Die unaufhaltsame Demontage der Generäle

31. August 2010, 18:09

Mehr als 80 Jahre nach ihrer Gründung steuert die Türkei auf eine zivile Verfassung zu

Endet das Referendum am 12. September mit einem Sieg für die Regierung, ist der Weg frei für die Entmachtung der Armee.

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Die letzte Botschaft ist nicht in Stein gehauen. "Ich wende mich an die türkische Armee, deren Siegesserie am Anfang der Menschheitsgeschichte begann und die das Licht der Zivilisation bei ihrem siegreichen Fortschritt trug", steht auf der Messingplatte. 1981, zum 100. Geburtstag von Kemal Atatürk, ist sie an die Granitmauer seines Mausoleums in Ankara gehängt worden. Es war ein zynischer Einfall der Putschgeneräle, die die Macht im Nato-Staat Türkei wieder an sich gerissen hatten. Hunderttausende wurden damals eingesperrt, 50 politische Aktivisten hingerichtet - "einer von links, einer von rechts", wie sich Kenan Evren, der Junta-Chef und spätere Präsident rühmte.

"Wenn ihr eurer Land in den kritischsten und schwierigsten Zeiten vor Unterdrückung, Tragödie und feindlicher Invasion gerettet habt, habe ich keine Zweifel, dass ihr in der fruchtbaren Ära der Republik, ausgestattet mit allen modernen Waffen und Mitteln der militärischen Wissenschaft, eure Pflicht mit derselben Loyalität erfüllen werdet", heißt es auf der Messingplatte mit Atatürks Botschaft vom 29. Oktober 1938. Zwölf Tage später war der schwerkranke Republikgründer tot.

Seine Nachfolger an der Staatsspitze, Zivilisten der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP, schicken sich heute an, die Armee von ihrem angestammten Platz zu räumen. Am Jahrestag des Putschs, am 12. September, soll die Verfassung der Generäle per Referendum in den Mülleimer der Geschichte.

Dabei geht es zunächst nur um die Änderung einer Reihe von Artikeln. "Die zivile Herrschaft hat die Oberhand über die Bürokratie des Militärs", stellt Suat Kiniklioglu jetzt schon fest, Parlamentsabgeordneter und Außenpolitiker der AKP und eines der liberalen Gesichter der Regierungspartei. "Premierminister Erdogan hat seinen Weg durchgesetzt." Die türkische Armee - die zweitgrößte in der Nato - wird demontiert, ihre Führung aller möglichen Straf- taten beschuldigt: Putschpläne, Auftragsmorde, Drogenhandel, fahrlässige oder gezielte Tötung von Zivilisten, Einsatz chemischer Waffen gegen die kurdische Untergrundarmee PKK, dann wieder Zusammenarbeit mit PKK-Gruppen, die sie eigentlich bekämpfen sollte. Mitgeschnittene Telefongespräche zwischen Offizieren und Videos sollen belegen, dass Armeekommandeure Angriffe auf Wachposten zuließen, um die ungeliebte Regierung mit den Verlusten an Soldaten unter Druck zu setzen. Familien gefallener Soldaten klagen nun erstmals die Armee vor Gericht.

Anfang August erreichte diese Demontage ihren bisherigen Höhepunkt. Premierminister Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül blockierten bei der jährlichen Sitzung des Hohen Militärrats die Beförderung von elf Generälen. Und sie setzten durch, dass die Armeeführung ihren Kandidaten für den Posten des Kommandeurs der Landstreitkräfte, Hasan Igsiz, zurückzog. Nie zuvor hatte es eine türkische Regierung gewagt, sich in dieser Weise gegen das Militär aufzulehnen.

Verschwörungspläne

Erdogan und seine Gefolgsleute gehen dabei geschickt vor, betonen politische Beobachter: So hatte ein Istanbuler Strafgericht kurz vor der Sitzung des Militärrats wie schon im vergangenen Februar plötzlich die Verhaftung von 102 hohen Offizieren, darunter 25 Generälen, wegen ihrer angeblichen Beteiligung an Verschwörungsplänen angeordnet. Als die Drohkulisse stand, traf sich Erdogan nachts mit dem scheidenden Stabschef Ilker Basbug zu einem längeren Gespräch. Die Haftbefehle der Justiz verschwanden wieder, Erdogan ging gestärkt in die Sitzung des Hohen Militärrats. Die angeblichen Umsturzpläne des Geheimbundes Ergenekon gegen die Regierung, die seit nun vier Jahren die türkische Innenpolitik in Atem halten, sind ebenso zu einem Instrument der AKP geworden.

Montag dieser Woche haben die Generäle dem Atatürk-Mausoleum wieder ihren Besuch abgestattet; der 30. August ist nationaler Feiertag der Armee. Isik Kosaner, der neue Stabschef, schrieb die übliche Würdigung zum Sieg im türkischen Befreiungskrieg ins Gästebuch. Es ist nicht so, dass die Militärs klein beigäben.

Wie Basbug, sein grimmiger Vorgänger, spricht Kosaner nun von einem "asymmetrischen psychologischen Krieg", der gegen die türkische Armee geführt werde. Beide sehen in dem mittlerweile weltumspannenden islamischen Wohltätigkeitsverein des Predigers Fethullah Gülen, eines Vertrauensmannes von Erdogan, den wirklichen Gegner. "Ergenekon" gegen "Gülen" - eine Verschwörungstheorie steht gegen die andere. Ihre Rolle als modernisierende Kraft der Republik verlor die Armee schon an die Wirtschaft, jene als Gegenpol zum politischen Islam - so die Furcht der alten Kemalisten - wird sie mit dieser Verfassungsänderung und der von Erdogan angekündigten neuen zivilen Verfassung an die schwachen Oppositionsparteien abgeben. (Markus Bernath aus Ankara/DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2010)

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18 Postings
Drago+
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?

Wie schafft es die Türkei, bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 70 Mio. Menschen eine Wehrtauglichkeit von über 20 Mio. Mann zu haben (laut obiger Graphik)..? Üblicherweise gilt die Regel: 10% der Gesamtbevölkerung. Oder würde die Türkei bei einer Generalmobilmachung auch Großväter von über 80 Jahren einberufen?

4green2
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ist eine sehr junge bevölkerung, gibt halt kaum alte leute in vergleich zu den jungen.

das sieht in europa anders aus.

Kubilay Aslan
00

Witzbold, als ob es in der Tr viele gäbe die die 80 Schaffen....

milizia fatale
01
Zählens die Auslandstürken hinzu.

Würde die Türkei alle Wehrtauglichen einziehen, würde die österreichische Bevölkerung mit einem Schlag um ein paar Tausend bis Zehntausend kleiner sein.

Bonafide1
34

Die Generäle sind der einzige Garant für eine pseudo-demokratische Türkei, immerhin um Potenzen besser als ein wahhabitisches Turkistan, klar.

Erdogan und seine Komplizen haben alle Institutionen geschickt unterminiert, auch die der Militärs. Wie er ja einst proklamierte: "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten".

Istanbul wird 2015 die letzte demokratische Bastion bleiben.

4green2
00

gut das es istanbul erst durch den bürgermeister erdogan so gut geht, man stelle sich vor das müll problem währe immer noch nicht gelöst und wasser für waschmaschienen hätten sie auch nicht bekommen.

bisher der erfolgreichste bürgermeister, und der erfolgreichste politiker der türkei ist er leider auch. so ein mist, der türkei gehts ja durch den gut... wie kann man dies nur ändern?

Träume sind Schäume..
00
Erdogan war Bürgermeister von Istanbul

Mit überwältigender Mehrheit gewählt.

Die Stadt ist wohl für euch schon lange verloren ;)

viet
10
So ein Blödsinn!

Diese Phrase hört man nun schon seit 10 Jahren und nichts deutet darauf hin, dass das tatsächlich so wäre.

Und gesetzt der Fall - es wäre so. Die Geister die sie rufen werden sie so schnell nicht los!

Also der Türkei kann man wirklich nur wünschen, dass der Armeeeinfluss so weit wie möglich zurück gedrängt wird. Die haben Null politische Berechtigung.

Im Übrigen ein sehr guter Kommentar von Markus Bernath!

Bonafide1
01
Blödsinn?

http://www.welt.de/data/2004... 43126.html

Ich weiß, es tut verdammt weh, gell?

Sahin A.
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jawohl das hat es hier noch gefehelt.

Welt online als Quellenangabe.

Kleiner Info: Diese Zeitung hat noch nie was von Objektivität gesehen.

Clemo
02

Haben die Militärs viele Fehler gemacht? Ja.
Haben die Militärs die für moslemische Staaten vorbildliche Trennung von Staat und Kirche aufrechterhalten? Ja.

Die AKP hat mit letzterem Probleme. Ohne ein Anhänger von Thilo S. zu sein, der Islam hat keine aufklärerische Tradition und, noch schlimmer, schließt diese im Koran sehr eindeutig aus. Ich hoffe, dass die AKP die guten Seiten dieser laizistischen Tradition jedoch aufrechtzuerhalten vermag. Ob das gelingt bei einem Ministerpräsidenten, der bekanntlich seine Töchter im Ausland studieren lässt, damit sie "freiwillig" ein Kopftuch tragen dürfen (in der Türkei ist das - noch - verboten).

4green2
00

was bitte verstehen sie unter aufklärung? dies ist und war und wird immernoch ein problem der christlichen religion in der westlichen welt bleiben.

finde es toll wenn einige immer vom europäischen christentum auf den islam schliessen wollen!

sie machen sich lächerlich! nicht die ganze welt ist so blöd wie europa gewesen!

gute besserung!

Träume sind Schäume..
00
Immer weiter draufhauen und nicht nachlassen

Die Militärclique gehört ordentlich gestutzt und entmachtet.
Nicht Generäle, sondern das Volk soll ein Land regieren ;)

JonBut
13
Nur keine Krokodilstränen, bitte. Noch nicht.

Türken wissen sehr wohl zwischen Äpfeln und Bananen (Birnen sind da wirklich keine mehr) zu unterscheiden.
Was war am 11.Sept 1980? Schlaraffenland?
Was war die logische Konsequenz ohne Putsch? Weiteres, ziviles Morden, Lynchen... ?
Natürlich hätten es die Unverbesserlichen liebend gern gesehen, wenn in der TR endlich ein Bürgerkrieg losbrechen würde (die Hoffnung lebt ja noch), sie schliessen aber mittlerweile nicht nur das linke Auge, sondern mittlerweile auch das rechte.
Die Junta/Verfassung wurde mit mehr als 90% per Referendum angenommen, schon zig-Male reformiert, zuletzt umfassend von Ecevit und seiner LinksRechtMitte-Koalition.
Und dass der APOTHEKER erst auftauchte, als ein KURDE (ÖZAL) Mini/Präsident wurde sagt ja schon alles

herzl
10
31.8.2010, 19:03
Mütze

Heute tut mir in der Türkei ein Mann mit Mütze nur Leid.

Alba Timur
21

wenn sie wüssten, was dieser mann mit mütze, seit ca 80 jahren in der türkei angerichtet hat, dann würde er ihnen nicht mehr so leid tun.

Helicopterman
13
Dieser "Mann mit der Mütze"

hat den Einfluß der Religion auf die Politik beschnitten, eine moderne säkulare Verfassung geschaffen und die Türkei in die Moderne geführt. Was also hat er Ihrer Meinung nach angerichtet?

Brot Pitt
 
14

Er hat dafür gesorgt, daß die Türke einigermaßen demokratisch ist und das im Gegensatz zu den anderen islamischen Ländern nicht religiöse Fundis regieren.

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