Die neue Kunst-Leerstelle nach der Zwischennutzung

31. August 2010, 17:02
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Temporäre Kunsthalle Berlin von Adolf Krischanitz wurde zum geplanten Ablaufdatum (31. 8.) geschlossen

Eigentlich ist der Schlossplatz in der Mitte von Berlin ja eher ein Ort für langfristige Angelegenheiten. Hier stand einmal das alte Stadtschloss, dessen Ursprünge bis in das 14. Jahrhundert zurückreichen und das sich traditionsbewusste Bürger jetzt sehnlichst zurückwünschen. Denn das Schloss wurde 1950 nach schweren Schäden im Krieg endgültig geschliffen, die DDR wollte mit dem imperialen Erbe nichts zu tun haben. Und so wurde der Schlossplatz zu einem Ort für Zwischennutzungen. Als eine solche erwies sich auch der Palast der Republik, das Versammlungsgebäude der DDR und ihrer Volksvertreter, der letztendlich auch nur ein paar Jahrzehnte durchhielt.

In der letzten Zeit hatte ein auffälliges Gebäude den weiten Schlossplatz fast für sich allein: Die Temporäre Kunsthalle Berlin, ein funktionaler Kubus von Adolf Krischanitz, dessen Außenhaut sich zwischendurch immer wieder einmal veränderte - die aktuelle Gestaltung stammt von Carsten Nicolai, der Aufkleber im Umlauf brachte, mit denen die Besucher der Temporären Kunsthalle selbst aktiv werden konnten.

Wie in nicht wenigen Fällen verhält es sich nun auch mit der Temporären Kunsthalle: In dem Moment, in dem sie nach zwei Jahren angekommen zu sein scheint, wird sie wieder geschlossen. Das war von vornherein so gedacht, nun schmerzt es viele Leute aber doch ein wenig, nicht zuletzt auch deswegen, weil die letzte Ausstellung ein Erfolg war.

Für FischGraetenMelkStand hatte John Bock eine labyrinthische Gerüststruktur in den hohen, leeren Raum gebaut. In den Kuben und Kobeln dieser Bück- und Streckwelt hatte er zahlreiche Werke gegenwärtiger und unvergänglicher Künstler untergebracht: Sergej Jensen, Andreas Slominski, Ingrid Wiener, Martin Kippenberger und auch eine der letzten Arbeiten von Christoph Schlingensief. Da jeweils nur 45 Besucher gleichzeitig auf das Gerüst durften, musste man sich für den Rundgang eine Weile anstellen, und Knappheit schafft nun einmal Bedarf: FischGraetenMelkStand wurde ein Publikumshit, was man nicht von allen Ausstellungen dieser zwei Jahre sagen kann.

Von Beginn an war das Projekt vor allem zu einem Zweck lanciert worden: Es sollte den Bedarf nach einer richtigen Kunsthalle in Berlin sichtbar machen. Das Temporäre an der nun zu schließenden Kunsthalle stand also im Dienst der Propagierung längerfristiger kulturpolitischer Weichenstellungen, zu denen die Stadtverwaltung von Berlin nun mehr denn je aufgerufen ist.

Denn die Trägerschaft der Temporären Kunsthalle lag in privater Hand. Der Stifter Dieter Rosenkranz steckte eine Menge Geld in das Vorhaben, der internationalen Kunstszene von Berlin ein vorübergehendes Zuhause zu schaffen. Eine entsprechende Institution fehlt in Berlin, wo zwischen der vielfältigen Galerienszene und den großen Häusern ganz allein die KunstWerke sich für das mittlere Format und die mittlere Aktualitätsgebundenheit mit der entsprechenden Risikobereitschaft zuständig fühlen.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat grundsätzlich seinen Willen kundgetan, eine Kunsthalle in Berlin zu ermöglichen - die konkreten Umsetzungsfragen werden die Stadt aber noch eine Weile beschäftigen, naturgemäß ist die Frage des künftigen Standorts sehr umstritten. Ein weiteres Provisorium ist deswegen nicht auszuschließen, und die Pessimisten schließen schon Wetten darüber ab, was sich länger verzögern wird: der Neubau des Stadtschlosses in seiner historischen Fassade oder die Errichtung einer Kunsthalle für Berlin. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 1. September 2010)

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