derStandard.at-Interview

"Schubhaftzentrum war für mich Jahrhundertchance"

Marie-Theres Egyed, Sebastian Pumberger, 5. September 2010, 14:12
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    Wenn eine Gemeinde Problem hat, kann auch ein Schubhaftzentrum dem Gemeindebudget dienlich sein: "220 Personen im Schubhaftzentrum sind 120.000 Euro für das Gemeindebudget", so der Bürgermeister von Vordernberg gegenüber derStandard.at.

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    foto: apa/gubisch

    Innenministerin Maria Fekter bei der Besichtigung des Bauplatzes im vergangenen Winter.

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    foto: bmi

    Der Siegerentwurf des Schubhaftzentrums.

In Vordernberg wird ein Schubhaftzentrum als letzte Chance gegen die Abwanderung angesehen

Vordernberg, am Ende des gleichnamigen Tals. Aufgrund der Lage haben es Industrie und Gewerbe hier schwer, Arbeitsplätze im Bergbau und bei der ÖBB gibt es schon lange nicht mehr. Der Bürgermeister der Marktgemeinde, Walter Hubner, erklärt im derStandard.at-Interview, warum er als einzigen Ausweg die Errichtung eines Schubhaftzentrums sieht und was er sich davon erwartet. Bis 2012 wird dieses nun erbaut, 150 Arbeitsplätze sollen dadurch entstehen.

*****

derStandard.at: Herr Hubner, in Eberau gab es rund um das Asyl-Erstaufnahmezentrum eine heftige Diskussion, warum wollen sie nun ein Schubhaftzentrum in Vordernberg haben?

Hubner: Die Situation in Vordernberg ist so, dass wir prozentuell gesehen jene Gemeinde sind, die den höchsten Bevölkerungsrückgang vorzuweisen hat. Vor 40 Jahren haben noch rund 200 Vordernberger am Erzberg und bei der ÖBB Arbeit gefunden. Das gibt es alles nicht mehr. Durch das Schubhaftzentrum entstehen 150 Arbeitsplätze. Aus dem Grund war das für mich die Jahrhundertchance. Welche Alternative haben wir ?

derStandard.at: Gab es sicherheitstechnische Bedenken der Bevölkerung?

Hubner: Bedenken gab es hauptsächlich dahingehend, was passiert, wenn das Gebäude in ein Erstaufnahmezentrum umgewandelt wird, wo die Asylanten also doch freigehen können. Wir haben klare Vereinbarungen mit dem Innenministerium, dass keine Schubhäftlinge nach Vordernberg kommen, die straffällig geworden sind. Also nur Schubhäftlinge, die den einzigen Fehler gemacht haben, dass sie in ein Land eingereist sind, in dem sie sich nicht aufhalten dürfen.

derStandard.at: Ein Schubhaftzentrum braucht ja auch Fachkräfte. Welche Arbeitsplätze sehen sie für die Region?

Hubner: Es gibt zwei Komponenten. Der eine betrifft Polizisten, die wird nicht alle stellen können. Wir können nicht sechzig Polizisten aus der Gemeinde lukrieren. Aber es gibt auch den Bereich der Reinigung, der Küche, der Bäckerei oder der Instandhaltung. Wir brauchen einen Trafikanten, einen Arzt, einen Friseur oder einen Zahnarzt. Das sind alles Bereiche die wir aus dem Ort oder der Region abdecken können und auch werden.

derStandard.at: Wird es auch Synergieeffekte geben, das beispielsweise ein Zahnarzt sowohl für das Schubhaftzentrum als auch für die Bevölkerung zuständig ist?

Hubner: Durchaus möglich. Es soll aber auch die Region mitpartizipieren. Wir haben in Vordernberg keinen Bäcker. Also wird der Bäcker aus Eisenerz, Leoben oder sonst wo in der Region kommen müssen. Damit leben auch andere Gewerbetreibende mit. Ich habe mittlerweile einen Ordner mit fast 80 Bewerbungen, ohne dass es eine Ausschreibung gegeben hat. Viele junge Leute aus der Region bewerben sich nun auch für den Polizeidienst.

derStandard.at: Für sie war das Schubhaftzentrum die einzige Option den Standort irgendwie aufzuwerten?

Hubner: Ja. Wir haben keinen Autobahnanschluss, durch die enge Tallage hat keine Fabrik und kein großes Unternehmen Platz. Die Arbeitsplätze, die wir verloren haben, die kriegen wir nicht mehr. Da müssen wir wirklich eine Alternative finden, die auch langfristig funktioniert. Durch das Schubhaftzentrum wären wir mindestens 25 Jahre abgesichert, so lange läuft der Vertrag.

derStandard.at: Haben Sie sich jemals gefragt, ob noch ein Schubhaftzentrum in Österreich notwendig ist?

Hubner: So wie sich die Zahlen entwickeln, glaube ich nicht, dass das ein Thema ist. Jetzt sind die Schubhäftlinge in Polizeianhaltezentren untergebracht. Schwechat zum Beispiel wird man dann auflösen. Es wird zwei Zentren geben, im Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände sind die „Strizzis" untergebracht, bei uns sind die unbescholtenen.

derStandard.at: Es wird also eine komplette Zweiteilung geben?

Hubner: So ist es vereinbart. Die, die irgendetwas „gedraht" haben, kommen nicht zu uns. Man kann jedoch nicht nicht nur von den Arbeitsplätzen reden, wir sichern auch Infrastruktur. Unser Nahversorger tut sich schwer mit 1100 Einwohner, es ist für den Friseur oder den Arzt auch nicht einfach.

derStandard.at: Und die Abwanderungstendenz, glauben Sie, wird die dadurch gebremst?

Hubner: Davon bin ich überzeugt. Wir brauchen sechzig Polizisten, da stehen meistens sechzig Familien dahinter. Warum könne die nicht seßhaft werden?

derStandard.at: In Eisenerz, gibt es mittlerweile Rückbaupläne für Infrastruktur. Gab es solche Überlegungen auch in Vordernberg?

Hubner: Nein, so weit wollten wir es nicht kommen lassen. Was aber mit dem Schubhaftzentrum in Verbindung steht: Im Jahr 1981 hat man begonnen das öffentliche Kanalnetz neu zu verlegen. Das ist im Wesentlichen mit Darlehen finanziert worden. Damals gab es noch über 2000 Einwohner, die als Berechnungsgrundlage herangezogen wurden. Diese Darlehen müssen jetzt von immer weniger Leute bedient werden. Wir müssten kostendeckende Gebühren verrechnen. Das ist ein Riesenproblem. Bei der Wasserversorgung und der Müllbeseitigung dasselbe Thema. Ein weiteres Problem ist die Straßenbeleuchtung und die Schneeräumung.

derStandard.at: Gibt es durch das Schubhaftzentrum dann auch mehr Möglichkeiten?

Hubner: Auf jeden Fall. Schubhäftlinge, die zum Stichtag - das ist Ende Oktober - gemeldet sind, die zählen im Sinne des Finanzausgleichs. 220 Personen im Schubhaftzentrum sind 120.000 Euro für das Gemeindebudget.

derStandard.at: Gibt es unter den Gemeinden der strukturschwachen Region einen Wettbewerb?

Hubner: Nein, ich merke das nicht. Mir ist nur eines aufgefallen: Wir haben das Thema ein knappes Jahr vor der Gemeinderatswahlen diskutiert, das war schon heikel, weil wenn mir etwas ähnliches wie in Eberau wiederfährt, dann bin ich politisch hin, dann brauche ich bei der Gemeinderatswahl nicht mehr antreten. Ich habe nur nachher gemerkt, dass das Projekt Schubhaftzentrum durchaus andere Gemeinden auch interessiert hätte, aber man hat es sich nicht getraut vor der Wahl anzugehen. (Marie-Theres Egyed, Sebastian Pumberger/derStandard.at, 5.9.2010)

Info

Vordernberg hatte einst 2900 Einwohner, heute sind es 1103. Nach dem Niedergang der Stahlindustrie zogen viele Menschen ab. Als einzige Chance sah der Ort nun die Aufnahme des Schubhaftzentrums, welches ab nächstem Jahr gebaut, mit ungefähr Ende 2012 in Betrieb genommen wird. Bei einer Befragung der Bevölkerung haben rund 70 Prozent der Vordernberg dem Schubhaftzentrum zugestimmt.

Nachlese

derStandard.at-Reportage über Leoben und Umgebung: Arbeiterhochburg im Abstiegskampf

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Posting 1 bis 25 von 28
1 2
Camilla Vanilla
00
10.3.2011, 09:30
die planer für das schubhaftzentrum

wollen jetzt auch noch ein wissenschaftliches kompetenzzentrum einrichten - in der annahme, dass das zusätzliches geld vom ministerium und der eu gibt.

quelle: direkt vom verfasser des konzepts in gastronomiebetrieb - die wollen alles steuern und lenken. schöööön.
der berater hat ihnen dann zu einem anderen "wording" geraten, weil ihm das dann in der wirkung doch etwas zu großspurig erschienen ist.

ja, ja - großspurig - da werden sich die richtigen menschen das steuergeld teilen für ihre wunderbare lenkarbeit.

Der Beobachter3
00
Tolle Logik!!

Was soll man von einem SPÖ Mann erwarten?

happyhour1
 
00
Abseits des Inhalts ...

Wir können ... Polizisten nicht 'lukrieren'. Der Herr meint wohl: 'rekrutieren'. Gelegentlich 'lukrieren' Polizisten aktiv. Aber das ist eine andere Geschichte.

FFluXXuSS
00
Gegen Abwanderung Schubhaft? Finden Sie das nicht überzogen?

S´gibt ja auch kein Anhaltelager für die Einreise in die Großstadt.
Der Inhalt des Artikels ist egal - die wahrhafte Würze liegt tatsächlich in den Überschriften und der Gefahr, diese falsch(?) zu lesen.

Michael B
21
Die Lösung - wir brauchen also ca. 500 Schubhaftzentren

Dann können wir die entlegenen Gemeinden alle erhalten, die sonst in 30-40 Jahren ausgestorben wären....

Lorelei Sonnenschein
10
...danke, das habe ich mir auch gedacht....

...Schubhaftzentren gegen die Wirtschaftskrise ausgelöst durch Korruption von Politik und Finanz!

Wow, ob das noch zu toppen ist?

wiesengarten
33
Tief ist die Steiermark gesunken

Es tut weh das zu lesen. So mutlos.
Warum können die BürgermeisterInnen der Region nicht aktiv Asylsuchende verlangen, die 2 bis 4 Kinder haben und ihnen von den noch vorhandenen Facharbeitern die so notwendigen metallverarbeitenden Berufe beibringen?
Eisenerz, so eine schöne Stadt, soll "zurückgebaut" werden, Schule wird abgerissen, Werkswohnungen werden abgerissen. Und wer wird die nicht mehr Wegziehfähigen in den nächsten Jahren versorgen?
Wer gibt Herrn Schobner die Sicherheit, dass die Versorgung der Schubhäftlinge nicht wieder an eine Dumpingfirma geht wie in Traiskirchen?
Die letzte Hoffnung in ein Zentrum für Ausgestoßene, für Verlierer zu stecken ist einfach nur traurig.

black jack
01

Es hat sich wer woanders verkalkuliert, den Stahl machen's jetzt auch woanders und letztlich sind die Eisenerzvorkommen fast erschöpft, womit neben dem Abbau auch der Abtransport per Bahn betroffen ist.

Die Industrie mit Massenarbeitsplätzen ist somit unwiederbringlich verloren. Ein paar Handwerker (das ist mit Industriearbeitsplätzen nicht vergleichbar!) anlernen, wird das Problem der ganzen Region nicht lösen.

Hubert Ungeist
 
12
ASLY ist KEINE Einwanderungsschiene

so wie sie es aufziehen würden.

Wolfgang Altrichter
02

Die Schuld liegt nicht bei der Gemeinde Vordernberg, was kann man dafür das 2 Lebensadern eingegange sind.

Das wäre so , als wenn man eine Autobahnausfahrt wie etwas ANsfelden oder Loosdorf schliesst, inkl. die Autobahn und die ganzen Shops wegnimmt, dann ist der Ort erledigt. So geschehen in Vordernberg.

Leute und Arbeitspotentiale zurückzuholen ist eben einmal eine verdammt harte Sache!

Herzerzog Johann
14
Wer sollte freiwillig nach Eisenerz oder Vordernberg ziehen?

Und warum sollte er das tun? Wer einen metallverarbeitnden Beruf erlernt, bleibt dort mangels Arbeit erst recht nicht. Die Zeit dieser Orte ist leider abgelaufen, die Karawane weitergezogen, daran kann niemand etwas ändern, schon gar nicht die Politik.

californian fall
62

gebt das kaff halt endlich auf, ihr nostalgiker.

europa.eu
00

Warst noch nie dort, gell.

J. Neuhauser
00
gebts doch österreich

ganz europa auf!

tommy vie
02
das haben sich

die Grünen und ander linke Phantasten zur Aufgabe gemacht

californian fall
10

eh. mut zur lücke.

Erzpiefke
 
12
Vernünftige Bevölkerung + Bürgermeister

Mann40
21

ich verstehe die Sinnhaftigkeit eines Schubhaftzentrums in Vordernberg nicht.
Wenn also Asylbewerber via Flugzeug in das Herkunftsland abgeschoben werden, dann ist doch eine Lage in Schwechat od. Umgebung bzw. nahe eines anderen Flughhafens 100x besser.

Ausser man will, dass sich ein hoher Prozentsatz der Abzuschiebenden in Vordernberg suizidal verhält, denn dort (ich kenne es aus einer vorjährigen Reise) sagen sich nicht einmal mehr Fuchs & Henne gute Nacht.

Prof. Alois
 
00
Der äußerste Osten Österreichs wäre am sinnvollsten

Was sich im Burgenland abgespielt hat, das dürfte noch in Erinnerung sein. Und erklären Sie einmal einer Gemeinde, der es (noch) gut geht, dass dort das EAZ hinkommt. Dann sagen alle, dass man zuerst die Bevölkerung fragen muss. Wenn die keinen Leidensdruck hat, dann sagt sie nein.

Dazu kommten noch Leute wie dieser unsägliche Faymann, die das ganze steng parteipolitisch abhandeln und kurzerhand Kärnten zu Ostösterreich erklären - also eine Gegend, wo die wenigstens Asylsuchenden erstmals auftauchen.

Rene Stangeler
00
Gegen ein Schubhaftzentrum (Gefängnis)

hätten die Burgenländer sicher auch nichts gehabt. Warum auch? Null Kontakt mit den Häftlingen, ausser vielleicht wenn jemand mal einen Transport vom oder zum Haftzentrum sieht.

Anders wärs mit dem Aufnahmezentrum gewesen, 500 Asylwerber in einem Dorft in dem unter Tags zum Grossteil nur ein paar Hundert alte Leute und Kinder sind.(Erwerbtstätige pendeln aus).

A_Schläsinger_vu_Brassel
02

Schön, dass es in Oesterreichs Volke noch eine Mehrheit für ein solches Lager gibt.

Prof. Alois
 
01
Nicht nur schön. Anbetungswürdig!

Allerdings dürfte der wirtschaftliche Leidensdruck dort schon so groß sein, dass selbst die hartgesottensten Ausländerfeinde still werden.

Gegenflieger
11

Ist doch seit Menscheitsanfang so , das wenn die Ressourcen fürs Leben nicht mehr reichen man weitergezogen ist.Ein Asylzentrum wird nicht viel daran ändern.Die Gegend ist faktisch tot.

Rene Stangeler
00
Das ist kein Asylzentrum

sondern ein Schubhaftzentrum. Das heisst dor werden Leute eingesperrt welche trotz negtivem Asylbescheid nicht freiwillig Österreisch verlassen sondern dort ihre Zeit bis zur Zwangsabschiebung verbringen (müssen).

antibakterielles Posting
21

gegen Abwanderung ???

dann hätte man ein ganzes Dorf frei für unsere hoch-geschätzten Asylanten

Wenn sie sich dort selbst versorgen - werden sie auch nicht abhauen

Und wenn die EU endlich den anderen Ländern beim Aufbau hilft wollen alle wieder nach Hause

Und die Frau Fekter wird zur Kranken-Schwester umgeschult

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