Bosporus oder Patscherkofel?

    31. August 2010, 16:26
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    In Deutschland wandern in den letzten Jahren vermehrt hoch qualifizierte Menschen in die Türkei ab. Ein Gespräch mit zwei austrotürkischen Studenten über das Thema "Rückwanderung“.

    Es ist ja nicht so, dass Österreich diese Menschen nicht brauchen würde. Sie sind gebildet, sprechen perfekt Deutsch und könnten als die viel zitierten Brückenbauer, Vorbilder oder Positivbeispiele dienen. Trotzdem entscheiden sich einige türkischstämmige Österreicher in die Türkei auszuwandern. Für Sefer Ülger ist dies verständlich, kennt er doch einige, die diesen Schritt gewagt haben. Als einen Hauptgrund nennt er die besseren Jobchancen: "Oft habe ich das Gefühl, dass ich mich hier für eine Arbeit viel öfter bewerben muss als meine einheimischen Kollegen. Ich denke schon, dass bei den gleichen Qualifikationen der Name ausschlaggebend sein kann."

    Identifikationsproblematik

    Oguzhan Gökdas, der in Innsbruck Internationale Wirtschaftswissenschaften studiert, kann sich hingegen einen Aufbruch in die Türkei nicht vorstellen. "Die Türkei ist kein Land, in dem ich in den nächsten Jahren leben will. Die Gepflogenheiten sind anders als hier und ich begnüge mich mit Urlaubsreisen dorthin. Bei mir sind die Bände mit der Türkei nicht so stark ausgeprägt." Für den 24-jährigen spielt auch die Identifikation bei diesen Überlegungen eine Rolle, da er sich als Innsbrucker und Tiroler Student fühlt.

    Negativer Migrationssaldo

    Was in Deutschland schon seit Jahren Realität ist, beginnt sich nun auch in Österreich zu zeigen - die hoch gebildeten, mehrsprachigen Töchter und Söhne der türkischen Einwanderer finden bessere Arbeits- und Lebensmöglichkeiten in der Türkei als in ihren Geburtsländern. In Deutschland ist der Migrationssaldo schon seit zwei Jahren negativ. 2009 sind 10.000 mehr Türken aus Deutschland in die Türkei gezogen als umgekehrt. Dass sich hierbei durch Familiennachzug nach Deutschland und Brain-Drain-Abgang in die Türkei eine ungünstige Situation einstellt, ist einleuchtend. Ob der Abgang der deutsch-türkischen Studenten bald aufhört ist ebenfalls mehr als ungewiss. Laut einer Studie sehen 36 Prozent der türkischen Studenten in Deutschland ihre Zukunft in der Türkei. Zahlen zur Situation in Österreich gibt es noch nicht.

    Anonyme Bewerbungsschreiben?

    Doch auch bei uns wird darüber diskutiert, was getan werden muss, damit die klugen Köpfe hier bleiben, die man aufgrund wirtschaftlicher und demographischer Vorteile dringend braucht. Oguzhan meint, dass er selber zwar noch nie direkte Erfahrungen mit Diskriminierungen gemacht habe, dass aber seine Eltern bei der Wohnungssuche oft lange Zeit brauchten um etwas zu finden. Seiner Meinung nach ist die Auffälligkeit der ausländischen Namen weniger ein Problem bei Bewerbungen für große multinationale Unternehmen, als vielmehr bei Klein- und Mittelbetrieben oder eben bei Wohnungssuchen. Sefer hat hierbei eine ähnliche Meinung: "Es sind die alltäglichen Erfahrungen. Bei Bewerbungsgesprächen wurde mir manchmal gesagt, dass ich aber schon gut Deutsch spreche. Das ist ärgerlich, man fühlt sich wie ein Akademiker zweiter Klasse." Um derartige Benachteiligungen zu unterbinden, wird in einigen deutschen Bundesländern bereits über anonyme Bewerbungen, bei denen Name und Geburtsort nicht angeführt werden, diskutiert. In Österreich ist eine derartige Regelung noch kein Thema.

    Auswanderung keine Lösung?

    Es kommt aber auch vor, dass die Ankunft in der Türkei nicht die Erwartungen erfüllt. Viele Österreich-Türken kehren nach einiger Zeit wieder zurück, sei es wegen der unterschiedlichen Arbeitsmentalität oder aufgrund von Heimweh nach Österreich. Sefer erklärt diese eigenartige Situation am eigenen Beispiel: "Wenn ich in Österreich bin fehlt mir die Türkei, bin ich aber in der Türkei will ich wieder nach Österreich."

    • "Die Türkei ist kein Land, in dem ich in den nächsten Jahren leben will", sagt Oguzhan Gökdas, der in Innsbruck Internationale Wirtschaftswissenschaften studiert.
      foto: willi kozanek

      "Die Türkei ist kein Land, in dem ich in den nächsten Jahren leben will", sagt Oguzhan Gökdas, der in Innsbruck Internationale Wirtschaftswissenschaften studiert.

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