügel der im Gazastreifen herrschenden Organisation hatte sich zu dem Feuerüberfall bei Hebron im südlichen Westjordanland bekannt.

Der US-Sondergesandte für den Nahen Osten, George Mitchell, äußerte sich optimistisch über die geplanten Verhandlungen. Abbas und Netanyahu seien sich bewusst über die Gelegenheit, jetzt umfänglichen Frieden in der Region schaffen zu können. "Sie wissen, dass dies ein seltener Moment ist, in dem eine Möglichkeit besteht, eine Zwei-Staaten-Lösung zu erreichen", sagte er am Dienstag in Washington.

Hamas: Anschlag "natürliche Reaktion"

Der bewaffnete Flügel der radikal-islamischen Hamas- Organisation hat den tödlichen Anschlag auf vier Israelis als "natürliche Reaktion" auf die israelische Besatzung im Westjordanland beschrieben. In einer Stellungnahme der Kassam-Brigaden hieß es am Dienstagabend, Auslöser seien die "Verbrechen Israels". Laut der Nachrichtenagentur Reuters bekannte sich die Hamas über einem Sprecher zu dem Attentat.

"Es ist eine Erinnerung daran, dass der bewaffnete palästinensische Widerstand ungeachtet des Kriegs zu seiner Vernichtung weitergeht", hieß es in der Erklärung. Bei dem Anschlag waren zwei Männer und zwei Frauen ums Leben gekommen, eine davon hochschwanger. Die blutige Tat überschattete die am Donnerstag geplante Wiederaufnahme von Friedensgesprächen zwischen Israel und den Palästinensern in Washington.

Skepsis auf beiden Seiten

Bei den neuen Friedensverhandlungen soll es um die schwierigen Kernfragen des Nahost-Konflikts gehen, etwa den künftigen Grenzverlauf, den Status Jerusalems sowie das Problem der 4,8 Millionen palästinensischen Flüchtlinge. Auf beiden Seiten herrscht Skepsis hinsichtlich der Erfolgschancen der Gespräche, die nach dem Willen Obamas binnen eines Jahres abgeschlossen werden sollen.

Während für Israel Sicherheitsinteressen im Mittelpunkt stehen, haben die Palästinenser gedroht, die Gespräche umgehend wieder abzubrechen, sollte der Siedlungsbau im Westjordanland nach dem 26. September wieder aufgenommen werden. An dem Tag endet ein auf zehn Monate befristeter israelischer Baustopp in dem Palästinensergebiet.

Neue Bauaktivitäten angekündigt

Die Gespräche können deshalb möglicherweise beendet sein bevor sie begonnen haben, denn: Die jüdischen Siedler im Westjordanland wollen nach dem Anschlag den von der Regierung verhängten Baustopp vorzeitig beenden. Der Yesha-Rat, der die Siedler repräsentiert, kündigte am Mittwoch an, die Bauarbeiten würden am Abend wiederaufgenommen. Das Moratorium der israelischen Regierung ist auf zehn Monate befristet und läuft eigentlich bis zum 26. September.  (red/APA/apn/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Israelische Polizeibeamte untersuchen den Wagen, in dem bei einem Hamas-Anschlag vier Menschen starben.

Share if you care.