Das alte Europa muss sich neu erfinden, um zu bestehen

31. August 2010, 18:55
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Abschluss beim Forum Alpbach: EU-Weise mahnen zu raschem Handeln und Lösungen für Ältere

"Europa hat nur eine Wahl: Entweder es reformiert sich grundlegend, oder es wird untergehen." Auf diese Formel brachte der Generalsekretär des EU-Weisenrates, Ziga Turk, die Perspektive des Kontinents zum Abschluss des politischen Symposiums bei Forum Alpbach am Dienstag. Die Herausforderungen seien groß in der Dynamik der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung.

In postindustrieller Zeit müssten sich die seit Jahrhunderten dominierenden Mächte Europas darauf einstellen, dass sie nicht mehr allein auf dem Gipfel von Wohlstand und Entwicklung stünden. Die Zukunft werde darin bestehen, dass andere große Nationen und Mächte, wie China, Indien oder Brasilien neben den USA als Konkurrenten und Partner existierten, so Turk. Um bestehen zu können, müssten sich die Europäer vor allem dreier "Werkzeuge" bedienen: neuer Energieformen wie der Sonne, einer gut ausgebildeten Bevölkerung, des allerwichtigsten Kapitals, und gemeinsamer Institutionen, um sich in der Welt Geltung zu verschaffen. Turk zeigte auf, dass die Europäer bei Forschung und Entwicklung relativ gesehen zurückfielen.

Rainer Münz, Professor für Bevölkerungswissenschaft, der neben der früheren lettischen Präsidentin Freja Vike-Freiberga ebenfalls dem Weisenrat angehörte, konkretisierte die Erfordernisse in fünf Punkten: Die Europäer müssten länger arbeiten, es müssten mehr Frauen in den Arbeitsprozess kommen, Europa brauche gezielte Zuwanderung, es müssten die Fähigkeiten und die Ausbildung der Menschen ständig verbessert werden, und dazu brauche es tiefgehende Reformen der Institutionen. Europa sei im Weltmaßstab eine "alte Gesellschaft". Handle es nicht nach diesen Grundlinien, ließe sich der Wohlstand einer alten Population, die immer weniger Kinder habe, längerfristig nicht halten. Das seien aber Dinge, die für die Bürger nicht leicht zu tragen seien, betonte Münz.

Die Einsicht, dass Europa sich zur Problemlösung rascher und tiefer integrieren müsse - wirtschaftlich, sozial, sicherheitspolitisch -, zog sich beim Forum wie ein roter Faden durch alle Debatten. Ex-Vizekanzler Wilhelm Molterer strich hervor, dass Europas Politiker dabei aber vor einem Dilemma stünden: "Wenn man heute als Pro-Europäer auftritt, läuft man Gefahr, Wahlen zu verlieren. Vor zehn Jahren konnte man damit Wahlen gewinnen. Das ist der entscheidende Punkt." (Thomas Mayer aus Alpbach/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2010)

 

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