Mysteriöse Winzlinge im Weinberg

31. August 2010, 18:10
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Eine Wissenschafterin aus Innsbruck ist den Geheimnissen eines vor wenigen Jahren entdeckten Rebstock-Parasiten auf der Spur

Die rätselhaften Schmarotzer könnten aus Nordamerika eingeschleppt worden sein.

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Von einer blitzartigen Attacke kann keine Rede sein. Der Angreifer schleicht aus dem Erdreich herbei und legt sich an sein Opfer. Dann beginnt er mit dem Aufbau einer eigenen Zellwand. Die feste Hülle dient dem Einzeller quasi als Kompressorgefäß. Sobald sich in seinem Inneren genug Druck aufgebaut hat, injiziert der Parasit seinen Protoplast, also seine kleinste selbstständig lebensfähige Einheit, in die Wirtszelle. Die Infektion nimmt ihren Lauf.

"Sie bauen sich eine eigene Spritze", erklärt die Mikrobiologin Sigrid Neuhauser im Gespräch mit dem Standard. Gemeint sind Plasmodiophoriden, seltsame Minikreaturen, die schmarotzend in Pflanzen und Algen leben. Ihre systematische Einordnung bereitet der Fachwelt noch immer Kopfzerbrechen. Früher rechnete man die Wesen den Schleimpilzen zu, doch neueren Studien zufolge dürften sie Angehörige der Protozoen-Gruppe Cercozoa sein (vgl. Protist, Bd. 154, S. 341).

Sigrid Neuhauser ist als Wissenschaftlerin an der Universität Innsbruck tätig und arbeitet unter anderem an der Erforschung einer besonders bemerkenswerten Plasmodiophoriden-Spezies. Diese Art lebt nach den bisherigen Erkenntnissen ausschließlich in den Wurzeln von Weinreben. Entdeckt wurde die Art erst 2003 in zwei Weinbergen im deutschen Rheingau. Dort suchten Experten der Universität Mainz und des Forschungszentrums Geisenheim nach Schimmelpilzen, die im Schlepptau von Rebläusen Weinstöcke befallen.

Bizarre kugelige Gebilde

Als sie durch das Mikroskop in mehreren Wurzelhaaren bizarre, kugelige Gebilde beobachteten, baten die Deutschen ihre österreichischen Kollegen in Innsbruck um Hilfe. Ob die vielleicht wüssten, was für Organismen sich da in den Zellen breitmachten?

Gemeinsam fand man es heraus. Bei den Kügelchen handelte es sich offensichtlich um miteinander verklebte Dauersporen einer bis dahin noch unbekannten Plasmodiophoriden-Art. Das Forscherteam, zu dem auch Sigrid Neuhauser gehörte, taufte seine Entdeckung auf den Namen Sorosphaera viticola (vgl. Sydowia, Bd. 57, S. 223). Doch mit der Beschreibung der neuen Spezies fing die Arbeit erst richtig an. Woher stammen die Parasiten? Wieso treten sie zusammen mit Rebläusen auf, und welche Schäden fügen sie den Weinstöcken zu?

Seitdem widmet sich Neuhauser beharrlich der Beantwortung dieser Fragen. Sie untersucht die Verbreitung von S. viticola, nimmt seinen komplexen Lebenszyklus genau unter die Lupe, und analysiert das Erbgut der Miniatur-Organismen - im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts.

Einige erstaunliche Ergebnisse liegen bereits vor. S. viticola lebt nicht nur in deutschen Weinbergen. In Nordamerika wurde die Art auch an mehreren Orten auf der Niagara-Halbinsel an der kanadischen Grenze zu den USA gefunden. Dort befallen die Plasmodiophoriden wilde Weinreben der Spezies Vitis riparia. Am Erstfundort im Rheingau waren Weinstöcke betroffen, die auf eine hybridisierte Wurzelunterlage von V. riparia und der ebenfalls nordamerikanischen Weinart Vitis berlandieri aufgepropft waren.

Stammt Sorosphaera viticola vielleicht aus der Neuen Welt und wurde ähnlich wie die Reblaus Ende des 19. Jahrhunderts nach Europa eingeschleppt? Möglich wäre das, meint Sigrid Neuhauser. Es gibt inzwischen auch erste Hinweise darauf, dass die Parasiten in kultivierten, veredelten Weinstöcken in den USA und Australien vorkommen. S. viticola greift allerdings nicht nur amerikanischstämmiges Wurzelwerk an. Auch in uralten, wurzelechten europäischen Vitis vinifera-Weinstöcken an der Mosel konnte man die Spezies schon nachweisen.

Keine Reblaus-Kooperation

Eine S.-viticola-Infektion äußert sich in erster Linie durch die Bildung von Nekrosen an den Wurzeloberflächen. Man habe aber bislang noch keinerlei Belege für Ertragsverluste oder verringerte Weinqualität durch Plasmodiophoriden gefunden, betont Sigrid Neuhauser. Der Parasit könnte jedoch bei bereits geschwächten Rebstöcken weiteren Schädlingsbefall fördern.

Die Freisetzung von Nährstoffen und Mineralien aus den angegriffenen Wurzelzellen lockt Pilze an, so die Expertin. "Die wachsen dann zielgerichtet dorthin." Ein Zusammenspiel zwischen Rebläusen und S. viticola gibt es dagegen nicht, sagt Neuhauser. Man findet sie nur zufällig im gleichen Habitat.

In österreichischen Weinbaugebieten wurden die mysteriösen Plasmodiophoriden erstaunlicherweise noch nicht nachgewiesen. "Aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit", so Neuhauser. Man hat einfach nur noch nicht intensiv genug gesucht. Und vielleicht an den falschen Stellen. S. viticola scheint nur in eher feuchten Böden vorzukommen. Auf solchen gedeihen übrigens auch die Urformen der Weinstöcke. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 01.09.2010)

  • In Weinbaugebieten in Österreich wurden die seltsamen kugeligen Gebilde 
namens Plasmodiophoriden noch nicht nachgewiesen. Das düfte aber nur 
eine Frage der Zeit sein.
    foto: bisgram

    In Weinbaugebieten in Österreich wurden die seltsamen kugeligen Gebilde namens Plasmodiophoriden noch nicht nachgewiesen. Das düfte aber nur eine Frage der Zeit sein.

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