Eigentlich wollte Seyit Arslan nur ein paar Semester Elektrotechnik in Wien studieren. Heute ist er Journalist, und Wien ist seine Stadt
Der 11. September 2001 hat die Welt sehr verändert - an diesem Tag
hat sich auch mein Leben verändert. Im türkischen Fernsehen habe ich
gesehen, wie Flugzeuge in das World Trade Center fliegen, ich dachte, es
wäre ein Film. Dass es ein Terroranschlag war, habe ich am gleichen Tag
in Österreich erfahren. Denn ich bin am 11. September 2001 nach
Österreich immigriert. Drei Jahre bleibe ich maximal in Wien, habe ich
damals gesagt. Aber jetzt ist Wien meine Stadt geworden. Hier habe ich
meine Frau Zehra kennengelernt, die Informatikerin ist und ebenfalls aus
der Türkei stammt. Hier wurde vor acht Monaten Tahir, mein Sohn,
geboren.
Ich habe Elektrotechnik studiert, zuerst in Istanbul, dann an der
Technischen Universität Wien. Aber Technik war nicht ganz das Richtige
für mich, ich habe mich sehr für Politik und Soziales interessiert. In
den letzten Monaten meines Studiums kam das Angebot, Geschäftsführer von
Zaman zu werden. Ich habe während des Studiums schon ab und zu dafür
geschrieben, Journalismus begeistert mich. Zaman erscheint seit ungefähr
drei Jahren wöchentlich, auf Deutsch und auf Türkisch. Ich habe das
Geschäft mit zwei oder drei Mitarbeitern übernommen, heute arbeiten in
unserem Büro in der Rotenturmstraße acht Leute.
Ohne Deutsch hat man gar nichts
Während des Studiums habe ich als Mathematiklehrer gearbeitet und dabei
die Probleme von Familien ganz gut kennengelernt. Viele wissen nicht,
wie das österreichische Bildungssystem funktioniert. Deutsch ist das
Wichtigste. Wenn man die Sprache lernt, hat man Aufstiegschancen, sonst
hat man gar nichts. Ich selbst habe erst hier in Österreich Deutsch
gelernt, ein Jahr lang. An der TU habe ich mich auch mit Englisch ganz
gut durchgeschlagen.
Istanbul, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist für mich die
schönste Stadt der Welt. Meine Familie ist dort auch zugewandert, sie
kamen 1970 aus einer kleinen Stadt in Mittelanatolien. Mein Vater hat
nur die Grundschule absolviert, später wurde er dann Geschäftsmann.
Bildung hat einen großen Stellenwert in meiner Familie, besonders meine
Mutter hat mir immer sehr geholfen.
Anstatt über wichtige Themen wie Bildung zu diskutieren, redet man hier
oft nur über Kleinigkeiten. Zum Beispiel, dass die Firma Nöm Milch -
also Süt - mit türkischer Aufschrift verkauft. Das ist ganz einfach ein
Marketingkonzept, das hat nichts mit einer Parallelgesellschaft oder
Desintegration zu tun. Österreich ist ein starkes Land, es müsste viel
wichtigere Themen diskutieren und eine Vision für sich selbst finden.
Sonst geht man verloren in diesem alltäglichen Hin und Her: Was hat
Strache gesagt, was ist die Reaktion der Muslime, und so weiter.
Seit ich hier lebe, wird immer wieder über Minarette geredet. Es ist für
die Menschen schon zur Gewohnheit geworden, über Reizwörter wie Islam
oder Türken oder Moscheen zu diskutieren. Aber die meisten haben kein
soziales Problem mit Ausländern, sie haben einfach Zeit, darüber zu
reden. In Wien gibt es doch genug, um es zu teilen. Es gibt genug
Wasser, genug Strom, genug Geld in dieser Stadt. Viele Zuwanderer
arbeiten Tag und Nacht. Trotzdem sind 42 Prozent der Türken hier
entweder arm oder von Armut bedroht. Was ist das für ein Sozialstaat?
Migrationspolitik wird mit Ängsten vermischt. Aber Religion ist eine
private Sache, die in manchen türkischen Familien kaum eine Rolle
spielt. In meiner schon: Meine Frau trägt ein Kopftuch. Das ist ihre
Entscheidung, in die ich mich nicht einmische. Sie hat es schon
getragen, als wir uns kennengelernt haben. Bei uns in der Redaktion
fasten auch alle jetzt im Ramadan. Das ist ein sehr besonderer Monat.
Beim Fastenbrechen am Abend ist die Flutkatastrophe in Pakistan ein
großes Thema, ich habe oft gehört: Wir haben etwas zu essen, in Pakistan
haben sie das nicht. So etwas gibt uns Motivation zum Fasten und auch
zum Spenden. Eine türkische Hilfsorganisation hat sogar bei uns in der
Zeitung inseriert.
Türke oder Österreicher?
Ob ich hier alt werden will? Gute Frage. Ich vermisse Istanbul, aber ich
kenne Wien besser als die Stadt, die ich als Zwanzigjähriger verlassen
habe. Ob sich mein Sohn später als Türke oder als Österreicher fühlt,
das ist seine Entscheidung. In einer globalisierten Welt wird man sich
diese Frage in 20 Jahren vielleicht gar nicht mehr stellen. Wichtig ist,
dass man ein guter Mensch ist. Wir haben hier viele Freunde, ein gutes
Umfeld, ich bin zufrieden mit unserer 60-Quadratmeter-Wohnung. In
Istanbul hätten wir vielleicht 100 Quadratmeter und einen Balkon. Mit
meinem Studium könnte ich dort gut leben. Ich muss nicht in Österreich
bleiben, sollte ich diskriminiert werden. Viele Menschen sagen jetzt
vielleicht: Dann geh doch heim. Aber das ist wirklich keine kluge
Antwort. (Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe, 1.9.2010)