Wie Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin argumentiert
Berlin - Bundesbank-Vorstandmitglied Thilo Sarrazin
spitzt komplizierte Sachfragen zu und stellt sie in neue
Zusammenhänge, so dass sich derzeit viele von seinen
integrationspolitischen Thesen provoziert fühlen.
So spricht der frühere SPD-Politiker in seinem Interview mit
der
"Welt am Sonntag" von der kulturellen Eigenheit Frankreichs und
Deutschlands, die aus dem west- und dem ostfränkischen Reich
hervorgegangen sind. "Die kulturelle Eigenart der Völker ist keine
Legende, sondern bestimmt die Wirklichkeit Europas", sagt er. Dann
kommt die Frage: "Gibt es auch eine genetische Identität?" Und
Sarrazin sagt: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben
bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden."
Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen? Das ist natürlich eine
Provokation, zumal in der durch den Holocaust und NS-Rassismus
bestimmten deutschen Debatte. Er habe sich nicht hinreichend präzise
ausgedrückt, erklärt Sarrazin am nächsten Tag. Vielmehr seien
"kulturelle Faktoren" für politische und wirtschaftliche Sachverhalte
entscheidend. Verstanden wurde Sarrazin aber ganz anders.
Sarrazin sagt, er habe sich bezogen auf einen Text aus dem
Berliner "Tagesspiegel" über neueste Forschungs-Ergebnisse aus den
USA und Israel ("Abrahams Kinder"). Der ist allerdings so
kompliziert, dass der Satz "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen",
schlicht falsch ist. Was wäre denn dann mit Konvertiten?
Und dem langen Zeitungsartikel ist durchaus zu entnehmen, dass
Aschkenasen (aus Nord- und Osteuropa) und Sepharden (ursprünglich aus
Spanien und Portugal) sich genetisch näher stehen als den
orientalischen Juden und sich im übrigen kräftig gemischt haben mit
nicht-jüdischen Europäern, von denen sie 30 bis 60 Prozent des
Erbgutes haben. Was nun?
Thesen über die genetische Bedingtheit von Intelligenz weisen
Experten jedenfalls zurück. Sie seien "absoluter Unsinn", sagt der
Entwicklungspsychologe Werner Greve der "Berliner Zeitung". Er
forscht in Hildesheim über das evolutionäre Erbe des Menschen.
"Zwischen Fritz aus Kreuzberg und Mehmet aus Kusadasi gibt es erstmal
keine wesentlichen Unterschiede", sagt der Wissenschaftler. Aber
beide bräuchten möglicherweise spezielle Unterstützung.
"Auch das ist sehr wichtig für die Entwicklung der Intelligenz:
das differenzierte Eingehen auf individuelle Stärken und Schwächen."
In einer Grundschulklasse mit 30 Kindern sei das kaum möglich.
Deshalb brauche es gerade am Beginn der Schulzeit kleinere Gruppen.
"Es gibt Unterschiede", räumt Greve ein. "Aber sie sind nicht
wesentlich. Wir haben so unendlich viel gemeinsam mit Mitmenschen aus
den entlegensten Gegenden auch genetisch."
Auch der Direktor des Instituts für Humangenetik an der
Universität Bonn, Markus Nöthen, sagt dem "Kölner Stadt-Anzeiger":
"Bei hochkomplexen Eigenschaften wie der Intelligenz sind hunderte
von Genen im Spiel." Auch weniger intelligente Eltern könnten
hochintelligente Kinder haben und umgekehrt.
Sarrazin beziehe sich auf Studien, nach denen 50 bis 80 Prozent
der Intelligenz genetisch begründet seien, sagte Nöthen. Es stehe
zwar fest, dass Intelligenz zu gewissen Teilen vererbt werden könne,
"es durch die Vielzahl der beteiligten Gene aber bei Nachkommen immer
wieder zu neuen Kombinationen kommt". Außerdem spielten die sozialen,
wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, in denen Kinder
aufwachsen, für die Intelligenz ebenfalls eine wichtige Rolle.
Sehr zugespitzt argumentiert Sarrazin auch bei der
demografischen
Entwicklung: "Beim gegenwärtigen demografischen Trend wird
Deutschland in 100 Jahren noch 25 Millionen, in 200 Jahren noch acht
Millionen und in 300 Jahren noch drei Millionen Einwohner haben."
Sehr wahrscheinlich wird die deutsche Bevölkerungszahl in den
nächsten Jahren sinken. Aber Berechnungen über 300 Jahre? Wer hat
denn im Jahre 1710 die Bevölkerungs-Explosion des 19. und 20.
Jahrhunderts vorhergesehen? (APA/apn)