Abschluss beim Forum Alpbach: EU-Weise mahnen zu raschem Handeln und Lösungen für Ältere
"Europa hat nur eine Wahl: Entweder es reformiert sich grundlegend, oder es
wird untergehen." Auf diese Formel brachte der Generalsekretär des
EU-Weisenrates, Ziga Turk, die Perspektive des Kontinents zum Abschluss des
politischen Symposiums bei Forum Alpbach am Dienstag. Die Herausforderungen
seien groß in der Dynamik der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung.
In postindustrieller Zeit müssten sich die seit Jahrhunderten dominierenden
Mächte Europas darauf einstellen, dass sie nicht mehr allein auf dem Gipfel von
Wohlstand und Entwicklung stünden. Die Zukunft werde darin bestehen, dass andere
große Nationen und Mächte, wie China, Indien oder Brasilien neben den USA als
Konkurrenten und Partner existierten, so Turk. Um bestehen zu können, müssten
sich die Europäer vor allem dreier "Werkzeuge" bedienen: neuer Energieformen wie
der Sonne, einer gut ausgebildeten Bevölkerung, des allerwichtigsten Kapitals,
und gemeinsamer Institutionen, um sich in der Welt Geltung zu verschaffen. Turk
zeigte auf, dass die Europäer bei Forschung und Entwicklung relativ gesehen
zurückfielen.
Rainer Münz, Professor für Bevölkerungswissenschaft, der neben der früheren
lettischen Präsidentin Freja Vike-Freiberga ebenfalls dem Weisenrat angehörte,
konkretisierte die Erfordernisse in fünf Punkten: Die Europäer müssten länger
arbeiten, es müssten mehr Frauen in den Arbeitsprozess kommen, Europa brauche
gezielte Zuwanderung, es müssten die Fähigkeiten und die Ausbildung der Menschen
ständig verbessert werden, und dazu brauche es tiefgehende Reformen der
Institutionen. Europa sei im Weltmaßstab eine "alte Gesellschaft". Handle es
nicht nach diesen Grundlinien, ließe sich der Wohlstand einer alten Population,
die immer weniger Kinder habe, längerfristig nicht halten. Das seien aber Dinge,
die für die Bürger nicht leicht zu tragen seien, betonte Münz.
Die Einsicht, dass Europa sich zur Problemlösung rascher und tiefer
integrieren müsse - wirtschaftlich, sozial, sicherheitspolitisch -, zog sich
beim Forum wie ein roter Faden durch alle Debatten. Ex-Vizekanzler Wilhelm
Molterer strich hervor, dass Europas Politiker dabei aber vor einem Dilemma
stünden: "Wenn man heute als Pro-Europäer auftritt, läuft man Gefahr, Wahlen zu
verlieren. Vor zehn Jahren konnte man damit Wahlen gewinnen. Das ist der
entscheidende Punkt." (Thomas Mayer
aus Alpbach/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2010)