"La terre de la folie": "Woher all der Wahnsinn kommt, muss vage bleiben"

31. August 2010, 17:35
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Der Filmemacher Luc Moullet ergründet in seinem ironischen Dokumentarfilm eine französische Bergregion, in der man zu Gewaltverbrechen neigt

Dominik Kamalzadeh traf ihn zum Gespräch.

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Wien - Suizid, Totschlag, Mord und andere Gewaltverbrechen. Die französische Region Alpes du Sud, eine dünn besiedelte, von sanften Berghöhen dominierte Landschaft, scheint den wenigen dort lebenden Menschen nicht gut zu tun. Luc Moullet, der weise Narr des französischen Kinos, geht in seinem neuen Dokumentarfilm La terre de la folie einer unerschöpflichen Serie von Gewalttaten auf den Grund. Seine Diagnose: Psychische Störungen, im Volksmund Wahnsinn, treiben die Bewohner zu ihrem irrationalen Verhalten. Einem nicht immer korrekt wissenschaftlich arbeitendem Ethnologen gleich sammelt Moullet mit der Kamera Material.

STANDARD: Wie haben Sie diese erstaunliche Fülle an Gewalt und psychischen Defekten entdeckt?

Moullet: Ich kenne die Region, weil ein Teil meiner Familie von dort kommt. In den vergangenen Jahren habe ich dort ungefähr 60 Fälle von Wahnsinn notiert. Es wurde oft von einer wissenschaftlichen Studie zu all diesen Vorkommnissen gesprochen, die aber bisher nicht stattgefunden hat.

STANDARD: Und alle Fälle sind tatsächlich verbürgt? Manchmal meint man ja, es mit einer Mockumentary zu tun zu haben ...

Moullet: Nein, das ist alles wahr! Es gibt ja auch Veröffentlichungen über kriminelle Handlungen in der Haute Provence. Die Häufigkeit, die Grausamkeit, die fehlenden Schuldgefühle der Täter - all das scheint eine Konstante in dieser Region zu sein. Und die Wirklichkeit geht über das, was man sich vorzustellen vermag, noch hinaus. Ich habe wahrscheinlich sogar ein paar Fälle vergessen.

STANDARD: Am Ende des Films steht ein Streit mit Ihrer Frau. Sie wirft Ihnen vor, sich da in etwas verrannt zu haben. Gab es ein System?

Moullet: Ich wollte die Geschichten und Fälle möglichst kurz darstellen, keine geht in der Endfassung über sechs, sieben Minuten hinaus. Ich hoffte, damit das Pathos zu vermindern, das sich normalerweise ergibt, wenn es um Mord und kriminelle Handlungen geht. Ich glaube, dass man auf diese Weise objektiver wird.

STANDARD: Das Pathos wird ja auch durch Komik gebremst.

Moullet: Durch die rasche Aufeinanderfolge von Morden und Gewalttaten, durch diesen Effekt der Wiederholung, ist der Zuschauer aufgerüttelt, erstaunt über diese Fälle - das kann natürlich auch in Lachen umschlagen.

STANDARD: Aber es geht Ihnen nicht unbedingt darum, die Wahrheit dieser Fälle aufzudecken?

Moullet: Doch, ich suche schon nach einer Art Wahrheit, aber die lässt sich eben nicht so leicht finden. Ich habe ein paar Hypothesen im Film aufgestellt, wenn Sie jene Wahrheit meinen, die sich vernunftmäßig aufschlüsseln lässt.

STANDARD: Gibt es eine andere?

Moullet: Woher all der Wahnsinn kommt, muss vage bleiben. Die Motive der Morde lassen sich nicht ausreichend begründen.

STANDARD: Zu Beginn des Films beschreiben Sie sich als Außenseiter, der sich am liebsten mit Filmen umgibt. Wie nahe ist man als Künstler dem Wahnsinn ?

Moullet: Vor allem, wenn man an Fiktionen denkt, ist das Vorgehen von Künstlern tatsächlich schizophren. Ein Autor erfindet ja auch eine Wirklichkeit, die es nicht gibt - es gibt wohl einen Anteil Wirklichkeit, aber viel davon ist Fantasie. Die Liste von Autoren, die mit Wahnsinn Bekanntschaft machten, ist lang: Hölderlin, Robert Walser, E. A. Poe, Gérard de Nerval, Artaud, im Kino Sam Fuller oder Maurice Pialat ...

STANDARD: Sie beschäftigen sich oft mit der eigenen Künstlerpersona. In "Le prestige de la mort" fingieren Sie sogar Ihren Tod, um posthum Anerkennung zu bekommen.

Moullet: Es ist doch normal, dass man nicht neutral bleibt. Ich habe etwa unlängst einen Film über den Begriff des Meisterwerks, Chef d'oeuvre?, gedreht. Das Meisterwerk hat die Eigenschaft, dass es nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft existiert, aber nie in der Gegenwart. Erst die Nachwelt kann beurteilen, ob man es mit einem solchen zu tun hat. Oft sind das übrigens kleine Arbeiten - die hat man leichter im Griff. Denken sie an die Mona Lisa, die nur ein Quadratmeter groß ist; daneben hängt Die Krönung Napoleons, pompös, riesig und nicht gelungen. Übrigens gibt es auch beim Kurzfilm mehr Meisterwerke als bei abendfüllenden Filmen.

STANDARD: Waren Ihnen denn als Filmkritiker Meisterwerke wichtig?

Moullet: Man versucht immer, ein Meisterwerk zu finden. Aber eigentlich ist das sekundär: Wichtiger ist, den Film zu verstehen, ihn zu mögen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 1. September 2010)

Luc Moullet (72) war Kritiker für die "Cahiers du cinéma" und realisiert seit 1960 Kurz- und Langfilme, oft mit sehr kleinen Budgets. Er gilt als der komischste Regisseur der Nouvelle Vague.

  • Dünn besiedelt, aber jede Menge Gewaltauswüchse: Hobbyethnologe Luc 
Moullet blickt auf sein "Land des Wahnsinns".
    foto: stadtkino

    Dünn besiedelt, aber jede Menge Gewaltauswüchse: Hobbyethnologe Luc Moullet blickt auf sein "Land des Wahnsinns".

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